Friedrich SchillerFriedrich Schiller

Die Horen 8/1797

 

IV. 

Abdallah und Balsora. 

Ein Gedicht in sechs Gesängen. 

Erster Gesang. 

Trag Muse, leichten Fluges, mich
In jenes Fabelland,
Wo schon so mancher Dichter, dich
Im Myrthenschatten fand;
Wo du mit höherem Gefühl,
Des Lieblings Brust durchdrangst,
Und schöner in das trunkne Spiel
Der goldnen Lyra sangst. 

In jenes Land, das die Natur
So mütterlich beschenkt,
Wo liebend auf die reiche Flur,
Der Sonne Blik sich senkt;
Und von dem heisern Strahl erwärmt,
Die Fantasie entglüht,
Um immer neue Blumen schwärmt,
Die dort ihr Hauch erzieht. 

Schöpf, aus dem nie versiegten Quell,
Der zwischen Palmen fließt
Und seine Fluthen silberhell
aus dunkler Urne gießt.
Der Born, der Zaubersagen quillt
In jener Zone nur,
Wo selbst ihn ewig nährend füllt,
Die zaubernde Natur. 

Doch diesmal fei’re mein Gesang
Nicht dunkele Magie,
Der Zauber, der das Glück bezwang,
War zarte Sympathie;
Und jene heil’ge Schwärmerey,
Die für die Seligkeit
Belohnter Liebe, sonder Scheu
Dem Tode selbst sich weiht. 

Welch’ schön’ und wunderbar Gesicht
Schwebt meinen Blicken vor? -
Es öffnet sich beim Mondenlicht
Ein glänzend schwarzes Thor;
Und leis’ nach Geister Brauch, entwallt
Ein Paar mit Myrth’und Ros’
Umkränzt, in holder Lichtgestalt,
Der Gräber dunkelm Schoos. 

Entsetzen stürzet halb betäubt
Der Feigen Wachen Schaar
Zur Erde, Todesschauer sträubt
Empor das grause Haar,
Und langsam schwebet Hand in Hand
Das Paar, ein Lilienduft
Entweht dem glänzenden Gewand’,
Und füllt die Abendluft. 

Doch halt! es gaukle nicht so wild
Umher die Fantasie;
Die Muse reihe Bild an Bild
Mit leiser Harmonie.
Dann bebt vielleicht manch holder Klang
Aus meiner Leyer vor,
Und dem geordneten Gesang
Lauscht willig jedes Ohr. 

Alnarschin, der Tyrann, gebot
Vor dem auf Persis Thron -
Furchtbar und grausam wie der Tod,
Wie dieser scheu geflohn,
Gewalt’ger als sein starker Arm
Den ehrnen Szepter führt,
Ward von der niedern Laster Schwarm
Der feige Fürst regiert. 

Es schlug an seiner kalten Brust
Nie eines Freundes Herz,
Ihm wandelte die Götterlust
Der Liebe sich in Schmerz.
Der süsse Vaternam’ erschreckt’
Sein argwohnvoll’ Gemüth
Das furchtsam da Gefahr entdeckt,
Wo jedem Wonne blüht. 

Schon dreißig Königinnen fiel
Des Todes schwarzes Loos –;
Es fand die Eifersucht ihr Ziel
Nur in der Grüfte Schoos.
Schon zwölfmal floss auf sein Gebot
Der Söhne schuldlos Blut;
Der zarten Jugend Morgenroth
Schützt’ nicht vor seiner Wuth. 

In jedem scheuen Auge blickt
Verrath ihm, um sich her
Sieht tausend Dolche er gezückt,
Und zitternd mordet er.
Doch er vergißt, daß jeder Gruft
Ein Rachegeist entschwebt,
Der die Vergeltung klagend ruft,
Und dräuend ihn umbebt. 

Zwei Knaben nur, (noch glänzt um sie
Der Kindheit Rosenlicht,
Wie hold der Strahl der Sonne, früh,
Durch Silberwölkchen bricht)
Verschont Alnarschin, so entgeht
Dem Sturm, der von den Baum
Im Lenz die Silberblüthen weht,
Die kleine Knospe kaum. 

