Friedrich SchillerFriedrich Schiller

Die Horen 3/1796

 

II. 

Der Ritter von Tourville. 

Fortsetzung. 

(Man sehe das zweyte Stück dieses Jahrgangs.)

Nie war dem Ritter seine Einsamkeit lieber gewesen, als jetzt; liebliche Gestalten standen vor seiner Seele, eine unbekannte Gewalt bewegte sein Inneres. Keine Sehnsucht mehr nach der Gesellschaft seiner Freunde, kein Bedürfniß der Zerstreuung; wahrscheinlich dürfte er aller seiner Bekannten, selbst seines Commandeurs vergessen haben, wenn dieser letztere nicht an dem Nachmittage eben dieses Tages, seinen Besuch bey ihm zu machen, gekommen wäre.

Hocquincour wuste auf Siffanto seine Zeit gut zu nützen. Die Stunden, die weder die Besorgung seiner Geschäfte, noch die Jagd ausfüllten, brachte er in der Abtey, unter den schönsten Mädchens Griechenlands zu. Seine Kunst mit Weibern umzugehen, sein Geschmak in der Anordnung kleiner Feste, noch mehr aber die Leichtigkeit, mit der das Gold aus seinen Händen flos, waren das Geheimniß, das ihm das Herz aller dieser KlosterFrauen gewonnen hatte, und während des Aufenthalts der Maltheser an der Küste von Siffanto, war die fromme Andacht aus den Mauern der Abtey verbannt. 

In Klöstern wohnt die Schwatzhaftigkeit, vorzüglich in Frauenklöstern. Diesem Hange hatte die Unterhaltung des Franzosen noch mehr Nahrung gegeben, und so sahe er sich bald im Besitz aller Familiengeheimnisse auf der Insel. Die KlosterFrauen erzählten ihm, daß Gianni eine Tochter habe, die ohne Zweifel den Preiß der Schönheit unter den Mädchen Griechenlands davon tragen würde; die mit dieser hinreißenden Schönheit, Talente, Tugend und Geist verbände, von ihrem Vater in den geheimsten Lehren der Philosophie unterrichtet sey, und alle diese großen Vorzüge unter dem schüchternen Anstande eines achtzehnjährigen Mädchens verhülle. So viel Lob, und kein Tadel? und das alles aus dem Munde junger Frauenzimmer! Kein Wunder, daß Hocquincour vor Begierde brannte, eins o seltenes Geschöpf kennen zu lernen. 

Ohne Umschweife die Absicht seiner Visite anzukündigen, schien bey dem Argwohn, den der Commandeur nährte, das gerade Mittel zu seyn, sie zu verfehlen. Ungesucht sollte sich diese Erklärung, wie von selbst, dem Ritter in den Mund legen. Mit einem natürlich scheinenden Enthusiasmus fieng er an von den mancherley Freuden zu sprechen, die der Aufenthalt auf Siffanto den Fremden darböte; er rühmte die Schönheit der griechischen Weiber; er vergaß die Damen seiner Abtey nicht, und entdeckte dem Ritter, daß das artigste und lieblichste Mädchen, das er je gesehn, sein Herz gefesselt habe. Aber diese Aufrichtigkeit vermochte nichts über den Ritter. Eben so schwieg er bey jedem andern Versuche des Commandeur, ohne eben errathen zu haben, was eigentlich seine Absicht seyn möchte. Und was hätte er auch sagen können? Seine Delikatesse erlaubte ihm nicht, von einem Mädchen zu sprechen, das er noch nicht kannte und das ihm nur wie eine Lichtgestalt erschienen war. 

Da es dem Commandeur auf diesem Wege nicht glüken wollte, so versuchte er es mit freundschaftlichen Vorwürfen und Klagen über die Verschloßenheit des Ritters. „Mehr Zutrauen hätte ich mir wahrlich von Ihnen vermuthet! Warum dieses Heimlichthun? Niemand wird Inen das schöne Mädchen nehmen, in dessen Besitz Sie Sich schon gesetzt haben, zumal hier, wo man das Aussuchen hat; woher denn dieses beleidigende Schweigen? Haben sei in diesem Hause auch die Sitten des strengen Atheniensers angenommen, und sind Sie unter dem Himmel von Siffanto kein Frnazose mehr? Man hat mir so viel reiztendes von der Tochter dieses Hauses gesagt, daß ich vor Begierde brenne, ihr mein Compliment zu machen, ohne Ihnen, Herr Ritter, im geringsten Anlaß zum MIßvergnügen geben zu wollen.“ 

Tourville hatte ihn mit seiner gewöhnlichen Gelassenheit angehört, und antwortete mit dem kaltblütigsten Tone: „Da lehren Sie mich wahrhaftig mehr, Herr Commandeur, als ich selbst von der Familie weiß, bey der ich wohne. Der Athenienser hat zwar eine Tochter, wie ich vor zwey Tagen von ihm erfahren habe, aber ich versichre Ihnen auf meine Ehre, daß ich sie nicht kenne, und daß Niemand zu mir kömmt, als der Hausherr, und zuweilen eine alte Mohrinn, die mir diese Blumen bringt, und die ich nicht verstehe.“ 

Die offene Miene, mit der der Ritter diese Worte sprach, schien ihre Wahrheit zu bestätigen, aber doch zweifelete Hocquincour bey aller guter Meinung von ihm an seiner Aufrichtigkeit. „Verzeyhen Sie mir, Herr Ritter, erwiederte er, ich habe alle Achtung für Sie; aber ich kann es mir unmöglich einbilden, daß Sie nicht wissen sollten, was ganz Siffanto weiß! das schönste Mädchen von Griechenland ist in Ihrem Hause, und Sie sollten nicht die Neugierde gehabt haben, Sie zu sehen?“ 

„Und gesetzt nun, ich hätte diese Neugierde gehabt, wie hätte ich sie befriedigen sollen? Kann ich mein Zimmer verlassen? und trauen Sie einem solchen Mädchen zu, daß sie mich ohne Erlaubniß ihres Vaters besuchen werde, der, wenn sie wirklich so schön ist, wie Sie behaupten, sich wohl hüten dürfte, uns seine Tochter vorzuführen?“ 

„Mein lieber Freund! ich kenne diese Nation besser als Sie, man macht nicht so viel Umstände, und bey aller Strenge, die der Atheniense raffektiert, würde er seine Tochter wahrhaftig nicht vor Ihnen verstekt haben, wenn Sie ernstlich mit ihm gesprochen hätten. Der Mensch ist ja wie bezaubert von Ihnen; man sollte beynahe denken, er sey in Sie verliebt. Benutzen Sie eine so glückliche Disposition, eine kleine Schmeicheley an den Vater, und Sie erreichen Ihren Zweck. Wenigstens, wenn sie selbst kein Interesse dabey haben, thun Sie’s aus Freundschaft für mich. Denn aufrichtig, Freund, ich habe eine rasende Begierde, das Mädchen kennen zu lernen.“ 

Dieser Vorschlag brachte den Ritter etwas aus der Faßung. Es war ihm im Ernste daran gelegen, sich die gute Gesinnung des Commandeur zu erhalten, und doch schien der Charakter des Atheniensers ein unüberwindliches Hinderniß in den Weg zu legen. Er stellte ihm dieses vor, und bat ihn endlich, wenigstens ein Zeuge der Unterhaltung mit dem Hausherrn zu seyn. „Thun Sie, was Ihnen gut deucht, Herr Ritter, sprach der Commandeur etwas verdrüßlich, nur vergessen Sie nicht, daß sich Ihnen jetzt die beste Gelegenheit darbietet, mir Ihre Freundschaft zu beweisen.“ So endigte sich diese Visite mit wenig Zufriedenheit auf Seiten des Commandeur. 

Die reizende Andronica war indessen nicht so leicht zu erobern. Sie hatte Geist und war tugendhaft. Eng und still erzogen, hatte sie vor der Ankunft des schönen Corsaren, die Liebe nur aus Büchern gekannt; die Erfahrung eines Augenblicks, vollendete ihren Unterricht. Die Fremden, die biß jetzt an den Küsten von Siffanto, Schutz oder Erhohlung gesucht hatten, wilde Seeleute, nur mit den groben Sitten ihres Standes bekannt, hatten ihr nur Furcht, und Abscheu einflößen können; daher setzte sie auch jetzt die Aufnahme eines dieser Abentheurer in ihrem eigenen Hause in nicht geringeres Schreken, und sie machte ihrem Vater sogar Vorwürfe über eine so gefährliche Dienstfertigkeit. 

Der gute Alte, schon auf den ersten Blick von dem Fremdlinge eingenommen, dem er sein Zimmer angeboten, beruhigte seine Tochter. „Du fürchtest von ihm gesehn zu werden, sagte er ihr, hüte dich nur, ihn zu sehn; das letztere ist fast gefährlicher.“ Von diesem Augenblick an giengen ihre Gedanken nur darauf, das Wunder von Corsaren kennen zu lernen. Die Mohrinn war ihr behilflich, wie wir gesehn haben; aber diese ließ sich durch den Anblik des schönen jungen Ritters täuschen, und diese Täuschung ward Andronica’s Unglück. In der Meinung eine große Entdeckung gemacht zu haben, kam sie zu ihrer Gebieterinn. „Was du einen Franken nennst, rief sie, ist ein Mädchen in Männerkleidung, und die Krone der Schönheit!“ Nichts schien der jungen Griechinn wahrscheinlicher. Der Fremde war in ihren Augen die Geliebte eines Corsarenhauptmanns, vielleicht eine Heldinn, die an seiner Seite gefochten hatte; woher sonst ihre Verwundung? Die Sorge ihres Vaters für den Kranken, sein Eifer, ihm jede Bequemlichkeit zu verschaffen, ließen kaum noch einen Zweifel Raum; nur wünschte sie noch ihre Vermuthung durch den Augenschein bestätigen zu können. Auch dazu half ihr die gefällige Mohrinn. Der Garten des Hauses ward seiner Zierden beraubt, und Blumenkränze, von Andronica’s schöner Hand geflochten, die die Duegna dem Ritter ins Zimmer trug, gaben der Griechinn hinlänglich Gelegenheit, wenn die Thüre geöfnet wurde, das vermeintliche Mädchen nach gefallen zu betrachten. 

