Friedrich SchillerFriedrich Schiller

Die Horen 3/1796

 

IV. 

Scenen aus Romeo und Julie von Shakespeare.

Probe einer neuen, metrischen Übersetzung dieses Dichters. 

Zweyter Aufzug.

Erster Auftritt.

Die Straße. Romeo allein tritt auf.

Romeo.
Kann ich von hinnen, da mein Herz hier bleibt?
Geh, frost’ge Erde, suche deine Sonne! [ab.]

Benvolio und Mercutio treten auf.

Benvolio.
He, Romeo! mein Vetter!

Mercutio.
Er ist weise,
Und hat, mein Seel’ sich heim ins Bett gestohlen.

Benvolio.
Er lief hieher und sprang die Gartenmau’r
Hinüber: ruf’ ihn, Freund Mercutio.

Mercutio.
Ja, obendrein beschwören will ich ihn. -
He, Romeo! Wahn! Toller! Glut! Verliebter!
Erscheine du, gestaltet wie ein Seufzer!
Sprich nur ein Reimchen, so genügt mirs schon;
Ein Ach nur weine, paare Lieb’ und Triebe,
Gieb der Gevatt’rin Venus Ein gut Wort,
Schimpf eins auf ihren blinden Sohn und Erben
Held Amor, der so flink gezielt, als König
Cophetua das Bettlermädchen liebte.
Er höret nicht, er regt sich nicht, er rührt sich nicht;
Der Aff’ ist todt, so muß ich ihn beschwören.
Nun wohl! bey Rosalindens hellem Auge,
Bey ihrem zarten Fuß, dem schlanken Bein,
Den üpp’gen Hüften und der Region,
Die ihnen nahe liegt, beschwör’ ich dich,
Daß du in eigner Bildung uns erscheinest.

Benvolio.
Wenn er dich hört, so wird er zornig werden.

Mercutio.
Hierüber kann er’s nicht; er hätte Grund,
Bannt’ ich hinauf in seiner Dame Kreis
Ihm einen Geist von seltsam eigner Art,
Und ließe den da stehn, bis sie den Trotz
Gezähmt und nieder in beschworen hätte:
Das wär’ Beschimpfung! Meine Anrufung
Ist gut und ehrbar; mit der Liebsten Nahmen
Beschwör’ ich ihn, bloß um ihn aufzurichten.

Benvolio.
Komm! Er verbarg sich unter jenen Bäumen,
Und pflegt des Umgangs mit der feuchten Nacht.
Denn Lieb’ ist blind: das Dunkel ist ihr recht.

Mercutio.
Ist Liebe blind, so zielt sie freylich schlecht. –
Nun sitzt er wohl an einen Baum gelehnt.
Und wünscht, sein Liebchen wär’ die reife Frucht 
Und fiel’ ihm in den Schooß. Doch, gute Nacht, 
Freund Romeo! Ich will ins Federbett;
Das Feldbett ist zum Schlafen mir zu kalt.
Komm! Gehen wir?

Benvolio.
Ja, wir gehen. Es ist umsonst,
Ihn, der nicht will gefunden seyn, zu suchen.
 

Des zweyten Aufzugs, zweyter Auftritt.

Capulets Garten. Romeo tritt auf.

Romeo.
Der Narben lacht, wer Wunden nie gefühlt. –
Doch still! was schimmert durch das Fenster dort?
Es ist der Ost und Julia die Sonne.
Julia läßt sich oben an einem Fenster sehn.
Geh’ auf, du holde Sonn’! Ertödte Lunen,
Die neidisch ist, und bleich und krank vor Gram,
Daß du, ihr dienend, so viel schöner bist.
O dien’ ihr nicht, da sie voll Neides ist!
Nur Thoren gehen in ihrer kranken, blassen
Vestalentracht einher: wirf du sie ab! -
Sie ist es, meine Göttin! meine Liebe!
O wüßte sie, daß sie es ist! –
Sie spricht, doch sagt sie nichts; was schadet das?
Ihr Auge redt, ich will ihm Antwort geben. -
Ich bin zu kühn, es redet nicht zu mir.
Ein Paar der schönsten Stern’ am ganzen Himmel
Hat ein Geschäft, und bittet ihre Augen
Zu funkeln droben, bis es wiederkehrt.
Doch wie? wenn ihre Augen dort, die Sterne
In Ihrem Antliz wären? Würde nicht
Der Wangen Lichtglanz jene so beschämen,
Wie Taglicht eine Lampe? Würd’ ihr Aug’ 
Aus Ätherhöhn sich nicht so hell ergießen,
Daß Vögel sängen, froh den Tag zu grüßen?
O wie sie auf die Hand die Wange lehnt!
Wär ich der Handschuh dieser schönen Hand,
Und küßte diese Wange!