Zu stolz, um ganz dem Untergang
Den eignen Stamm zu weihn,
Fühlt er zum erstemal den Zwang,
Noch einmal Mensch zu seyn.
Am Thron erscheint auf sein Geheiß
Der weise Schel-Adar
Ein heitrer weißgelokter Greis,
Der Arzt der Königs war. 

Er, der vom Fürsten-Throne fern
Das Glük des Weisen fand,
Und aus dem gift’gen Dunste gern
Auf immer sich verbannt.
Er war’s allein, der den Verdacht
Alnarschins nie geweckt
Und den des Wüthrichs stolze Macht
Nicht beuget noch erschreckt. 

„Ich kenne Dich,“ spricht der Tyrann,
„Nur du bist mir getreu,
Du bist ein alter Biedermann,
Und dennoch klug dabei;
Nie fand auf krummen Wegen dich
Mein Blick, der dich bewacht,
Und nie gebrauchtest wider mich,
Du deiner Künste Macht. 

„Mein Zorn, der selbst der Kinder Schuld
Zu strafen nicht gescheut,
Traf nie dein Haupt, und diese Huld
Hat nie mich noch gereu’t,
Des hohen Stammes lezter Zweig
Sey darum dir vertraut,
Dies Knabenpaar, auf die mein Reich
Mit stolzer Hoffnung schaut. 

„Die Kunst zu herrschen lehr’ sie nicht,
Sie lehrt von selbst sich bald.
Ihr Streben sey des Wissens Licht,
Nicht Grösse noch Gewalt;
Man sagt von der Philosophie,
Daß sie der Hoheit lacht,
Und daß um der zu trotzen, sie
Ein eignes Glück erdacht. 

„Dies pflanz’ in meiner Söhne Brust,
Lehr’ sie den Ehrgeiz fliehn,
Und stets bescheiden ihre Lust,
Allein aus sich zu ziehn.
Du wendest so von dir den Schmerz,
Im Alter selbst den Tod,
Und von der beiden Knaben Herz
Den Stahl, der es bedroht. 

„Dein Wink“ – versezte Schel-Adar
„Ist ein Befehl für mich,“
Und neigte zu dem Brüderpaar
Mit holder Liebe sich. -
„Vergessen sollt ihr leicht bei mir,
„Welch’ glänzend Loos euch fiel;
„Ich biete Eurer Ehrbegier
„Dereinst ein höher Ziel. 

„Sey unbesorgt, o Herr! es lehrt
„Des Herzens schönste Pflicht
„Uns die Natur, wer sie verehrt,
„Der stürzt den Vater nicht.
Und so verläßt, vom zarten Arm
Der Königssöhn’ umfaßt,
Umstaunet von der Sclaven Schwarm
Der Weise den Pallast.

Zweiter Gesang. 

Die Hand der Zeit, die schon dem Greis
Den Nacken sanft gebeugt,
Von deren Hauche silberweiß
Sein wallend Haar erbleicht,
Schlang auch vor dem für ihn, den Kranz,
Den Ros’ und Myrthe schmückt,
Und dessen leicht erblichner Glanz
Das junge Herz entzückt. 

Des Lebens schöner Lenz verschwand,
In ungetrübter Lust,
Ihm an der sanften Gattin Hand,
An ihrer treuen Brust.
Der Quelle glich, die kaum gehört,
Ein lächelnd Thal umschließt,
Wo Well’ auf Welle ungestört, 
Sich über Blumen gießt. 

Er sah vom lieblich bunten Rhein
Der Kinder sich umtanzt,
Der Tugend Keime schön gedeih’n,
Die seine Hand gepflanzt;
Der Töchter holde Sittsamkeit
Erfreute seinen Blick,
In seinen Söhnen kehrt die Zeit
Der Jugend ihm zurük. 

Des Jünglings schönes Feuer glänzt
In ihrem Auge schon;
Der Jungfrau’n zarte Schläf’ umkränzt
Schon Hymens Myrthenkron:
Als schnell und grausam sie zugleich,
Des Todes Hand berührt,
Und in der Schatten dunkles Reich
Der Ältern Arm entführt. 