Sein Anblick bestätigte Andronica’s Irrthum. Die Schönheit seiner Züge, die blendende Weiße seiner Haut, unter dem Himmelsstrich von Siffanto eine seltene Erscheinung, das weiche blonde Haar, das in ungekünstelten Locken über seine Schultern herabfloß, der sanfte Ton seiner Stimme, sein gefälliges Betragen gegen die Sklavinn, wie sie es noch nie an andern seines Geschlechts bemerkt hatte, alles dieß schien die Entdeckung der Mohrinn zu bestätigen. Von jetzt an also überließ sie sich ohne Rückhalt den süssen Empfindungen des Mitleids, ihr unbewust trat bald eine zärtlichere Empfindung an die Stelle desselben, die ihr keine Ruhe ließ, und sie so oft und so lange unbemerkt an das Zimmer des Ritters lokte, biß sie endlich durch Veranstaltung der Mohrinn von ihm gesehn wurde. Bey aller Überzeugung, die sie zu haben glaubte, war sie doch über Tourvilles Billet in großer Unruhe. Ihr gutes Herz überredete sie zu der Gefälligkeit, um die das Billet bat; aber die Furcht, sich einer üblen Nachrede auszusetzen, und ihrem Vater zu mißfallen, rieht ihr, den vermeintlichen Fremden zuerst zu eröfnen, daß das Geheimniß der Verkleidung verrathen sey, und daß man nur allein unter der Bürgschaft eines gemeinschaftlichen Geschlechts sich zu dem verlangten Schritte würde entschließen können. Das Taschenbuch ward daher mit folgenden Zeilen zurückgeschickt: 

„Ich bin überzeugt, daß meine Unschuld bey Ihnen keiner Gefahr ausgesetzt ist; aber nicht Jedermann kennt Sie so wie ich. Die Regeln des Wohlstandes sind nur der Welt wegen gegeben.“ 

„Ich bedaure Sie; gerne möchte ich Ihre Einsamkeit aufheitern, gerne Ihre Leiden mit Ihnen theilen, gerne Sie sehen, Sie sprechen hören! Ich weiß ja, daß ich Sie ohne Gefahr lieben, von Ihnen ohne Vorwurf geliebt werden kann. Aber es ist immer besser, mir Freuden zu versagen, die sich mit dem Tage Ihrer Abreise in tiefen Kummer verwandeln müsten. Und doch zieht mich mein Herz zu Ihnen; wer weiß, ob ich diesen Lockungen werde widerstehen können. Urtheilen Sie deßwegen nicht schlechter von mir; ist es doch ein so süsses Vergnügen, Leidenden beyzustehn, und was kann ich mir vorwerfen, wenn ich nur thue, was ein Weib für das andre zu thun verbunden ist.“ 

In dem Taumel der süssesten Empfindungen, in die dieß Billet den feurigen Jüngling versetzte, hatte er anfangs den geheimnißvollen Sinn desselben übersehen. Ein zweytes Durchlesen entdeckte ihm den Irrthum der schönen Griechinn. Das ganze Glück seiner Liebe, und der Genuß der seligsten Tage auf Siffanto, schienen von der Benutzung dieses so günstigen Irrthums abzuhängen, selbst das Romanhafte eines solchen Verhältnisses lud ihn dazu ein. Er schrieb an sie, wie ein Weib an das andre schreibt, kunstlos und voll Empfindung. Andronica widerstand nicht mehr, und die Zusammenkunft ward auf den folgenden Tag bestimmt. 

Schlaflos entfloh beyden die Nacht; in dem Busen des Ritters kämpften Liebe und Ehre. Der Schritt, den er gethan hatte, schien ihm keines ehrlichen Mannes würdig, er nahm es sich vor, der Griechinn ihren Irrthum bey dem ersten Worte zu benehmen. Aber das schnellere Klopfen seines Herzens, jener mächtige Instinkt, der sein Wesen durchzitterte, und seine arbeitende Phantasie, vor der ein süsser Genuß in tausend reizenden Bildern vorüberflog, machten die edle Entschließung wankend. Andronica dagegen sann in der Stille der Nacht auf die leichtesten Mittel, sich gegen Überraschungen von Seiten ihres Vaters sicher zu stellen, und auf die Wahl ihrer Kleidung, um der Critik der schönen Corsarin so wenig als möglich Veranlassung zu geben. 

Die Mohrinn kündigte am andern Tage das Erscheinen ihrer Gebieterinn an, und Andronica trat in Tourvilles Zimmer. Beyde bleiben eine Minute lang stumm und erstarrt gegen einander über stehen. Er, überrascht, von einer Schönheit, die das Urbild jener vollkommnen Kunstwerke der alten Zeit zu seyn schien, und nicht ohne Beschämung über die Rolle, die er sich ihr gegenüber zu spielen erlaubte; sie, die nicht gewohnt war, einen Mann zu sehen, selbst über den Schein desselben erröthend. Dieses beredte Stillschweigen machte endlich einer schüchternen Unterredung Platz, welche aber mehr durch Blicke als durch Worte belebt wurde. Unbemerkt lag Andronica’s zitternde Hand in der Hand des Jünglings; unbemerkt war der kleine Zwischenraum auf dem Sopha verschwunden; Andronica fürchtete bey einer Freundinn ihres Alters nichts, und folgte schuldlos der Neigung ihres Herzens. Im Feuer des Gesprächs ruhten ihre Blicke auf dem Gesichte des Ritters, und plötzlich schwieg ihr Mund, eine höhere Röthe flog über ihre Wangen, und das verwirrte Auge schweifte ungewiß umher. Sie hatte auf dem Kinn, auf den Wangen ihrer neuen Fruendinn, den Schatten eines Barts entdeckt. Aber nicht mehr Meisterinn ihres Herzens, war sie ausser Stande, von dieser Bemerkung Gebrauch zu machen; vielmehr suchte sie sich selbst zu täuschen, und vermied es sorgfältig, den Vorstellungen nachzuhängen, die ihren glücklichen Wahn hätten zerstreuen können. Die Frucht überrascht zu werden, und das Misstrauen in die Wachsamkeit der Mohrinn, die auf der Lauer stand, nöthigten sie, diese erste Unterhaltung zu verkürzen. Man trennte sich von einander mit dem Versprechen einer baldigen längern Zusammenkunft. 

Der entzückte Ritter dachte nun jenes schönen Vorsatzes nicht mehr, den er zu Gunsten des Commandeur gefaßt hatte. Andronica war sein einziger Gedanke, und es konnte gar nicht mehr die Rede davon seyn, auf Kosten seines eigenen Herzens, jenem ein so gefährliches Vergnügen zu machen. Das Stillschweigen, welches er über diesen Gegenstand bey wiederhohlten Besuchen des Commandeur beobachtete, mußte diesen natürlicherweise befremden und argwöhnisch machen, und es ward nun von ihm beschlossen, daß er die Befriedigung seiner Neugierde niemand als sich selbst zu verdanken haben wollte. 

Andronica fand nach wenigen Unterredungen so vielen Reiz in dem schuldlosen Umgang mit dem Ritter, daß die Stunden, die sie auf ihrem Zimmer zubringen muste, ihr unerträglich lästig wurden. Die gewohnten weiblichen Arbeiten hatten keinen Reiz mehr für sie, das Plaudern der Mohrinn war ihr langweilig, selbst die Gegenwart ihres Vaters verdrüßlich. Nur an der Seite des Ritters lachte ihr das Leben; jene Furcht, die Täuschung über sein Geschlecht vernichtet zu sehen, war von der mächtigern Liebe unterdrückt, und bald ganz und gar vergessen. Eben so war Tourvillen der Umgang mit diesem Mädchen alles; seine wiederkehrende Gesundheit erlaubte ihm zwar, gleich seinen Kameraden den Vergnügungen auf der Insel nachzugehn; aber welche Freuden konnten ihm die Gesellschaft seiner Andronica ersetzen! Lange schon war er weder vom Commandeur, noch von seinen übrigen Gefährten gestört worden; seine Beßerung schien sie der Besuche zu überheben, als einmal ganz unerwartet, eben als er, mit seiner Geliebten allein, vor ihr auf die Knie niedergesunken war, und ihre schöne Hand einen Ring an seinen Finger steckte, die Thüre aufgieng, und der Commandeur von Hocquincour ins Zimmer trat. 

Man kann sich leicht vorstellen, daß eine so unangenehme Erscheinung die beyden Liebenden nicht in geringe Verlegenheit setzte. Tourville fasste sich indessen bald, sprang auf, und stürzte sich dem eintretenden Commandeur entgegen, umarmte ihn mit einer ungewohnten Heftigkeit, überschüttete ihn mit einer Menge Complimente, und hoffte dadurch der erschrekten Griechinn Gelegenheit zu geben, unbemerkt, wenigstens ungestört, das Zimmer verlassen zu können. Aber der Commandeur, gewandter als er, ward dadurch nicht irre gemacht. Er machte sich mit einer geschikten Wendung aus Tourvilles Armen los, trat der eben entschlüpfenden Griechinn in den Weg, ergrif ihre zitternde Hand, welche sie, zu schwach ihm widerstehn zu können, in der seinigen lassen muste, und weidete, indeß sein Mund in Entschuldigungen überströmte, die die bebende Athenienserinn nur mit halben Ohr vernahm, seine lüsternen Augen an den Schönheiten dieses Mädchens, denen Scham und Verlegenheit in diesem Augenblick einen höhern Reiz zu geben schien. Sobald seine Neugierde hinlänglich gesättigt war, entließ er die Königinn der griechischen Inseln, in der Hofnung, durch dieses schmeichelhafte Compliment der Geliebten des Ritters hinreichenden Ersatz für die sichtbare Angst gegeben zu haben, die sie in diesen wenigen Minuten ausgestanden. Kaum hatten sie seine Blicke bis über die Thürschwelle verfolgt, als er sich mit scherzhaftem Tone an den Ritter wandte, der bisher in der peinlichsten Lage gewesen war. „Ich bin in Verzweiflung, Herr Ritter, meine Eilfertigkeit, meine Unhöflichkeit, mein Diensteyfer, nennen Sie es, wie Sie wollen, hat den Schleyer vor einem so reitzenden Geheimnisse weggezogen, und Sie um den Genuß einer schönen Stunde gebracht! Aber, nicht wahr? Sie sind ja Herr im Hause, und es wird Ihnen also nicht schwer fallen, eine so liebliche Szene bald wieder zu erneuern.“ 

„Ich maaße mir nicht an, irgendwo Herr zu seyn, erwiederte Tourville; von jeher gewohnt, mich meinen Verhältnissen anzuschmiegen, verlange ich nichts, als was ein freyer Wille mir darbietet.“ 

„Das ist eben Ihr großer Vortheil, lieber Ritter! Ihren Blicken kann ja kein Mädchenherz widerstehen; man kann Ihnen ja nichts abschlagen; man kömmt Ihnen ja entgegen!“ 

„Wohl möglich Herr Commandeur! aber zufrieden mit meinem Glück, würde ich wenigstens, andre nicht beneiden.“ 

Diese Antwort grif den Commandeur auf seiner empfindlichen Seite an. Es beleidigte seinen Stolz, den Vorwurf des Neides aus dem Munde eines Jünglings zu hören, dem er doch in jeder Rücksicht überlegen zu seyn wähnte. „Mein lieber junger Ritter,“ erwiederte er daher mit einiger Wärme; „dafür stehe ich Ihnen, daß ich nicht schwach genug bin, ein so gewöhnliches Glück zu beneiden. Ich wünschte freylich durch Sie die Tochter des Arztes kennen zu lernen, da es Ihnen sehr leicht seyn muste, mir eine solche Gefälligkeit zu erweisen; aber deßwegen in Ihr Gehege zu gehen, das kam mir nicht in den Sinn. Also sind Sie wirklich eifersüchtig?“ – 

„Wenn ich es wäre, Herr Commandeur!“ – wollte der erhizte Tourville antworten. Aber Hocquincour hielt es doch für besser, diesem unangenehmen Gespräch eine andre Wendung zu geben; zumal die Erläuterungen, zu denen man zu kommen im Begriff war, doch am Ende zu nichts führen konnten. „Lassen Sie das gut seyn!“ fiel er daher dem Ritter ins Wort. „Wir sind segelfertig; „ich wollte mich selbst von Ihrer Gesundheit überzeugen. „Das ist die unschuldige Ursache meines Hierseyns.“ – Tourville versicherte, daß er bereit sey, und die Ordre an Bord zu gehen erwarte. Und so entfernte sich der Commandeur. 