Julia.
Weh mir!

Romeo.
Horch,
Sie spricht! O sprich noch Einmahl, holder Engel!
Denn über meinem Haupt erscheinest du
Der Nacht so glorreich, wie ein Flügelbote
Des Himmels dem erstaunten, über sich
Gekehrten Aug’ der Menschensöhne, die
Sich rücklings werfen, um ihm nachzuschaun,
Wenn er dahin fährt über trägen Wolken,
Und auf der Luft gewölbtem Busen schwebt.

Julia.
O Romeo! warum denn Romeo?
Verläugne deinen Vater, deinen Nahmen!
Willst du es nicht, schwör’ dich zu meinem Liebsten,
Und ich bin länger keine Capulet!

Romeo.
Horch’ ich noch länger, oder soll ich reden?

Julia.
Dein Nahm’ ist nur mein Feind. Du bliebst du selbst,
Und wärst du auch kein Montague. Was ist
Denn Montague? Es ist nicht Hand, nicht Fuß,
Nicht Arm, noch Antlitz, noch ein andrer Theil.
Was ist ein Nahme? Was uns Rose heißt,
Wie es auch hieße, würde lieblich duften.
So Romeo, wenn er auch anders hieße,
Es würde doch den köstlichen Gehalt
Behaupten, welcher ohne Titel sein.
O Romeo, leg deinen Nahmen ab,
Und für den Nahmen, der dein Selbst nicht ist,
Nimm meines ganz.

Romeo
indem er näher herzutritt.
Ich nehme dich beym Wort.
Nenn Liebster mich, so bin ich neu getauft,
Und will hinfort nicht Romeo mehr seyn.

Julia.
Wer bist du, der du von der Nacht beschirmt,
Dich drängst in meines Herzens Rath?

Romeo.
Mit Nahmen
Weiß ich dir nicht zu sagen, wer ich bin.
Mein eigner Nahme, theure Heil’ge, wird,
Weil er dein Feind ist, von mir selbst gehasst.
Stünd’ er geschrieben hier, zerriß ich ihn.

Julia.
Ich kenne diesen Ton, obschon mein Ohr
Nicht hundert Worte sog von jenen Lippen.
Bist du nicht Romeo? Ein Montague?

Romeo.
Nein, Holde! keines, dir eins misfällt.

Julia.
Wie kamst du her, o sag’ mir! und warum?
Hoch ist die Gartenmau’r, schwer zu erklimmen;
Die Stätt ist Tod, bedenk nur, wer du bist,
Wenn einer meiner Vettern hier dich sieht.

Romeo.
Der Liebe leichte Schwingen trugen mich.
Kein steinern Bollwerk kann der Liebe wehren,
Und Liebe wagt, was irgend Liebe kann;
Drum stehn mir deine Vettern nicht im Weg.

Julia.
Wenn sie dich sehn, sie werden dich ermorden.

Romeo.
Ach, deine Augen drohn mir mehr Gefahr
Als zwanzig ihrer Schwerter: Blick du freundlich,
So bin ich gegen ihren Haß gestählt.

Julia.
Ich wollt’ um alles nicht, daß sie dich fänden.

Romeo.
Vor ihnen hüllt mich Nacht in ihren Mantel.
Liebst du mich nicht, so lass sie nur mich sehn.
Durch ihren Haß zu sterben wär’ mir besser,
Als, ohne deine Liebe, Lebensfrist.

Julia.
Wer zeigte dir den Weg zu diesem Ort?

Romeo.
Die Liebe, die nach ihm mich forschen hieß.
Sie lieh mir Rath, ich lieh ihr meine Augen.
Ich bin zwar kein Pilot, doch wärst du fern
Wie Ufer, von dem fernsten Meer bespült,
Ich wagte mich nach solchem Kleinod hin.