Wie wenn ein Sturm den Baum entlaubt,
Die Blüthen ihm entweht,
Der schönen Zierde nun beraubt,
Er öd’ und traurend steht:
So stand verwaist das graue Paar
Im Weltall nun allein,
Und ihre einz’ge Tröstung war:
Zum Grabe reif zu seyn. 

Den Gatten stützend, hehlte lang
Das tief zerrißne Herz
Die Mutter, doch vergebens rang
Sie mit dem eignen Schmerz;
Die Erde war ihr nur das Grab,
Wo ihre Hoffnung lag -
Bald sank in ihren Schoos hinab
Sie dem Verlornen nach. 

Der edle Weise wankt’ betäubt
An der Geliebten Grab,
Doch eine lezte Stütze bleibt
Hinieden ihm; es gab
In seine väterliche Hand,
Mit schon erloschnem Blick,
die Tochter ihm das einzige Pfand,
Von Hymens kurzem Glük. 

Balsora wird des Greises Lust,
Zum Leben neu erweckt
Schließt er in ihr an seine Brust,
Was längst das Grab bedeckt,
Es blüht sein Hoffen und sein Glück
In ihr zum zweitenmal,
Mild glänzet sein erloschner Blick
In sanfter Freude Strahl. 

Wenn, an ihm hangend, ihre Hand
Sein Silberhaar umspielt;
Wenn kindisch sie das goldne Band,
Das ihre Löckchen heilt,
Ihm um die ernste Stirne schlingt,
Und dann auf seinen Schoos
Mit lallenden Triumpf sich schwingt,
Als sey sie plözlich gros. 

Mit treuer Vatersorge wacht
Er für die zarte Brust,
Doch dieses holde Mädchen macht
Die Arbeit ihm zur Lust:
In ihr erblickt er, fast mit Schmerz
Daß hier zuerst er’s sieht,
Wie liebend die Natur ein herz
In ihrem Schoos erzieht. 

Dies Herz, wie eine Quelle rein,
Die aus dem Felsen thaut,
In der man gern den mildern Schein
Der Morgenröthe schaut,
Lag offen vor des Greises Blick,
Und gab verklärt das Bild
Der sanften Tugend ihm zurük,
Mit der er es erfüllt. 

So blühte sie, der Knospe gleich,
Die zart in sich gehüllt,
Noch unbemerket im Gesträuch
Zur Purpurblume schwillt:
Als mit dem jungen Fürstenpaar,
Das sie als Schwester grüßt,
Zugleich des weisen Schel-Adar
Behausung sie umschließt. 

Abdallah war, wie Ibrahim,
Des edlen Freundes werth
Stets horchen sie voll Ehrfurcht ihm,
Wenn er sie liebend lehrt,
Doch sanfter schlug Abdallah’s Brust,
Wenn er den Greis umfieng,
Indeß mit kindisch warmer Lust
Der Jüngre an ihm hieng. 

Erzählte beiden er zugleich,
Wer Persien bekriegt,
Und welcher König einst dies Reich
Durch Macht und Muth besiegt
Da glüht’ Ibrahim, drohend fuhr
Umher sein Flammenblick
Abdallah fragte zweifelnd nur
War dies der Völker Glück? 

Wenn jener Lanz’ und Schwerdt im Spiel
Mit munterm Jubel schwang,
Begleitet dieser voll Gefühl
Balsora’s Früh-Gesang
Und half ihr, wenn am Blumenbeet
Sie mit der zarten Hand
Die Lilien, die ein Sturm umweht
An schlanke Stützen band. 

Doch was mit immer festerm Band
Das Brüderpaar vereint,
Ist Liebe für ihr Vaterland
Und für den edlen Freund.
Sie ist es, deren heil’ge Glut
Gleich beider Brust erfüllt,
Aus der, was edel ist und gut
Mit regem Leben quillt. 

Von Myrthenbüschen überdeckt
Schlang oft der kleine Kreis
Im Palmenschatten hingestreckt
Sich traulich um den Greis,
Der liebevoll mit feuchtem Blick,
Dem sanfte Glut entstrahlt,
Den Jünglingen das schöne Glück
Der stillen Tugend mahlt. 