Auf eine solche lebhafte Szene muste natürlich bey den Hauptpersonen eine ernsthafte Stille folgen. Den Ritter von Tourville kränkte es im Innersten seiner Seele, ein Geheimniß verrathen zu sehen, das er bisher so sorgsam gehegt hatte. Die zärtlichste Besorgniß für die Ehre seines Wohlthäters bekümmerte sein Herz. Er fürchtete an der flekenlosen Unschuld und Reinheit des edeln Mädchens zum Verräther geworden zu seyn. Er warf sich die unglücklichen Schritte vor, zu denen ihn anfangs Neugierde, und dann die Leidenschaft verleitet, und ahnete schon im Voraus alles das Unglück, zu dem er, wider seinen Willen, die Veranlassung gegeben. Seine aufgeregte Phantasie mahlte ihm das zerstörte Glück dieses von ihm so geliebten Hauses; er sah das schönste und unschuldigste Geschöpf um den Frieden ihrer Seele gebracht; und sich selbst, durch das zweydeutige Licht, in das ihn diese Entdeckung bey seinem Befehlshaber und seinen Kameraden setzen muste, von einem Range erniedrigt, den er bisher mit so vieler Ehre behauptet hatte. 

Nicht minder angstvoll und bekümmert war Andronica in ihr Zimmer geflohen. Thränen stürzten aus ihren Augen; einen solchen Tumult hatte ihr junger Busen noch nie erfahren, und die Last der Einsamkeit lag nie größer auf ihr, als in diesem schreklichen Augenblik. Es schien ihr nur zu gewiss, daß ihr Verständniß mit Tourville das allgemeine Gespräch der Franken, und ihr Vater in Kurzem von allem unterrichtet seyn würde. Was stand ihr alsdann bevor? Trennung von dem Geliebten ihres Herzens, die Einsamkeit eines Klosters, vielleicht der Tod. Ein Brief an den Ritter machte ihrem gepreßten Herzen endlich Luft, und seine Antwort beruhigte einigermaßen ihr empörtes Herz; als die Entdeckung des Geheimnißes, das den Ritter bisher geängstigt hatte, die Entdeckung seiner nahe bevorstehenden Abreise, einen neuen und fürchterlichen Sturm drohte. 

Vergebens war die Vorsicht, mit der der Ritter seiner Geliebten diese traurige Neuigkeit eröfnete. Das Herz des feurigen Mädchens, das in dem reizenden Jüngling das Ideal seiner Träume gefunden, und den unverdächtigen Gefühlen einer schuldlosen Liebe sich unbesorgt überlassen hatte, diese Herz war nicht dazu gemacht, den kalten Vorstellungen der Vernunft nachzugeben. Umsonst sprach der Ritter von einer baldigen Zurückkunft; sie traute ihm nicht; eine entfernte Hofnung konnte sie nicht beruhigen. Ihre schönen Arme um ihn schlingend, ihr glühendes von heißen Thränen benetztes Gesicht auf seinen Schultern legend, verlangte sie mit der rührendsten Beredsamkeit ihres Schmerzens einen Platz auf seinem Schiffe. Sie beschwor ihn, sie nicht der Verzweiflung zu überlassen, sie, die kein anderes Glück kenne, als ihn zu sehen, kein anderes Unglück, als von ihm getrennt zu seyn. 

Welcher Jüngling würde in einem solchen Kampfe nicht untergelegen haben? Aber Pflicht und Ehre sprachen lauter und mächtiger in dem Herzen des Ritters, als die Stimme der Leidenschaft. Ein Blick auf seine Verhältnisse in diesem Hause; eine schnelle Übersicht der Verbindlichkeiten, die er dem Vater seiner Geliebten schuldig war; eine leichte Erinnerung an das edle Zutrauen, das Gianni in ihn gesetzt hatte; mehr bedurfte es nicht, um sein Herz gegen alle Verführungen der Leidenschaft zu verhärten, und so gieng er vielleicht größer aus diesem Kampf der Liebe, als in spätern Tagen seines Lebens aus der fürchterlichen Schlacht beym Cap de la Hogue! 

Solche Rücksichten aber konnten bey der Griechinn keinen Eingang finden. Er schwieg daher davon, und stellte ihr, indem er sich sanft aus ihren Armen wand, alle die Unbequemlichkeiten vor, die die Befriedigung ihres Wunsches unmöglich machten. Wie, und unter welchem Vorwande sollte er sie auf einem Schiffe unterbringen können, wo ihm, einem bloßen Volontair, seine wenigen Dienste noch keinen Rang erworben hatten, und wo der Capitain vielleicht sein mächtiger Nebenbuhler war? Wie sollte er sie schützen können, gegen die Spöttereyen und Scherze der jungen Seeleute, die die Gränzen des Anständigen nicht immer zu beobachten gewohnt sind! Wie sollte er es wagen dürfen, die zarte Blume den Stürmen des Meeres, den Donnern einer Schlacht auszusetzen! dieses sanfte Mädchen, das noch wenige Tage zuvor bey dem Gedanken erzitterte, durch die Überraschung des Commandeurs von Hocquincour das Gespräch der Franken und aller griechischen Inseln zu werden, achtete jetzt ihre Ehre nicht; unter dem Schutze der Liebe glaubte sie gegen jede Kränkung sicher zu seyn, und war beriet, um auch den letzten Einwürfen des Ritters zu begegnen, ihm in Matrosen-Kleidung auf das Meer zu folgen. Ein Stral von Heldenmuth blizte durch ihre Seele, und das holde Geschöpft , das den Tod nie in der Nähe gesehen hatte, kämpfte schon in Gedanken an der Seite des geliebten Ritters, und bahnte sich, über die Todtenopfer der Schlacht, einen schreklichen Weg zu den süssesten Freuden des Lebens. 

In dem Rausche dieser Stunde war für den Ritter nichts auszurichten. Seinem edelmüthigen Entschluß getreu, hielt er es fürs beste, den Schein des Nachgebens anzunehmen, und in kältern Augenblicken für die ernste Stimme der Pflicht ein gefälligeres Ohr zu erwarten. Es ist zu hoffen, daß es vielleicht dem Ritter gelungen seyn würde, die schwärmende Andronica aus diesem Labyrinthe herauszuführen, wenn nicht ein unerwarteter Umstand ihren Hofnungen neue Nahrung gegeben hätte. 

Die frey Fregatten waren schon wieder zu einem neuen Seezuge in Stand gesetzt, und man war jeden Augenblick bereit, den Hafen von Siffanto zu verlassen; nur hatte der Commandeur von Hocquincour für die genommene Prise noch keinen Captain gewählt. Die vereinigte Stimme des Seevolks verlangte diese Ehre für den jungen Helden, dem es gröstentheils den glücklichen Erfolg der letzten Unternehmung danken zu müssen glaubte. Die beyden Capitaine, Hocquincour und Cruvillier, waren zwar bereit, diesem für den Ritter von Tourville so schmeichelhaften Urtheil beyzutreten; aber mit Recht trauten sie ihm noch nicht die Kenntnisse zu, die zu Führung eines Schiffes erfodert werden. Dazu kam die Verpflichtung, die der Commandeur gegen die alten MaltheserRitter, seine Begleiter, auf sich hatte, die durch den Vorzug, den er einem Anfänger im Seedienst über sie gab, empfindlich gekränkt werden mußten. Die Wahl fiel also auf den Ritter d’Artigny. Um aber Tourvillen zu zeigen, wie hoch man ihn hielt, und zugleich den vereinigten Wünschen des Schiffsvolks ein Genüge zu leisten, ward er zum Lieutenant eben dieser Fregatte ernannt. 

Der Schaden, den die Schiffe im letzten Gefechte erlitten, war indessen ausgebeßert, und sie mit allem nöthigen versehen worden. Den Verlust an Mannschaft hatten die auf der türkischen Prise gefundenen christlichen Sklaven, die sämtlich gediente Seeleute waren, hinlänglich ersetzt, auch die fruchtbare Insel Siffanto zureichende Provisionen geliefert; aber die Bemannung der genommenen Fregatte fand große Schwierigkeiten, weil man es für zu gefährlich hielt, die Equipage der beyden andern Schiffe zu vermindern. Die Capitains beschlossen daher, nach Zante zu seegeln, die gemachten Türkensklaven dort zu verkaufen, und die Bewafnung ihrer kleinen Escadre zu vollenden. Dies ward zugleich dem Ritter mit der Ordre bekannt gemacht, auf das erste Signal, das nur von einem günstigen Winde abhinge, an Bord zu gehen. 