Julia.
Du weißt, die Nacht verschleyert mein Gesicht,
Sonst färbte Mädchenröthe meine Wangen
Um das, was du vorhin mich sagen hörtest.
Gern hielt ich streng auf Sitte, möchte gern
Verläugnen, was ich sprach; doch weg mit Förmlichkeit!
Sag’, liebst du mich? Ich weiß, du wirst bejahn,
Und will dem Worte traun. Doch, wenn du schwörst,
So kannst du treulos werden; wie sie sagen,
Lacht Jupiter des Meineids der Verliebten.
O holder Romeo! wenn du mich liebst,
Red’ ohne Falsch! Doch dächtest du, ich sey
Zu schnell besiegt, so will ich finster sehn,
Will widerspänstig seyn, und Nein dir sagen,
So du dann werben willst, sonst nicht um alles.
Gewiss, mein Montague, ich bin zu zärtlich;
Du könntest denken, ich sey leichten Sinns.
Doch glaube, Mann, ich werde treuer seyn,
Als sie, die fremd zu thun geschikter sind.
Auch ich, bekenn’ ich, hätte fremd gethan,
Wär’ ich von dir, eh’ ichs gewahrte, nicht
Belauscht in Liebesklagen. Drum vergieb!
Schilt diese Hingebung nicht Flatterliebe,
Die so die stille Nacht verrathen hat.

Romeo.
Ich schwöre, Fräulein, bey dem heil’gen Mond,
Der silbern dieser Bäume Wipfel säumt –

Julia.
O schwör’ beym Monde nicht, dem Wandelbaren,
Der monathlich in seiner Scheibe wechselt,
Damit nicht wandelbar dein Lieben sey!

Romeo.
Wobey denn soll ich schwören?

Julia.
Laß es ganz.
Doch willst du, schwör’ bey deinem edlen Selbst,
Dem Götterbilde meiner Anbetung;
So will ich glauben.

Romeo.
Wenn die Herzensliebe –

Julia.
Gut, schwöre nicht! Ob ich wohl dein mich freue,
Freu’ ich mich nicht des Bundes dieser Nacht.
Er ist zu rasch, zu unbedacht, zu plözlich;
Gleicht allzu sehr dem Blitz, der nicht mehr ist,
Noch eh man sagen kann: es blitzt. – Schlaf süß:
Des Sommers warmer Hauch kann diese Knospe der liebe wohl zur schönen Blum’ entfalten,
Bis wir das nächste Mahl uns wieder sehn.
Nun, gute Nacht! So süße Ruh und Frieden
Als mir im Busen wohnt, sey dir beschieden! [will gehen.]

Romeo.
Ach, du verläßest mich so unbefriedigt?

Julia.
Was für Befriedigung begehrst du noch?

Romeo.
Gib’ deinen treuen Liebesschwur für meinen.

Julia.
Das that ich schon, eh’ du darum gefleht.
Und dennoch wollt’ ich, daß er mein noch wäre.

Romeo.
So nähmst du ihn zurück? Wozu das, Liebe?

Julia.
Um ihn großmüthig dir zurück zu geben.
Allein ich wünsche nur, was mein schon ist.
So gränzenlos ist meine Huld, wie Liebe
So tief ja wie das Meer. Je mehr ich gebe,
Je mehr auch hab’ ich; beydes ist unendlich.
Ich höre drinnen Lärm: leb’ wohl Geliebter! –

Die Amme ruft hinter der Szene.

Gleich, Amme! – Holder Montague, sey treu!
Wart’ einen Augenblick, ich komme wieder. [ab.]

Romeo.
O sel’ge, sel’ge Nacht! Nur fürcht’ ich, weil
Mich Nacht umgiebt, dieß alles sey nur Traum,
Zu schmeichelnd süß, um wirklich zu bestehn.

Julia.
Erscheint wieder am Fenster.
Drey Worte Romeo; dann gute Nacht!
Wenn deine Liebe, tugendsam gesinnt,
Vermählung wünscht, so laß mich morgen wissen,
Durch jemand, den ich zu dir senden will,
Wo du und wann die Trauung willst vollziehn.
Dann leg’ ich dir mein ganzes Glück zu Füssen
Und folge durch die Welt dir als Gebieter. –

[Drinnen: Fräulein!]

Ich komme; gleich! – Doch meynst du es nicht gut,
So bitt’ ich dich –

[Drinnen: Fräulein!]

Im Augenblick ich komme! -
Hör auf zu werben; laß mich meinem Gram.
Ich sende morgen früh.

Romeo.
Beym ew’gen Heil –

Julia.
Nun tausend gute Nacht! [ab.]

Romeo.
Raubst du dein Licht ihr, wird sie bang durchwacht.
Wie Knaben aus der Schul’ eilt Liebe hin zum Lieben;
Wie Knaben an ihr Buch wird Liebe weggetrieben. 
[will gehen.]

