Friedrich SchillerFriedrich Schiller

Die Horen 3/1797

 

II. 

Die Stände.

Des trägen Hormuz Sohn und Erbe
Feruscht, von edler Lieb’ entglüht
Des Vaterlandes und bemüht,
Daß früh er Menschenkund’ erwerbe,
Und, in Unthätigkeit entblüht,
Sein Geist unthätig nicht verderbe,
Bat einst vom Vater sich beim Schmaus,
Wo, wann ihn der Pokal erheitert,
Kaum eine kühne Bitte scheitert,
Zu einer Reis’ Erlaubniß aus.
Nicht zu den heiligen Gewässern
Des Arrarats zog ihn sein Plan,
Auch lockt’ ihn, Geist und Herz zu bessern,
Nicht nach Medina der Iman;
Wie es geziemet einem Prinzen,
Dem zu regieren den Beruf!
Allein die Erstgeburt nicht schuf,
Wollt’ er durchwandern die Provinzen,
Die ihm, aus des Verderbens Schooß
Zu reißen, fiel das schöne Loos.
Von allem, was nur unterscheidet,
Und Stand und Namen selbst, entkleidet,
Trat, mit dem weisen Nirsukhan
Und zweien an dem nächsten Hafen
Dazu erkauften fremden Sklaven,
Des Unterrichtes Reis’ er an. 

Daß er, den Geist der sondern Stände
Zu würdigen, den Maßstab fände,
War seines Strebens erster Zweck. 

Den Krieger, wo er ihm begegnet,
Fand er mit Selbstvertraun gesegnet,
Ununterrichtet, trozig, keck;
Treu seinem Herscher und gewärtig,
Und auf des trägen Hormuz Wink,
Nie fragend, wie er sich verging,
Den Bruder selbst zu morden fertig;
Dem Spiel’ und den Gelagen hold,
Nie edlererm Gefühl’ entlodernd,
Sich neue Vorrecht’ immer fodernd,
Und höhern Rang und stärkern Sold. 

In ihrem Innern überredet,
Und alle, welchen sie sich nahn,
Zu überreden nicht erblödet,
Erschienen Mullah und Imam,
Selbst Derwisch’ ihm, daß sie nur wüßten,
Wie man das Volk regieren soll,
Und eigentlich und billig wohl
Das Steuerruder lenken müßten.
Bis ein der ihnen und dem Staat
Gleich wünschenswerthe Zeitpunkt trat,
Sah er sie, stets der Willkühr schmeichelnd
Und Obermacht, Gehorsam heuchelnd,
Und, unbedingt, zu aller Zeit,
Empfelend Unterwürfigkeit,
Doch opfernd nie von eigner Haabe
Dem König auch die kleinste Gabe. 

Die Kadi suchte nun Feruscht,
Die Wächter, Hebel der Gesetze,
Und forscht’, ob, heimlich und vertuscht,
Ihr Thun auch selbst das Recht verletze?
Nicht selten fand er sie bemüht
Der Zwietracht Samen auszustreuen,
Und sich der Ernte, die gerieth,
In Selbstbehäglichkeit dann freuen.
Verkauft dem Reichen ward das Recht,
Dem Armen spärlich zugewogen,
Und so der Gläubigen Geschlecht
In tiefres Elend noch, betrogen
Durch die Beschirmer selbst, gezogen,
Die, wo es einen Großen galt,
Geneigt ein Auge zu verschließen,
Sonst Freund’ und Feinde die Gewalt
Des Richterarmes fühlen ließen.
Nur Tiger sah er voller Wut
In den Einnehmern aller Zölle
Und der verschiednen Staatsgefälle,
Die, spielend, seinem Volk das Blut
Aussogen, was sie vorgeschossen
Abziehend erst, den kleinen Rest,
Den ihr Bedürfniß übrig läßt,
Dann in die leeren Kassen gossen. 

Bedacht, wohin er blickte, fand
Der Prinz den regen Kaufmannsstand,
Wie er die Foderungen mehre,
Die Eitelkeit und Wollust macht,
Und Nothdurft, Laune, Prunk und Pracht
Geschickt zum eignen Vortheil kehre,
Eh’ es auswandert, alles Gold
Im Handelstigel nochmals schmelze,
Und, was dem Staat’ er nicht gezollt
Auf den gedrückten Landmann wälze. 

Wars dem Gewerke kaum geglückt
Sich auch um etwas nur zu beben,
So sah, vereint und unverrückt,
Er alle Zunftgenossen streben,
Wie sich, beim Einkauf und Vertrieb,
ausschließend Recht die Gild’ erwerbe,
Uneingedenk, ob, was noch blieb
Von Bürgerfleiß dadurch auch sterbe.
„Wie? haben“, ging den Nirsukhan
Feruscht, deß hoch verwundert, an,
„Die Menschen denn von ihrer Innung
Den Geist allein und die Gesinnung?
Auf den gemeinen Vortheil Acht
Hat jeder Stand beim eignen Pflanzen;
Auf das Erforderniß des Ganzen
Nimmt auch kein Einziger Bedacht.
Ich habe Richter, Priester, Krieger,
Die ihren Vortheil nicht verschmähn,
Handwerker, Krämer, Zöllner, Pflüger,
Und keinen Perser noch gesehn.“ – 

„Die werden einst durch dich entstehn!“
Ruft Nirsukhan. „Sei wachsam, mäßig,
Haushälterisch und unablässig
Die Pflicht, die du so schön erkannt,
Selbst auszuüben angewandt;
Gerecht und, muß es seyn, auch strenge!
Erinnre dich, daß du der Menge
Geborener Beschützer bist,
Sie deinetwegen da nicht ist!
Nur Männern, welche reine Liebe
Zu deinem Volk’ und dir entflammt,
Vertraue dich, und wer im Amt
Nicht aller Tücke ledig bliebe,
Der werde, welche Kunst’ er triebe,
Und was ihn schützte, schnell verdammt!
Auch nicht des Allerersten schone
Die strafende Gerechtigkeit,
Wie den Geringsten sie belohne,
Der ganz sich seinen Pflichten weiht!
Des Hormuz Sohn, Feruscht! o drücke
Dein Persien dir tief ins Herz,
Daß, nach so mancher Wunde Schmerz,
Es ganz einmal ein Fürst beglücke!
Sieht unter dir die Wohlfarth blühn
Der Perser erst des Vaterlandes,
Von Liebe dann nicht nur des Standes,
Von allgemeiner wird er glühn.“

 

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