So hoch auch einerseits, bey dem Gedanken an das Meer, dem Ritter von Tourville das Herz schlug, zumal sich ihm, in dem erhöhten Posten, den er durch seinen Muth errungen hatte, ein erweiterter Kreis von Thätigkeit darbot, so niederdrückend war ihm doch der Gedanke des Abschiedes von seiner geliebten Andronica. Auf diese traurige Viertelstunde hatte er sich zwar schon seit drey bis vier Tagen vorbereitet, und oft und reiflich an die Maasregeln gedacht, das liebevolle Mädchen zu beruhigen, und sich selbst gegen jede Anwandlung von Leidenschaft sicher zu stellen; aber alle dergleichen Vorbereitung verfehlen gewöhnlich ihren Zwek. Kaum hatte die zärtliche Griechinn von der Veränderung gehört, die mit ihrem Ritter vorgefallen war, als sie dadurch alle Hindernisse, und vorzüglich dasjenige, was den Commandeur von Hocquincour betraf, gehoben wähnte. Es konnte ihm nun, nach ihrer Meinung, ein leichtes seyn, sie auf das Meer mitzunehmen, zumal ihre geschäftige Phantasie, dem Ritter von Artigny allen den guten Willen lieh, der seinerseits zur Ausführung des Projekts so nöthig schien. Dieß hatte Tourville nicht vorhergesehn. Mit beklemmter Brust, mit Thränen in den Augen, hingestürtzt auf seine Knie, lag er vor ihr. Ein tiefer Seufzer war seine Antwort. In diesem beredten Schweigen glaubte aber die Griechinn das schrekliche Geheimniß zu lesen, daß der Ritter sie nicht liebe, daß überal sein hartes Herz keiner sanftern Empfindungen fähig sey. Eine flüchtige Erinnerung an den leichtsinnigen Charakter seiner Nation, von dem sie so oft gehört hatte, treibt den Keim dieses für sie so schreklichen Argwohns empor; ein ungewohntes Feuer blizt aus ihren Augen; ihre Zunge scheint zu starren; auf ihrem sonst so lieblichen Gesichte wechselt Röthe mit Todesblässe, und, in diesem entscheidenden Moment fällt der SignalSchuß. Tourville springt auf; sein edler Muth, das Gefühl für Pflicht und Ehre schient mit diesem Rufe zu wachsen, aber in eben dem Maaße stiegen auch die Befürchtungen des Mädchens. Die furchtbaren Ausbrüche ihrer Leidenschaft lassen ihn ahnen, wie leicht sich Liebe in Haß verkehrt, er wähnt in sich einen Jason, in ihr eine Medea zu sehn, und diesen schreklichen Vorstellungen auszuweichen, verspricht er, was er zu halten nicht gesonnen ist. Er will nur an Bord eilen, um die nöthigen Veranstaltungen zu treffen, und seinen Capitain von allem zu unterrichten. Wie ein matter Sonnenstral durch düstre Gewitterwolken bricht, so überflog das Gesicht der traurenden Andronica, das Lächeln der Hofnung. Aber nur für einen Augenblick. Ängstigende Zweifel an der Aufrichtigkeit des Ritters stiegen in ihr auf, und ihre Zuflucht, im Falle dieser geahndeten Verrätherey war ein Dolch, den sie aus ihrem Busen hervorzog, und dem erschrekten Ritter mit diesen Worten zeigte: „Leben oder Tod liegt in deinen Händen; bedenke welches von beyden die zärtliche Andronica um dich verdient hat!“ 

Die Stunde der nächsten Mitternacht ward zur Entführung der geliebten Tochter des Atheniensers bestimmt. Eine Schaluppe, geführt von treuen und sichern Leuten, sollte an einem bestimmten Orte des Hafens von Siffanto bereit liegen, um sie, die mohrische Sklavinn, nebst dem Bedienten ihres Vaters, der von dem Geheimniß unterrichtet werden muste, an Bord zu bringen. So ward dies traurige Projekt verabredet, aber ohne Aufrichtigkeit von Seiten des Ritters. In der schmerzlichen Wahl zwischen der Ehre und der Liebe zog er das Verbrechen gegen diese einer Verletzung der erstern vor, und hofte von der Entfernung, von der Zeit, von der Stille der Überlegung, die dem Sturme der Leidenschaft gewöhnlich folgt, die Heilung des kranken Herzens seiner Geliebten. 

Er verließ gegen Abend das Haus des Gianni, wo ihm mit so vieler Freundschaft und Güte begegnet worden war. Sein Abschied von dem redlichen Athenienser war unter solchen Umständen, für ihn sehr rührend und angreifend. Wie oft schwebte es ihm auf der Zunge, dem guten Vater alles zu entdecken, was vorgefallen war; aber die Betrachtung, daß der Unwille desselben ihn zu harten Maasregeln gegen die ganz verlassene Andronica verleiten könnte, hielt ein Bekenntniß auf seinen Lippen zurück, von dem es unausgemacht ist, ob es mehr verdorben, oder mehr gut gemacht haben würde. Der edle Grieche wollte von keiner Belohnung etwas hören; nur zum Andenken an seinen lieben Ritter, nahm er einen Diamanten von ihm an, begleitete ihn auf die Fregatte, und schickte ihm nach seiner Zurückkunft, ein mit den besten Lebensmitteln, den schönsten Weinen, und lieblichsten Früchten, die das fruchtbare Siffanto nur liefern konnte, angefülltes Boot, als einen Beweis seiner Sorgsamkeit für die Gesundheit seines Freundes. 

Tourville versuchte die wehmüthigen Empfindungen des Abschieds, durch die mancherley Beschäftigungen zu zerstreuen, zu denen ihn sein Dienst rief. In diesen Arbeiten ward er gegen die Stunde des Abendessens gestört. Der Commandeur von Hocquincour mit seinen Volontairs und allen übrigen Offizieren der kleinen Escadre kamen an Bord der Fregatte des Capitain von Artigny, um nach der Sitte des Meeres, dem jungen Offizier ihr Compliment zu machen, und auf seine Kosten einen vergnüten Abend bey ihm zuzubringen. Sie glaubten ihn zu überraschen, aber sie wurden selbst überrascht, als sie ein Mahl vor sich fanden, das nicht ausgesuchter hätte seyn können. Denn ausser dem Überfluß von delikaten Provisionen, die der Ritter von der Güte des Atheniensers empfangen, hatte er noch in der Eil das beste aufgekauft, was nur in Siffanto zu finden gewesen war, um so viel wie möglich auch von dieser Seite der Erwartung, die man von ihm hatte, zu entsprechen. 

Heiterkeit und Scherz, laute Freude und schallendes Gelächter, erwekt durch das Feuer der griechischen Weine, belebte bald die frohe Gesellschaft, und nahm seinen Sitz neben Kugeln und Kanonen. Die Jugend, die von den Reizen der Gegenwart gefesselt wird, das Alter, das durch die Erfahrung so mancher Jahre abgehärtet, für den Eindruck schauervoller Kontraste nicht mehr empfänglich ist, vergaßen beyde bey dem Klange der Gläser jener fürchterlichen Szenen, die nur noch vor wenig Wochen auf dieser Fregatte vorgefallen waren. Von der Seite dieser frohen Menschen war so mancher gerissen; sie vermissten ihn nicht; der schwärmende Jüngling hatte den Gespielen seiner Kinderjahre, den Gefährten seines Berufs verlohren, er dachte seiner nicht; ihm stand vielleicht in kurzem ein ähnliches Schicksal bevor, das rührte ihn nicht. Alle, vom Commandeur bis zum letzten Matrosen, hatte der Taumel der Freude ergriffen. Nur schien er an dem Ritter von Tourville nicht seine ganze Gewalt äusern zu können, den der Gedanke an seine Andronica mit Unruhe erfüllte. Der Tag vergieng; in die brennende Flut tauchte sich die Sonne nieder; immer näher und näher rückte die abgeredete Stunde! Er dachte sich seine geliebte Andronica, wie sie, voll schwärmerischer Hofnung an das Ufer des Meeres eilt, kein mitleidig Boot findet, das sie aufnimmt, von Schrecken und Furcht ergriffen, ohnmächtig niedersinkt, wieder zu sich selbst gebracht in Wuth und Verwünschungen ausbricht, und, entweder eine zweyte Sappho, in den Fluten das Ende ihrer Leiden sucht, oder den schreklichen Stahl gegen sich selbst richtet. So oft es nur ohne Aufsehen zu erregen möglich war, sah er nach der bezeichneten Stelle des Hafens von Siffanto, ob ihm nicht das so günstige Mondenlicht etwas entdecken ließe; ob er nicht, da die Fregatte nicht fern vom Ufer lag, in den Pausen der frohen Gesänge, die so geliebte, und jetzt so gefürchtete Stimme vernehmen könnte. Er sah nichts; er hörte nichts. Endlich nahte sich die Stunde der Mitternacht; ängstlicher schlug sein Herz; aufmerksamer blikte er nach dem Ufer. Der heitre Mond schien sein Vorhaben zu begünstigen; kein Wölkchen schwamm an diesem schönen Himmel, und die Gegend umher glänzte in zauberischer Helle. Aber in diesem Augenblick brachte der Commandeur die Gesundheit des Königs von Frankreich aus; ein lautes Hurrah erscholl aus dem Munde der Matrosen, und das Geschütz der Fregatte verkündigte dem schlummernden Siffanto den Ruhm des grossen Ludwigs. Der Abendwind, der aus der See herblies, trieb die Rauchwolken gegen das Ufer, und jede Hofnung, in dem Hafen etwas zu entdecken, oder von daher einen Laut zu vernehmen, war für den Ritter verloren, denn die Prinzen des königlichen Hauses, dem Großmeister von Maltha, dem Commandeur der Escadre, den tapfern Kreuzfahrern ward gleiche Ehre erwiesen, und die Ruhe der glücklichen Insel eine Stunde lang gestört. 

Indessen hatte sich der Wind gewandt; Hocquincour und sämtliche Offiziers eilen zurück, und kurz darauf gab das CommandeurSchiff das Signal zum seegeln. Die Anker wurden gehoben, und da die türkische Prise, die der Ritter von Artigny befehligte, und auf der sich Tourville befand, ihrer Bauart wegen sehr geschikt zu seyn schien, die Fahrzeuge der Seeräuber anzulocken und sie zu täuschen; so hatte sie, wiewohl vielleicht noch eine andre geheime Ursache dabei mitwirken mochte, die Ordre erhalten, voraus zu seegeln, und die Avantgarde zu machen. Die zwey andern Schiffe folgten in kurzem nach.

Mit gepresstem Herzen, und Augen voll Thränen sah der Ritter von Tourville nach und nach die Ufer von Siffanto sich in Nebel verhüllen, und die anbrechende Morgenröthe zeigte ihm die Szene einiger wenigen glücklichen Tage nur noch als einen grauen Wolkenstrich am fernen Horizont. Oft in den Kämpfen zwischen Pflicht und Neigung, hatte er sich selbst zu überreden versucht, daß es nicht Liebe sey, was sein Herz bestürme, und daß eine so plötzlich und so schnell emporgewachsene Neigung eben so schnell wieder verschwinden würde. Aber zu seinem Erstaunen ward er seine Schwachheit inne, die Gründe der Vernunft richteten gegen das empörte Herz nichts mehr aus. Es reuete ihn, das liebenswürdigste Mädchen der Welt verlassen zu haben, er klagte sich als einen Verbrecher an, der die schwärzeste Verrätherey begangen habe, und so niedergebeugt von finsterm Kummer und tiefem Schmerz, fing das Leben an, ihm eine Last zu werden. Darüber ward er mismüthig und auffahrend. Diese seltsame und plötzliche Veränderung an einem bisher so gefälligen Jünglinge fiel seinen Kameraden auf, die für ihre gutgemeinte Bemühungen, ihn aufzuheitern, auf eine Art behandelt wurden, die bisher nicht in seinem Charakter gewesen war. Sein Capitain ließ ihn zur Tafel bitten, er kam nicht; und das Fest des vorigen Tages, das, wie er vorgab, eine schlimme Wirkung auf sein Befinden gehabt habe, mußte zu einer Entschuldigung dienen. Man ließ ihn also mit seinen düstern Träumereyen allein, biß aus diesem gefährlichen Schlummer aller seiner edlern Kräfte, ihn plötzlich die Stimme des auf dem großen Maste wach haltenden Matrosen wekte, der herabrief, daß er in der Ferne drey Segel, zwey Türken und einen Christen gewahr werde. 