Wie dort, so spricht er, rein und mild
Der Abendsonne Licht
Den Strahl, den kein Gewölk umhüllt,
Im Fluthenspiegel bricht;
So heiter sinkt der Edle hin,
Nach schön durchlaufner Bahn,
Und noch im Scheiden lächelt ihn
Die Schöpfung freundlich an. 

Dann drückte, selbst sich kaum bewußt,
Abdallah stumm die Hand
Der Jungfrau zart an seine Brust,
Und sanft gerührt verstand
Ihr fühlend Herz den stillen Schwur,
Und schweigend stimmt’ es ein,
Der ersten Liebe, der Natur,
Der Tugend treu zu seyn. 

Auf ihre reine Neigung blickt
Mit Wonne Schel-Adar
In leiser Harmonie beglückt
Sieht er dies holde Paar,
Das durch die Tugend schön vereint
Die er durch Unschuld ehrt,
Ein Liebling der Natur ihm scheint
Die zart ihm Liebe lehrt. 

So glüht vermählt in ihrer Brust
Die süße Schwärmerey
Der Liebe mit der Götterlust
Der Tugend und der Treu.
Wie oft, wo duftend im Gesträuch
Cytherens Blume glüht,
Aus einem Beet entsprosst, zugleich
Die keusche Lilie blüht. –

Dritter Gesang. 

Der Schutzgeist edler Liebe schlang
Um sein geliebtes Paar
Den Schleier, den kein Blick durchrang,
Der ihrer unwerth war,
Die Hülle der Verborgenheit,
Die schützend es umgiebt,
In deren Schatten unentweiht
Die Tugend schöner liebt. 

Doch seine Lieblinge verwöhnt
Das ernste Schicksal nie,
Eh’ es mit schönem Lohn sie krönt,
Prüft es mit Strenge sie.
Wenn wild des Unglücks Woge tobt,
Treibt es auf ihr sie fort,
Und nur durch festen Muth erprobt,
Erreichen sie den Port. 

Die immer rege Neubegier
Entdeckte allzu früh
Welch’ Wunder-gleicher Reiz sich ihr
Mit stolzer Scheu entzieh,
Und mit geschwäz’ger Eile schwang
Sich jetzt der Ruf empor:
Balsora’s holder Nahme drang
Bis zu Alnarschins Ohr. 

Dem raubgewohnten Geier gleich,
Der durstend stets nach Blut,
Wenn sorglos in dem Blüthenzweig
Die sichre Taube ruht.
Der neuen Beute sich erfreut,
Die seinem Blick entdeckt,
Des gier’gen Mörders Lüsternheit
Im wilden Busen weckt. 

Freut schon des schönen Opfers sich
Der tückische Tyrann;
Es eilt der graue Wütherich,
Dem noch kein Raub entrann,
Dem Tempel reiner Zärtlichkeit
Und tugendhafter Ruh
Voll Ungeduld, in dem Geleit
Von wenig Sclaven, zu. 

Schon in der Vorhall’ bebt um ihn
Der Saiten holder Klang,
Und in ihr Silber, wie ihm schien
Tönt himmlischer Gesang.
Er ahnet nicht, da jetzt er sie
Mit roher Freude hört,
Welch’ doppelt schöne Harmonie
Sein rauer Eintritt stört. 

Hier sitzt im offnen Säulengang,
Mit Blüthen überstreut,
Schel-Adar, horchend dem Gesang,
Mit stiller Heiterkeit.
Und liebend, ihm zur Seite, ruht
Das Jünglingspaar, es zeigt
Ihr Blick der Unschuld, frohen Muth,
Zur Freundin hingebeugt. 

Auf weiße Marmorstufen sinkt
Das faltige Gewand
Der Sängerin, die Laut’ umschlingt
Sie mit der schönen Hand
Indeß ihr sanfter keuscher Blick
Auf den Geliebten weilt,
Und dann mit holder Schaam zurük
Jetzt auf die Saiten eilt. 

Alnarschin grüßt die Söhne kalt,
Die liebend ihm sich nah’n,
Es zieht die himmlische Gestalt
sein lüstern Auge an,
Indeß die ahnungsvolle Brust
Von dunkelm Schreck bewegt,
Sie, ihres Reizes unbewusst,
Die Wimper nieder schlägt. 