Julia.
St! Romeo! St! O eines Jägers Stimme,
Den edlen Falken wieder herzulocken!
Abhängigkeit ist heiser, wagt nicht laut
Zu reden, sonst zersprengt’ ich Echo’s Kluft,
Und machte heis’rer ihre luft’ge Kehle.
Als meine, mit dem Nahmen Romeo.

Romeo
Kömmt zurück.
Mein Leben ist's, das meinen Nahmen ruft.
Wie silbersüß tönt bey der Nacht die Stimme
Der Liebenden, glich lieblicher Musik,
Dem Ohr des Lauschers!

Julia.
Romeo!

Romeo.
Mein Herz?

Julia.
Um welche Stunde soll ich morgen senden?

Romeo.
Um neun.

Julia.
Ich will nicht säumen; zwanzig Jahre
Sinds bis dahin. Doch ich vergaß, warum
Ich dich zurückgerufen.

Romeo.
Laß hier mich stehn, indeß du dich bedenkst.

Julia.
Auf daß du stets hier weilst, werd’ ich vergessen,
Bedenkend, wie mir deine Näh’ so lieb.

Romeo.
Auf daß du stets vergessest, werd’ ich weilen,
Vergessend, daß ich irgend sonst daheim.

Julia.
Es tagt beynah; ich wollte nun, du gingst,
Doch weiter nicht als eine Tändlerin
Ihr Vögelchen der Hand entschlüpfen läßt,
Wie einen Armen in der Banden Druck,
Und dann zurück ihn zeiht am seidnen Faden:
So liebevoll misgönnt sie ihm die Freyheit.

Romeo.
Wär’ ich dein Vogel doch!

Julia.
Ach, wärst du’s Lieber!
Doch hegt’ und pflegt’ ich dich gewiss zu Tod.
Nun gute Nacht! So süß ist trennungswehe,
Ich rief gut’ Nacht, bis ich den Morgen sähe. [ab.]

Romeo.
Schlaf wohn’ auf deinem Aug’, Fried’ in der Brust!
O wär’ ich Fried’ und Schlaf, und ruht’ in solcher Luft!
Ich will zur Zell’ des frommen Vaters gehen,
Mein Glück ihm sagen und um Hülf’ ihn flehen. [ab.]

Dritter Auftritt.

Ein Klostergarten. Bruder Lorenzo tritt auf, mit einem Korbe.

Lorenzo.
Der Morgen lächelt froh der Nacht ins Angesicht,
Und säumet das Gewölk im Ost mit Streifen Licht.
Die matte Finsterniß flieht wankend, wie betrunken,
Von Titans Pfad, besprüht von seiner Rosse Funken.
Eh’ höher nun die Sonn’ ihr glühend Aug’ erhebt,
Den Thau der Nacht verzehrt und neu die Welt belebt,
Muß ich dieß Körbchen hier voll Kraut und Blumen lesen,
Voll Pflanzen gift’ger Art und diensam zum Genesen.
Die Mutter der Natur, die Erd’, ist auch ihr Gab,
Und was ihr Schooß gebahr, sinkt todt in ihn hinab.
Und Kinder mannichfalt, so all’ ihr Schooß empfangen,
Sehn wir, gesäugt von ihr, an ihren Brüsten hangen.
An vielen Tugenden sind viele drunter reich,
Ganz ohne Werth nicht eins, doch keins dem andern gleich.
O große Kräfte sind’s, weiß man sie recht zu pflegen,
Die Pflanzen, Kräuter, Stein in ihrem Innern hegen.
Was nur auf Erden lebt, da ist auch nichts so schlecht,
Daß es der Erde nicht besondern Nutzen brächt’.
Doch ist auch nichts so gut, das, diesem Ziel entwendet,
Abtrünnig seiner Art, sich nicht durch Misbrauch schändet.
In Laster wandelt sich selbst Tugend, falsch geübt,
So wie dem Laster wohl die Führung Würde giebt.
Zwey Feinde lagern so im menschlichen Gemüthe
Sich, immerdar in Kampf, verderbter Will’ und Güte.
Und wo das Schlechtre herrscht mit siegender Gewalt
Dergleichen Pflanze frisst des Todes Wurm gar bald.

Romeo tritt auf.

Romeo.
Mein Vater, guten Morgen!