Dieser Ruf brachte auf der Fregatte alles in Bewegung. Man gab dem Commandeur die Signale, und Tourville erhielt von seinem Capitain die Ordre, indeß die entdeckten Schiffe noch ziemlich entfernt waren, alles zum Schlagen bereiten zu lassen. Kein Umstand konnte für den Ritter glücklicher eintreten. Er sprang auf bey dem Rufe der Matrosen, und dem Commando seines Capitains, war jetzt eben so sehr mit seiner Pflicht beschäftigt, und schien dem nahen Gefechte mit eben so vieler Freude entgegen zu gehen, als er kurz vorher bey dem Gedanken, nach Siffanto zurückzukehren, empfunden haben mochte. 

Indessen konnte man die signalisierten Schiffe deutlich erkennen. Es waren zwey Tunesische ziemlich starke Fahrzeuge, und ein christlicher Kauffahrer, den sie vor kurzem genommen zu haben schienen und der einigermaßen von ihnen armirt worden war. Getäuscht durch die Fregatte des Ritters von Artigny, die sie für ein türkisches Schiff hielten, waren sie zu nahe gekommen, um, als sie ihren Irrthum gewahr wurden, einem Gefechte ausweichen zu können, zumal ihre Flucht durch den Wind nicht begünstigt werden konnte. Die türkische Prise, auf der sich Tourville befand, fieng das Gefecht an, und da nun auch Hocquincour und Cruvillier herbeygekommen waren, ward es in kurzem allgemein. Der Tuneser, mit dem sich der Capitain von Artigny eingelasen hatte, war ihm zwar nicht an Kanonenzahl, wohl aber an Mannschaft überlegen; daher hielt es der Cosar fürs beste, sobald wie möglich zum Entern zu kommen; denn schon damals, wie noch jetzt, konnte die Artillerie der Türken selten etwas gegen die besser bediente christliche ausrichten. Aber die Ritter, die ihrerseits die starke Anzahl ihrer Feinde fürchteten, suchten den Plan derselben durch die geschicktesten Manövres, und ein wohl unterhaltenes Feuer so viel wie möglich zu vereiteln. Tourville war überal gegenwärtig; der Lerm einer Schlacht schien das Element zu seyn, in dem er sich am besten befand. Sich immer gleich, brachte ihn kein Geschrey der Verwundeten, kein Röcheln der Sterbenden, nicht die Kugeln, die ihn umzischten, nicht die gefährlichen Splitter, die auf dem Verdek herumflogen, aus seiner Faßung. Wo Ermunterung und guter Rath gewünscht wurde, wo strenge Befehle nöthig waren, rief man nur nach ihm, und sein Muth, seine Verachtung der Gefahren und des Todes, dies glänzende Beyspiel, das er seinen Kameraden gab, vereint mit den Bemühungen des Capitains, der, ein erfahrner und geschikter Seemann, die Manövres besorgte, vereitelten alle Versuche der Türken, zum Entern zu kommen. 

Schon hatte das Gefecht eine Stunde gedauert, und noch schwankte unentschieden die Wage des Sieges, als plötzlich Tourville, mitten unter den Donnern der schlagenden Schiffe, und wie über den Rauchwolken schwebend, die Stimme seiner geliebten Andronica zu vernehmen wähne. War es Täuschung? war es ein leeres Spiel seiner erhitzten Einbildungskraft? wo kamen sie her, diese süssen italiänischen Worte: Ritter, lieber Ritter, die in den augenblicklichen Pausen der Kanonade, wie aus tiefer Ferne zu ihm herüber hallten? Seine Kaltblütigkeit verließ ihn; ergriffen von dem tiefsten Schmerz focht’ er wie ein Verzweifelter, suchte die gefährlichsten Stellen, und schien vorsätzlich dem Tode entgegen zu gehen. Zu gleicher Zeit hörte er nur zu deutlich von dem Schiffe her, gegen das er schlug, mehrere Weiberstimmen, die ihn in französischer Sprache um Hülfe und Rettung anflehten. Er stuzte; Zaubereyen schienen ihn zu umstriken; die angestrengtesten Versuche, irgend eine Dame auf dem Corsaren zu entdecken, waren vergebens; und doch dauerten diese klagenden Töne immer fort, indessen aus tiefer Ferne, jener süsse Laut: Ritter, lieber Ritter! mitten durch das schrekliche Geräusch der Schlacht zu seinen Ohren drang. Aber die Gefahr, die durch das wiederhohlte Entern der Tuneser immer dringender wurde, ließ ihm nicht Zeit, über diese seltsame Begebenheit nachzudenken, besonders da ihm nun endlich gar durch den plötzlichen Tod des Capitain von Artigny, den eine Kugel von seinem Posten riß, das Commando des Schiffes zufiel. Von ihm hing nun der ganze glückliche oder unglückliche Ausgang des Gefechtes ab; auf ihn sah das erschrekte Schiffsvolk, das so gewöhnlich mit seinen Befehlshabern auch seinen Muth zu verlieren pflegt. Tourville ermannte sich; den Steuermännern übergab er die Manövres des Schiffes, seinen Unterlieutenant die Besorgung der Batterien, und sich selbst behielt er die kühnsten Unternehmungen und grösten Gefahren vor. Geliebt und geachtet von allen, war es ihm ein leichtes, dem gesunkenen Muthe neues Feuer und neue Hofnungen zu geben; der Verlust des braven Capitains schien keinen nachtheiligen Einfluß gehabt zu haben; jeder that mehr als seine Pflicht, und man hofte einen glänzenden Sieg. 

Plötzlich erschallte aus dem untern Raume die niederschlagende Nachricht herauf, daß das Schiff von einigen unter das Wasser gegangenen Schüssen, einen solchen Lek bekommen habe, den zu verstopfen unmöglich sey, daß die Arbeit bey dem Pumpen nichts mehr helfe, und daß man sich ergeben oder sinken müsse. – „Ergeben oder sinken?“ rief wüthend der Ritter von Tourville aus; – „Nein Kameraden! laßt es immerhin sinken dieses Schiff, dort ist eins, wo wir uns retten können. Auf! wir entern.“ 

Die einzige, wiewohl weitaussehende Hofnung, auf diesem gefährlichen Wege wenigstens das Leben zu retten, wenn gleich schwerlich den Sieg zu erkämpfen, gewann diesem kühnen Vorschlage des Ritters, den mehr Verzweiflung, als kalte Überlegung eingegeben hatte, den lautesten Beyfall. Man widersetzte sich den Versuchen der Tuneser nicht, und in kurzem stürzten die Kämpfenden herüber und hinüber auf die feindlichen Schiffe. Was unter den Säbelhieben der Corsaren nicht erlag, oder in den Wellen seinen Tod nicht fand, rettete sich mit Tourville auf das tunesische Schiff. Die Verwundeten wurden ihrem Schicksale und der Plünderung der Feinde überlassen, die unbekannt mit dem traurigen Zustande ihrer Eroberung, unter lautem Siegsgeschrey nur nach Beute suchten, als die Fregatte zu sinken anfieng, und die zu früh triumphirenden Feinde, ohne Hülfe und Rettung in den Fluten des Meeres begrub. 

Tourville und seine kühnen Begleiter hatten indessen einen harten Kampf zu kämpfen. Immer noch waren ihnen die Türken überlegen, und der Vortheil, den diese von der Cajüte und der Schanze zogen, auf der sie sich erhielten, und die sie als ein Retranchement benutzten, würde die abgematteten, und zum Theil verwundeten Christen, ohngeachtet alles persönlichen Muthes, am Ende doch dem Schwerdte ihrer Feinde unterworfen haben, wenn sie nicht durch eine grosse Menge in dem Raum des Schiffes verschlossener Christensklaven unterstütz worden wären. Man hörte ihr Geschrey; man schlug die Lucke mit Beilen ein, und mehr als fünfzig wehrhafte Männer, stürzten von dem Feuer belebt, das die Hofnung der Freiheit giebt, aus ihrer Höhle heraus. Noch mit frischen Kräften fielen sie über die Feinde her, die eine halbe Stunde lang, die Ehre ihrer Nation zu retten versuchten. Umsonst; am Flaggenstock’ verschwand der halbe Mond, und das Kreutz der Maltheser wehte auf demselben. 

Nach einem so wenig gehoften Siege, war Tourvilles erste Sorge auf die geretteten Christen gerichtet. Ein Herr und zwei junge Damen, wurden von ihm, soviel es seine Wunden erlaubten in die Capitainscajüte geführt. Er verschafte ihnen so viele Bequemlichkeiten, als nach der traurigen Beschaffenheit des Schiffes möglich war, das sehr übel zugerichtet, und beynahe entmastet, weder den beyden andern, die auf den flüchtigen Feind Jagd machten, folgen, noch See halten konnte. Zudem verlangte die Menge der Verwundeten Ruhe und Hülfe; man beschloß also nach Siffanto zurückzukehren, das Schiff dort wieder in Stand zu setzen und die beyden andern Fregatten zu erwarten. Tourville stimmte diesem Beschluß mit geheimer Freude bey. Die Hofnung, seine theure Andronica wieder zu sehen, und an ihrer Seite, von ihren lieben Händen gepflegt, sich von den Ermattung dieses Kampfes zu erhohlen, gab ihm seine alte Heiterkeit wieder, und er dachte kaum daran, seine Wunden verbinden zu lassen. 

Die befreyte Familie war aus der Provence; Herr von Gerr*** hatte in Gesellschaft seiner Gemahlin ihre jüngere Schwester nach Smyrna begleiten wollen, wo sie an den französischen Consul verheurathet werden sollte. Sie erzählten ihm, daß sie wenige Tage nach ihrer Abreise von Marseille das Unglück gehabt hatten, den Corsaren in die Hände zu fallen, und daß ihrer Freude nichts gleich gekommen sey, als sie sich von einem Schiffe angegriffen gesehen, dessen Commandeur ihnen ein Franzose zu seyn geschienen habe. In die ConstabelsKammer eingeschlossen, und von ihren Feinden umgeben, hätten sie es doch gewagt, so laut wie möglich um Hülfe und Rettung zu schreyen, und die Freude, die sie jetzt empfänden, würde nur allein von dem Empfindungen der Dankbarkeit überwogen, mit der sie sich ihm verpflichtet fühlten. 

So war demnach ein Theil des Räthsels in Betreff jener Zauberstimmen, die der Ritter in der Hitze des Gefechts zu vernehmen geglaubt, und die er am Ende für blosse Wirkungen seiner Phantasie gehalten hatte, erklärt. Die beyden Damen überzeugten ihn von der Wahrheit ihrer Erzählung, und setzten hinzu, daß ausser ihnen noch eine andre Dame aus dem Fenster der CapitainsCajüte eines der übrigen christlichen Schiffe, und wie es ihnen geschienen, ebenfalls mit grosser Angst, in italiänischer Sprache geschrien habe: „Ritter, lieber Ritter!“ Plötzlich erblaßte Tourville bey diesen Worten; eine trübe Wolke des Unmuths überzog sein Gesicht, und kein Wort gieng aus seinem Munde. Die Provenzalerinnen, die sehr bald das Verhältniß erriethen, das zwischen ihm und jener Dame statt finden mochte, hielten es nicht für rathsam, ihm mit weitern Fragen beschwerlich zu fallen. Tourville eilte sogleich fort, um zur möglichsten Beschleunigung der Fahrt nach Siffanto, durch Beysetzung aller noch übrigen Seegel, Befehl zu geben. Er wollte aus dieser schreklichen Unruhe herausgerissen seyn; er wollte den Ritter von Hocquincour, dem er so viele Verbindlichkeiten schuldig war, gegen die entehrende Anklage, als habe er ihm seine Geliebte entführt, vertheidigt sehen. War es möglich, daß dieser, sonst so edle Franzose einer solchen Verrätherey schuldig seyn könnte? 

Ermüdet von den Beschwerden des Tages, sank auf dem Schiffe alles in einen tiefen Schlaf; Tourvilles Augen nur floh dieser Tröster des Kummers. Die Stimme seiner geliebten Andronica, wie er sie in den Donnern der Schlacht vernahm, wekte ihn, wenn er einzuschlummern versuchte; Angst und Ungewissheit trieben ihn von seinem Lager aufs Verdek, zu sehen, ob sich den noch nicht der Morgenhimmel röthe, und ob der günstige Wind noch immer dem Steuermann den Strich nach Siffanto zu halten erlaube. Endlich brach er an, der erharrte Tag, und die Hügel der lieblichen Insel stiegen aus den Fluthen empor. Je deutlicher die Gegenstände sich enthüllten, jemehr nahm seine Furcht und Beklemmung zu; und wie er im Stande war, das Haus des Gianni zu unterscheiden, dieses geliebte Haus, wo noch vor kurzem ein edler Vater, durch die Tugenden und Reizte seiner Tochter, für alle Leiden früherer Jahre hinlänglich entschädigt zu seyn glaubte, wo häusliches Glück und stiller Friede gewohnt hatten, und wo dieses alles vielleicht durch ihn zerstört worden war, – traten dem jungen Helden Thränen der Reue in die Augen. Man warf auf der Rhede von Siffanto die Anker; er ermannte sich, ließ die Chalouppe aussetzen, und eilte dem Ufer zu, das er mit zitterndem Fuß betrat. Gebebt hatte er nicht in dem Getümmel der Schlacht, und er bebte auf diesem Gange. 

Das Gesicht eines neuen Bedienten, der ihm die Hausthüre des Arztes eröfnete, und der ihm, auf seine Nachfrage, erwiederte, daß der gute Herr an einer schweren Krankheit niederliege, vermehrte seine Befürchtungen, und trübte den letzten Stral von Hofnung, der ihm bisher noch geleuchtet hatte. Ohne Muth, Andronicas Nahmen zu nennen, ließ er sich anmelden, und ward in das Zimmer des Kranken geführt. Die schauerliche Dunkelheit, die hier herrschte, und nur in langen Pausen durch das Ächzen des geliebten Kranken unterbrochen wurde, überraschte den Ritter. Es war ihm, als ob er ein Heiligthum beträte, und mit langen Athemzügen suchte er seiner gepreßten Brust Luft zu verschaffen. So stand er unentschlossen einige Minuten an der Thüre des Zimmers, bis ihn die Krankenwärterinn näher führte. 

Kaum wird ihn der Athenienser gewahr, als er mit schwacher, von Seufzern unterbrochener Stimme, seine zitternden Arme ihm entgegenstreckend, so ihn anredete: „Was haben Sie mit meiner Tochter gemacht, lieber Herr! – Womit habe ich das verdient? – Ich nahm Sie in mein Haus auf, ich behandelte Sie wie meinen Sohn! – und zur Belohnung entführen und entehren Sie mein Kind.“ Mehr konnte er nicht sprechen, der Schmerz erstickte sine Stimme. Tourville, dem bey diesem Anblick das Herz brach, stürzte nieder zu den Füssen seines Bettes, ergriff die zitternde Hand des Mannes, und drückte sie an seine bebende Brust. „Ich bin,“ sprach er, und blickte mit ofnem Gesicht, das sich keines Verbrechens bewust ist, den leidenden Vater an, – „ich bin keiner solchen Niederträchtigkeit fähig, großmüthiger Mann; in diesen Vorwürfen verkennen Sie, ach! wie Sie mich nannten, Ihren Sohn, verkennen Sie einen französischen Ritter! – Das Schicksal ihrer geliebten Tochter ist mir unbekannt. Ich weiß nicht, wohin sie gekommen seyn mag. Alles, was ich mir vorzuwerfen habe – und o! daß ich das nicht früher dem edelsten Menschen bekannte – ist dies, daß ich die reitzende Andronica wider den Willen ihres Vaters kennen lernte, und daß ich sie mehr wie mein Leben liebe. Sie wollte mir folgen; ich hörte auf ihr Flehen nicht; ein rechtschaffener Mann opfert die Ruhe seines Gewissens keinen augenblicklichen Gelüsten auf. Zwar ahne ich, wer sie aus den Armen ihres Vaters gerissen haben mag, und bey der Pflicht meines Ordens, die die Unschuld zu rächen und zu retten mir auferlegt, schwöre ich Ihnen den heiligsten Eyd, ich will ihn aufsuchen, und wenn er an den Enden der Welt wäre. Ich will mich vor Ihren Augen so rein machen, als ich rein bin vor den Augen des Allsehenden!“ 

Ein lang verhaltner Thränenguß hemmte seine Worte, er sank mit glühendem Gesicht auf Giannis Bette, und es herrschte eine tiefe Stille um sie her. Denn Tourvilles Herz war nun entlastet; er war gerechtfertigt vor dem beleidigten Vater, und der Sturm seiner Seele ging nun in eine stille Traurigkeit über. Nicht so war es mit dem redlichen Athenienser. Hingerissen von diesem freyen Blick, und rührenden Tone, den Heucheley und Nichtswürdigkeit vergebens nachzubilden wagen, konnte er sich nicht enthalten, den Versicherungen des Ritters zu glauben. Aber minderte das seinen Kummer? War nicht vielmehr alle Hofnung, durch den Ritter etwas von seiner theuren Andronica zu erfahren, auf einmal verloren? Auf diesen Fall war er nicht vorbereitet gewesen. Sein von Kummer und Schmerzen niedergebeugter Geist, konnte einem solchen Schlage nicht widerstehen. Man fürchtete für sein Leben. Ein alter griechischer Geistlicher, der neben der Beobachtung der Cärimonien, zu denen ihn sein Amt verband, die Arzneikunde trieb, und außer dem Athenienser der einzige Arzt auf Siffanto war, wuste indessen die Hitze des Fiebers zu dämpfen, auf welche ein kurzer stärkender Schlaf folgte, aus dem der Kranke mehr gesammelt, erwachte. 

Tourville, der sich die Zeit über nicht von seinem Bette entfernt hatte, nahm diese Augenblicke wahr, um ihm alles, was er vom Andronicas Schicksal wuste, zu erzählen, wornach er sich überzeugt glaubte, daß sie nirgends anders, als bey dem Ritter von Hocquincour seyn könnte. Nur wie sie dahin gekommen, ob Irrthum, List oder Gewalt sie in seine Hände geliefert; das war der Knoten, von dessen Lösung künftig die Achtung abhängen sollte, die der junge Seemann für seinen alten Lehrer und Freund in ihrem ganzen Umfange zu erhalten, so sehnlich wünschte. Irgend etwas muste sich doch immer aus den Nachforschungen schliessen lassen, die Gianni ohne Zweifel am Tage ihrer Flucht angestellt hatte. Er bat ihn also um die Mittheilung dessen, was er erfahren.

„Was ich weiß, sagte der Alte, ist sehr wenig. In der Stille der Nacht, indeß ich so ruhig schlief, ward sie mir entführt. Denn entführt ist sie mir; das gute Kind konnte freywillig das Haus ihres alten Vaters nicht verlassen haben. Am Morgen des unglücklichen Tages stand ich zu meiner gewöhnlichen Stunde auf. Ich rief meinen Bedienten; er kam nicht. Ich rief die alte Mohrinn; sie ließ sich nicht hören. Verwundert darüber eilte ich in das Zimmer meiner Tochter. Ach! es war ledig! Angstvoll, und mein trauriges Schicksal fürchtend, durchlief ich das ganze Haus, und fand sie nicht. Meiner selbst nicht mächtig, ohne zu wissen, wohin, lief ich auf die Straße. Kein Nachbar wuste etwas. Der Bube hatte seine Zeit zu gut gewählt. Endlich war es, als ob eine geheime Macht mich weiter führte; ich kam in den Hafen; aber auch hier war mein Nachfragen vergebens. Die Escadre war nicht mehr zu sehen, am frühen Morgen schon waren ihre letzten Wimpel verschwunden. Unwillkührlich strekte ich meine Arme gegen das Meer aus, als ob es mein Alles in seinen Schooß aufgenommen hätte. Da lief ich an dem Ufer umher, so weit ich kommen konnte. Niemand gab mir Licht in dieser Finsterniß. Ermattet und außer mir selbst, war ich schon im Begriff niederzusinken, als ein alter Fischer, den mein Jammern herbeygezogen hatte, mir endlich erzählte, daß um Mitternacht, zwey Weiber, und ein Mann, in einer Schaluppe, die an dem Ufer gewartet hätte, zu den Schiffen der Franken gefahren wären. Die Sinne vergingen mir; ich weiß nicht, was mir weiter begegnet ist. Auf diesem Bette, unter den Händen dieses guten Geistlichen fand ich mich wieder. O hätte er mich doch nicht ins Leben zurückgerufen! ich wäre jetzt glücklicher, und meine Leiden hätten ein Ende. – Das ist alles, was ich weiß, edler Franke; mehr werde ich jenseits erfahren. –“ 

Alles, was die wärmste Theilnahme zu sagen vermag, ward von Tourville angewandt, seinem redlichen Arzt mehr Zutrauen zu einer vielleicht noch glücklichen Wendung seines Schicksals einzuflößen. Er stellte ihm vor, daß so muthlos seinem Kummer hingegeben, er sich selbst aller Mittel beraubte, seine verlorne Tochter wiederzufinden; und es glückte ihm endlich, einen Vorschlag zu thun, der den leidenden Vater wenigstens für eine Zeitlang beruhigte. „Kommen Sie mit mir, sprach er zu ihm, auf mein Schiff; meine Dienste sind von nun an nur Ihnen und Ihrer unglücklichen Andronica gewidmet. Wir wollen das Meer durchstreichen, und keine Insel des Archipelagus unbesucht lassen. Der Ritter von Hocquincour kann nicht weit seyn; ich verließ ihn im Nachjagen feindlicher Schiffe. Er muß in irgend einem Hafen liegen, und am Ende doch immer nach Maltha zurückkehren. Oder wollen Sie hier, wo jeder Gegenstand Sie an die verlornen Freuden Ihres Lebens erinnert, ein einsam unglücklich Leben führen, und von keiner freundschaftlichen Hand gepflegt, langsam dem Grabe zusinken? Kommen Sie, ermannen Sie sich. Den Guten ist der Himmel günstig.“ Der Athenienser nahm einen Vorschlag mit Freuden an, der bey der Hofnung, die er gewährte, selbst wenn diese nicht erfüllt werden sollte, wenigstens durch Thätigkeit und Zerstreuung, zur Erheiterung seines Gemüths, so vieles beytragen konnte. 