Lorenzo.
Sey der Herr gesegnet!
Weß ist der frühe Gruß, der freundlich mir begegnet?
Mein junger Sohn, es zeigt, daß wildes Blut dich plagt,
Daß du dem Bett so früh schon Lebewohl gesagt.
Die wache Sorge lauscht im Auge jedes Alten,
Und Schlummer bettet nie sich da, wo Sorgen walten.
Doch da wohnt goldner Schlaf, wo mit gesundem Blut,
Und grillenfreyem Hirn die frische Jugend ruht.
Drum läßt mich sicherlich dein frühes Kommen wissen,
Daß inn’re Unordnung vom Lager dich gerissen.
Wie? oder hätte gar mein Romeo die Nacht,
(Nun rath’ ichs besser) nicht im Bette hingebracht?

Romeo.
So ist's: ich wußte mir viel süß’re Ruh zu finden.

Lorenzo.
Verzeih die Sünde Gott! Warst du bey Rosalinden?

Romeo.
Bey Rosalinden ich? Ehrwürd’ger Vater, nein!
Vergessen ist ihr Nahm’ und ihres Nahmes Pein.

Lorenzo.
Das ist mein wackrer Sohn! Allein wo warst du? sage!

Romeo.
So hör’! Ich spare gern dir eine zweyte Frage.
Ich war bey meinem Feind auf einem Freudenmahl,
Und da verwundete mich Jemand auf einmahl.
Desgleichen that ich ihm, und für die beyden Wunden
Wird heil’ge Arzeney bey deinem Amt gefunden.
Ich hege keinen Groll, mein frommer alter Freund:
Denn sieh, zu Statten kömmt die Bitt’ auch meinem Feind.

Lorenzo.
Einfältig, lieber Sohn! Nicht Sylben fein gestochen!
Wer Räthsel beichtet, wird in Räthseln losgesprochen.

Romeo.
Dann wiss’ einfältiglich, ich wandte Seel’ und Sinn
In Lieb’ auf Capulets holdsel’ge Tochter hin.
Sie gab ihr ganzes Herz zurück mir für das meine,
Und uns Vereinten fehlt zum innigsten Vereine
Die heil’ge Trauung nur: doch wie und wo und wann
Wir uns gesehn, erklärt, und Schwur um Schwur gethan,
Das alles will ich dir auf unserm Weg’ erzählen;
Nur bitt’ ich, will’ge drein, noch heut uns zu vermählen.

Lorenzo.
O heiliger Sankt Franz! Was für ein Unbestand?
Ist Rosalinde schon aus deiner Brust verbannt,
Die du so heiß geliebt? Ach, junger Männer Liebe
Liegt in den Augen nur, nicht in des Herzens Triebe.
O heiliger Sankt Franz! Wie wusch ein salzig Naß
Um Rosalinden dir so oft die Wangen blaß!
Und löschen konnten doch so viele Thränenfluten
Die Liebe nimmer dir; sie schürten ihre Gluten.
Noch schwebt der Sonn’ ein Dunst von deinen Seufzern vor;
Dein altes Stöhnen summt mir noch im alten Ohr.
Sieh! auf der Wange hier ist noch die Spur zu sehen
Von einer alten Thrän’, und will noch nicht vergehen.
Und warst du je dein selbst, und diese Schmerzen dein,
So war der Schmerz und du für Rosalind’ allein.
Und so verwandelt nun? Dann leide, daß ich spreche:
Ein Weib darf fallen, wohnt in Männern solche Schwäche.

Romeo.
Oft schähltest du mit mir zum Rosalinden schon.

Lorenzo.
Weil sie dein Abgott war, nicht weil du liebtest, Sohn.

Romeo.
Und mahntest oft mich an, die Liebe zu besiegen.

Lorenzo.
Nicht um in deinem Sieg der zweyten zu erliegen.

Romeo.
O bitte, schmähl’ nicht! Sie, der jezt mein Herz gehört,
Hat Lieb’ um Liebe mir, und Gunst um Gunst gewährt.
Das that die andre nie.

Lorenzo.
Sie wußte wohl, dein Lieben
Sey zwar ein köstlich Wort, doch nur in Sand geschrieben.
Komm, junger Flattergeist! komm nur! wir wollen gehn.
Ich bin aus Einem Grund geneigt, dir beyzustehn.
Vielleicht, daß dieser Bund zu großem Glück sich wendet,
Und eurer Häuser Groll durch ihn in Freundschaft endet.

Romeo.
O laß uns fort von hier! Ich bin in großer Eil.

Lorenzo.
Wer hastig läuft, der fällt; drum eile nur mit Weil’. 

[Beyde ab.]

 

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