Nach einem Verfluß von zehn Tagen war die Prise wieder in Stand gesetzt, und segelfertig. Man beschloß nach Zante zu gehen, wo man den Ritter von Hocquincour, oder wenigstens Nachrichten von ihm zu finden hoffte, Die Provenzalische Familie, obgleich sie sich von ihrem Wege entfernte, schiffte sich dennoch aus Dankbarkeit für den Ritter von Tourville freywillig mit ein, und Gianni verließ einen Wohnsitz, wo ihm in Ruhe und Abgeschiedenheit von der Welt, zwölf glückliche Jahre seines Lebens verflossen waren. 

So verschlossen und nachdenkend der Ritter von Tourville während der ganzen Reise gewesen war, so heiter und gesprächig ward er, als sich das Schiff, das wie von einem guten Genius geführt, sanft und leise über die Wellen dahinglitt, der Rhede von Zante näherte. Die Freude, hier am Ziel ihrer Nachforschungen zu seyn, hatte auf alle einen gleich glücklichen Einfluß; und kaum waren die Anker geworfen, als Gianni, ungeduldiger als die übrigen, sogleich nach der Stadt eilte, wo er alte Bekanntschaften hatte. Der Zufall ließ ihn einen seiner Freunde treffen, von dem er erfuhr, daß die beyden malthesischen Corsaren vor zwey Tagen abgesegelt wären, daß aber ein Kaufmann, einer von Curvilliers Freunden, einen Brief an den Ritter von Tourville abzugeben habe. Man suchte den Kaufmann auf, mit dem, weil er sein Geschäft selbst bey dem Ritter ausrichten wollte, Gianni voller Freuden an Bord eilte, wo er folgenden Brief des Ritters von Hocquincour übergab. 

„Sie werden vielleicht einige Mühe haben, mein lieber Ritter, mir den Streich zu verzeyhen, den ich Ihrer Geliebten gespielt habe; Sie werden etwas von Verrätherey ahnen, und mir, Gott weiß was alles, zur Last legen. Aber ich bin unschuldig. Der bloße Zufall hat mir das schöne Mädchen in die Hände geliefert; und sollte ich, alter Freund der Weiber, einen so reitzenden Zufall etwa nicht benutzen? Auch gestehe ich Ihnen aufrichtig, daß es meine Schuld nicht ist, wenn ich ihn nicht habe benutzen können. Sie kennen mich; ich werde mich keinem Mädchen mit Gewalt aufdringen, und selbst das schönste Weib hat Ruhe vor mir, wenn sie mir nicht wenigstens etwas entgegen kömmt.“ 

„Das ist aber der Fall bey der lieben Eigensinnigen gar nicht. Sie ist Ihnen über alle Beschreibung treu; und alle meine Versuche, die Härte, mit der Sie ihr einen kleinen Platz in Ihrer Cajüte abgeschlagen, zu meinem Vortheile geltend zu machen, waren vergebens; obgleich ich in solchen Geschäften, wie Sie wissen, nicht unerfahren bin. Nicht einmal ein kleines freundliches Lächeln konnte ich von ihr erhalten; sie wurde nur noch immer aufgebrachter, und ich habe dabey wieder Gelegenheit gehabt zu bemerken, daß Sie, mein Freund, einige Jahre jünger sind als ich. Seitdem hat sie nichts mehr von mir zu befürchten.“ 

„Zehn Tage lang haben wir auf der Rhede von Zante auf Sie gewartet, aber vergebens; ich will also wieder unter Seegel gehen, und die liebe Eigensinnige, die gegen die Fahrt nach Siffanto ernstlich protestirt, weil sie vermuthlich keinen guten Empfang von Seiten des alten Herrn ahnet, nach Maltha bringen, wohin sie sich, in der Hofnung, ihren lieben Ritter dort zu treffen, nicht wenig sehnt. Denn sie ist Ihrentwegen in großen Ängsten, weil sie ihr Schiff im letzten Gefechte sinken sah; obgleich uns andre die auf dem feindlichen Schiffe zu gleicher Zeit erscheinende malthesische Flagge wieder beruhigte, und uns für Ihre Tapferkeit und Ihren Muth ein besseres Schicksal hoffen ließ.“ 

„Mir, und Cruvillier sind die beyden Türken durch Hülfe der Nacht entwischt. Sie, Herr Ritter, waren glücklicher, und haben wenigstens Ehre und Ruhm, wenn gleich keine Vortheile erkämpft. Überhaupt scheint Ihnen die Kriegsgöttinn sehr gewogen zu seyn, und der Sieg ist Ihnen eben so günstig, als die Liebe.“ 

„Leben Sie wohl, und gestatten Sie Ihrem Herzen keinen Groll gegen mich, denn ich bin Ihnen aufrichtig zugethan. In la Vallette sehen wir uns wieder.“ 

So wenig Aufklärung dieser Brief auch über die Art und Weise gab, wie die schöne Griechinn auf das Schiff des Ritters von Hocquincour gekommen sey; und so viel gegründeter Argwohn auch, trotz allen Versicherungen des letztern, immer gegen ihn übrig blieb, so war der Ritter von Tourville dennoch ausserordentlich beruhigt. Den auf gute Nachrichten von seiner geliebten Tochter so begierigen Athenienser las er indessen nur so viel vor, als hinlänglich zu seyn schien, um ihn in der guten Meinung, die er von dem Commandeur gefaßt hatte, zu bestärken, und jede Befürchtung einer üblen Behandlung des lieben Mädchens von ihm zu entfernen. Denn er hielt es doch nicht für rathsam, den alten Vater über die Größe und den Grad ihrer gegenseitigen Leidenschaft für einander, vollkommen zu verständigen. So kehrte nun Ruhe und Heiterkeit in aller Brust zurück und ihr einziger Gedanke war Maltha, wohin der Ritter sogleich unter Segel ging. 

In wenigen Tagen erreichten sie den Ort ihrer Bestimmung, aber kein Ritter von Hocquincour, kein Cruvillier lag im Hafen. So glänzend auch der junge Held von dem Malthesern empfangen wurde, so kostete es ihm doch nicht wenig Mühe, den Schmerz über seine verfehlte Hofnung zu verbergen. Noch niedergeschlagener war Gianni ans Land getreten. Ach! die Hofnung sein Liebstes wieder zu finden, war getäuscht, und er sowohl, als Tourville, fanden nirgends mehr Beruhigung, als in der Gesellschaft des Herrn von Gerr*** und der beyden Damen, die, weil sobald kein Fahrzeug von la Valletta nach Smyrna abging, den Winter auf der Insel Maltha zur großen Freude der beyden Leidenden zuzubringen sich entschlossen. Indessen gelang es ihnen doch nicht, weder den trauernden Athenienser, der jeden Morgen dem Hafen zueilte, und hinaus sah in das weite Meer, um irgend ein erscheinendes Segel zu entdecken, noch den schwermüthigen Ritter zu beruhigen. 

Eines Abends kehrte dieser aus dem Ordens-Pallast zurück; er sieht eine Menge Menschen um seine Wohnung versammelt; er bemerkt ein ungewöhnliches Geräusch im Hause. Er frägt nach der Ursache; niemand weiß sie einer nur antwortet ihm eilig: ich suche einen Arzt. Bestürzt, und ein Unglück ahnend, eilt er hinein. Er wird den Herrn von Gert*** gewahr. – „Um Gotteswillen, was ist hier?“ – „Ach! unser guter Alter! Leblos, ohne Besinnung haben sie ihn vor einer halben Stunde von dem Ufer des Meeres hergebracht.“ – Was dem redlichen Gianni begegnet war, wußte niemand. In dem Augenblicke erscheint der Arzt. Seine Hülfe ist noch nicht zu spät. Der Sterbende kommt von den Pforten des Todes zurück; seine Augen sind erloschen; seine Stimme ist matt; er spricht in langsamen Pausen: 

„Warum ruft ihr mich ins Leben zurück? – was soll ich, wo Andronica nicht mehr ist? – Ein Schiff aus der Levante, hat heute die schrekliche Nachricht mitgebracht, daß Hocquincour und Cruvillier, von drey Türken angegriffen, untergegangen oder genommen sind.“ 

Er sank wieder in eine tödtliche Ohnmacht zurück. Seinem Freunde von Gerr***, den Provenzalerinnen und dem Arzt, überließ Tourville die Sorge für den armen Leidenden, und stürzte von Verzweiflung ergriffen, in sein einsames Zimmer. Die Herrschaft der Vernunft hat ein Ende, wo das Herz so bestürmt wird. Sich klagte er als ihren Mörder an; sich warf er es vor, die unglückliche um alle Freuden des Lebens gebracht, und in wenig Tagen die Ruhe und den Frieden eines so geliebten Hauses, auf immer zerstört zu haben; ein so plötzlicher Verlust alles dessen, was ihm allein bis jetzt in der Welt theuer und werth gewesen war, zerrüttete sein Inneres, und er hatte es nur der Kraft seiner Jugend zu verdanken, daß er in diesen Kämpfen nicht unterlag. 

Am Sterbebette des unglücklichen Atheniensers war indeß alle Hofnung verschwunden; die niedergedrückte Natur nahm keine Hülfe mehr an. Vier und zwanzig Stunden lag er so in dumpfem Hinbrüten; dann flammten plötzlich des Lebens letzte Reste auf; eine unerwartete Heiterkeit glänzte aus seinen Augen, und er verlangte den Ritter zu sprechen. Man rief ihm; seiner kaum mächtig wankte er hin; seine Knie zitterten. Alle mußten sich entfernen. 

„Noch am Grabe, wo ich bald Ruhe zu finden hoffe; an den Gränzen einer bessern Welt, wo jede Täuschung verchwindet, danke ich Ihnen, lieber Ritter, für die Theilnahme, die Sie mir unglücklichen angedeihen ließen. Im Laufe meiner kummervollen Jahre, ach! wie wenig Menschen habe ich gefunden, die Ihnen gleichen! – Seyn Sie ruhig, mein Freund, wie ich es in dieser feyerlichen Stunde bin. Wenn es Sie trösten kann, daß ich Ihnen nicht die geringste Schuld an dem schreklichen Schlage beymesse, der mich Unglücklichen niedergeworfen hat, so thue ich dieses Bekenntniß gern und freywillig; und als einen kleinen Beweiß, daß ich mit keinem Groll im Herzen von Ihnen scheide, übergebe ich Ihnen mein sämtliches nicht unbeträchtliches Vermögen, worüber Sie auf Siffanto nähere Nachricht finden werden. – Meine Andronica ist ja nicht mehr; wem gehört es also rechtlicher, als dem, der auch sie liebte, und als ein guter Sohn und Bruder, mir verlassnen Vater den Todeskampf erleichtert. – Sollte sie aber nicht todt, und, was noch schreklicher wäre, in den Händen der Türken seyn, so verlasse ich mich auf Ihre Liebe, Ihre Klugheit, Ihren Muth. – Sie werden ihr nachspüren und sie loskaufen. – Dann erzählen Sie ihr meinen Tod, und die traurigen Folgen der Verirrungen eines Augenblicks. Ohne Vater, ohne Mutter, von allen verlassen, und in fremder Gewalt, soll sie in der Abtey von Siffanto, bey ihrer Tante, den Rest ihrer Tage, gesichert gegen alle Verführung, in frommen Übungen zubringen. – Will sie das nicht, so führen Sie sie nach Athen, zu ihrem Oheim Zacharias Beninzoli. Er ist ein redlicher Mann, er wird sie an Kindesstatt annehmen. Auch alsdann behalten Sie die Hälfte meines Vermögens. ––– Mein Haus ist bestellt! – meines Lebens Ziel ist da!“ 

Er schwieg; diese Anstrengung hatte den Rest seiner Kräfte erschöpft; seine Augen brachen. Dieser rechtschaffene Mann, nahm den kleinen Rest von Frohsinn, der zuweilen noch in der Gesellschaft geherrscht hatte, vollends mit sich hinweg. Tourville schien alle Kraft seines Geistes verloren zu haben. Nichts reitzte ihn, nichts konnte die Wolken der Schwermuth von seiner Stirne verscheuchen. Es war ein trauriger Winter, den sie in la Valletta verlebten. 

Allgemach näherte sich indessen der Frühling, das Meer ward wieder fahrbar, und Tourville begann die nöthigen Anstalten zu einem neuen Seezuge zu treffen. Ihn rief sein Herz, ihn rief der letzte Wille des sterbenden Gianni in den Archipelagus, denn von Hocquincour und Cruvillier waren noch keine aufklärende Nachrichten eingegangen. Da es aber für ihn zu viel gewagt gewesen wäre, mit seiner Fregatte allein, sich den Angeiffen der Corsaren auszusetzen, so nahm er das Anerbieten des Großmeisters, der ihm einen gewissen Carini, einen Neapolitaner und erfahrnen Seemann zum Gefährten auf seinen Zügen vorschlug, ohne Bedenken an. Dieser Carini, ein damals sehr bekannter Kreuzfahrer, war mit einem Schiffe von fünfzig Kanonen nach Maltha gekommen, um sich die Erlaubniß zu erbitten, unter der Flagge des Ordens gegen die Türken ziehn zu können. Der Orden, der nicht gerne eine Gelegenheit vorbeyließ, seinen Namen und seine Flagge den Muselmännern furchtbar zu erhalten, zumal wenn es ohne Kosten geschehen konnte, bewilligte diese Bitte sehr gerne, und Tourville stand keinen Augenblick an, sich mit einem Manne zu verbinden, von dessen Geschicklichkeit und Muth er für die Erweiterung seiner Kenntnisse im Fach der Marine, und für den glücklichen Erfolg seiner Unternehmungen die besten Hofnugnen zu fassen berechtigt war. Sie schlossen einen Contrakt mit einander, worin der Antheil eines jeden an den etwaigen Prisen auf das genaueste bestimmt wurde, und der jüngere Tourville überließ dem erfahrnern Seemann das Oberkommando. Jünglinge aus den edelsten Familien Italiens, ein Morosini, ein Marini und andre, hielten es für ein Glück, sich unter der Anführung dieser Helden versuchen zu können; und in kurzem warne ihre Schiffe seegelfertig. 

Mit so vieler Freude der Ritter dem Augenblick seiner Abreise entgegen sah, denn aus der qualvollen Unruhe über das Schicksal seiner geliebten Griechinn muste er jetzt durch seine Nachforschungen auf eine oder die andere Weise gerissen werden; mit eben so vieler Bekümmerniß näherte sich die Provenzalische Familie dem traurigen Tage der Trennung von einem Freunde, an dessen Schicksal sie den lebhaftesten Antheil genommen hatte, und dem sie so viele und so große Verbindlichkeiten schuldig war. Sie hätte sich so gerne mit ihm eingeschifft; aber die kriegerische Bestimmung seines Schiffes erlaube es nicht, und sie muste sich entschliessen, in la Valetta zurückzubleiben, und ein nach der Levante bestimmtes Schiff abzuwarten. Rührend und herzlich war ihr Abschied, und lange noch standen sie traurend am Ufer, als schon die Seegel und Wimpel ihres Freundes und Erretters, am Horizont verschwunden waren. 

Nachdem die kleine Escadre eine Zeitlang vergebens das Meer durchstrichen, entschloß sich Carini, nach der Insel Zante zu seegeln. Um dort nähere Nachrichten von den Corsaren einzuziehen. Tourville, der seinen Commandeur nicht das geringste von seinen Absichten hatte merken lassen, vernahm diese Ordre mit geheimer Freude. Sie kamen glücklich auf der Rhede von Zante an, und wurden hier von einem venetianischen Kauffahrer, den die Furcht vor den Türken, die am Eingage des Golfo von Venedig kreuzen sollten, in diesem sichern Hafen zurückgehalten hatte, hinlänglich von dem unterrichtet, was sie wissen wollten. Indeß Carini mit dem Venetianer sich besprach, eilte Tourville ans Land, um den Kaufmann, der ihm ehmals hier den Brief des Ritter von Hocquincour abgegeben hatte, aufzusuchen. Von ihm erfuhr er, daß seine Freude, Hocquincour und Cruvillier, den letzten Winter in Zante zugebracht, daß der erstere, an dem man eine ungewöhnliche Traurigkeit und Niedergeschlagenheit bemerkt, in einem hartnäkigen Gefecht seine Fregatte verloren, dagegen aber ein türkisches Schiff geführt habe, und beyde an gefährlichen Wunden lange niedergelegen, auch ihr Geschwader in einem sehr üblen Zustande gewesen wäre. Vor ungefähr vierzehn Tagen hätten sie wieder in See gehen können. 

Es war eine beruhigende Nachricht für den Ritter, daß sein Freund der Commandeur, über den er sich doch aus so mancherley gerechten Ursachen zu beschweren hatte, nicht umgekommen sey; aber sein Herz wurde darum nicht erleichtert. In einem ängstlichen Tone frug er den Kaufmann, ob die Maltheser keine Dame bey sich gehabt hätten? – Mit klopfendem Herzen erwartete er die Antwort. Ach! sie fiel unbefriedigend aus. Der Kaufmann, der doch selbst zugegen gewesen war, als die Schiffsbesatzung ans Land gestiegen, hatte keine Dame gesehn. Nie hatte er in Gesellschaft der Capitains, irgend etwas von einer Dame gehört. 

So waren sie also erfüllt, jene traurigen Ahnungen! So war also Andronica durch einen fürchterlichen Tod den süssesten Hofnungen des Ritter entrissen worden! Denn welches Wunder hatte sie retten können in einem Gefecht, wo Hocquincour sein Schiff verlor? – Von einem betäubenden Schmerz niedergedrückt, verließ er das Haus des Kaufmanns, und eilte an Bord. Keine Hofnung wohnte mehr in seiner Brust; schwarz und fürchterlich erschien ihm die Zukunft, und der Gedanke, denen, die den besten Theil seiner Selbst mit sich hinweggenommen hatten, bald nachzufolgen, und auf dem blutigen Wege der Ehre seine Leben zu enden, hatte jetzt nur allein Reiz für ihn. 

Mit einem Muth, der nahe an Verzweiflung gränzt, folgte er seinem Commandeur Carini in das Meer. Ihnen hatte sich der venetianische Kauffahrer beygesellt, um unter ihrem Schutze die minder gefährlichen Gegenden des Golfo von Venedig zu erreichen. Lange kreuzten sie um die Buchten und Vorgebürge der Albanischen Küste, die gewöhnlichen Schlupfwinkel der türkischen Corsaren, ohne die Feinde zu entdecken. Nach mehrern Wochen endlich ward man auf der Höhe der Insel Carera drey feindliche Seegel gewahr, die sich voll Hofnung einer reichen Beute mit günstigem Winde näherten. Mit Entzücken vernahm der Ritter das Signal zum Treffen. 

Das Gefecht war so hartnäckig, wie man es nur immer von der blinden Wuth der Türken, und der überlegten Tapferkeit der Christen erwarten konnte. Vier Stunden lang ward ein unaufhörliches Feuer unterhalten, zweymal von Tourvilles Schiff der enternde Feind abgeschlagen, und dennoch der Sieg nicht erkämpft. Umsonst stürzte sich der Ritter dahin, wo der dichteste Kugelregen fiel; an seiner Seite sanken seine Freunde und Kameraden, er stand unversehrt; ein schützender Genius schien sich seiner anzunehmen, aber darum minderte sich die Gefahr für die Christen nicht; bis endlich ein glückliches Manoevre die Türken aus der Faßung brachte, den Malthesern das Entern erleichterte, und der geschwächte Feind, nach einem kurzen Widerstande den Siegern erliegen muste. Kaum wurden die beyden andern Raubschiffe den Verlust ihres Gefährten gewahr, als sie, da sich Tourville bereit machte, seinem Freunde Carini und dem Kauffahrer zu Hülfe zu eilen, alle Seegel beysetzen, und die Flucht nahmen.

So bedeutend auch die Eroberung war, die der Ritter gemacht hatte – denn man fand in der Prise einen großen Vorrath reicher Güther, viel baares Geld, und was mehr als alles das werth seyn muste, eine nicht geringe Anzahl unglücklicher Christensklaven, – so machte das alles doch wenig Eindruck auf den unglücklichen jungen Mann. Mit thränenden Augen stand er da unter den Opfern des Sieges, und schien das Schicksal derer zu beneiden, die mit ihrem Blut und Leben den Ruhm der Maltheser bezahlt hatten. Kaum konnte er sich entschliessen, der genaueren Besichtigung des eroberten Schiffes beyzuwohnen. Die Gefangenen und die geretteten Christen wurden ihm vorgeführt; mit untheilnehmendem Auge blikte er sie an, als plötzlich aus dem Haufen sich eine alte Mohrinn hervordrängte. Gott! es war die Mohrinn seiner geliebten Griechinn! Außer sich für Freude und Angst, will er mit ihr sprechen! Ach! sie versteht ihn nicht. Aber ein bedeutender Wink von ihr scheint zu sagen, daß er ihr folgen solle. Zitternd steigt er ihr nach in den Raum; sie führt ihn zur verschlossenen Konstabels-Kammer; man sprengt die Thüre, und in tiefe Schleyer eingewickelt, liegt hier ein weibliches Geschöpf auf dem Boden. Man hebt sie auf. Er erkennt seine Andronica!

(Die Fortsetzung folgt.)

 

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