Er spricht mit stolzer Majestät
Zu dem erstaunten Greis,
Der still erwartend vor ihm steht
„Du theilst mit treuem Fleiß
„Die Pflicht, die mir am Herzen lag:
„Beherrscher zu erzieh’n,
„Groß wie mein Stamm bis diesen Tag
„Den Persern sie verlieh’n. 

„Vergeltung heischt dein Dienst, und schon
„Entdeckt mein heller Blick
„Den überschwänglich grosen Lohn,
„Der dir gebührt; das Glük
„Womit dich mein Vertrau’n beehrt,
„Der Bildung dich zu weih’n
„Von Königen, sey noch vermehrt –
„Du sollst ihr Ahnherr seyn.“ 

„Was sagt mir dieser Worte Sinn? –
„Fragt bang der Greis“, er sagt
„Was du (so huldreich ich auch bin)
„Zu ahnen nie gewagt.
Die künste Hoffnung nannte dir
Nie einen gleichen Lohn! –
Balsora theile jetzt mit mir
Der Perser stolzen Thron. 

Die Unglückselige vernimmt
Nur dies, mehr hört sie nicht;
Es wankt ihr Fuß, im Nebel schwimmt
Um sie das goldne Licht.
Abdallah stütz ihr sinkend Haupt,
Indeß er bleich, verstört,
Und der Besinnung fast beraubt,
Die Schreckensworte hört. 

Zu dem erstaunten König spricht
Schel-Adar: Herr, es kennt
Mein Kind den Reiz der Würde nicht,
Zu der du es ernennt,
Ihr war nur jenes Glück bewußt,
Das still im Busen lebt,
Darum vergieb, wenn ihre Brust
Scheu vor dem deinen bebt. 

„Genug, versetzt Alnarschin, bringt
Ins Leben sie zurück,
Daß heut mein Arm sie noch umschlingt
Daß bald mein trunkner Blick
Das reizendste der Mädchen schaut
Auf dem er je verweilt,
Und aß sie heute schon als Braut
Mein fürstlich Lager theilt. 

Er geht. Durch ihre treue Frau’n
Zum Leben jetzt erweckt,
Wähnt sich durch dunkler Träume Grau’n
Die Liebliche geschreckt. –
War’s, fragt sie zweifelnd, nur ein Traum
Der tückisch mich beschlich,
Und der des Todes Bildern kaum
An dunkeln Farben wich. 

„Doch nein! ruft wild sie, und erblasst,
Als sie den Vater sieht,
Der bleich und weinend sie umfaßt,
Die holde Täuschung flieht.
„Den allzusüssen Irrthum nimmr
„Dein Blick, o Vater! mir,
„Der trüb’ in bangen Thränen schwimmt,
„Der Traum erschien auch dir. 

„Und bietet deine Wissenschaft,
„Die oft so mächtig war,
„Kein Mittel, keine Wunderkraft
„Der Tochter hülfreich dar? –
Sieh, wie der Hand, die wild mich fasst
Noch dunkles Blut entträuft!
Sie zieht mich fort in den Pallast,
Wo mancher Schatten schweift. 

Bald, bald entflieht im Martertod
Der Schande, bang mein Geist, 
Indeß des Wüthrichs Mordgebot
Gerechte Rache heist.
Entfernt von dir bricht dieses Herz
Allein und unbeklagt,
Es wird des Abschieds süsser Schmerz
Mir mitleidlos versagt, 

O! tödte jezt mein Vater mich
An deiner Brust! – es neigt
Sich sanft mein Haupt, wenn es an dich
Im Sinken hin sich beugt.
Wenn noch, um des Geliebten Ohr
Mein lezter Seufzer bebt,
Und aus dem Arm der Lieb’ empor
Die freie Seele schwebt. 

So fleht sie; laut und angstvoll schlägt
Ihr Herz, ein Strom entfließt,
Der schönen Wang’, indeß bewegt
Der weise sie umschließt.
Er spricht: „O Kind! dein Missgeschick
„Scheint groß, doch jener Macht
„Vertraue, die mit Vaterblick
„Die Unschuld stets bewacht. 

„Du wagst es, dem was dich bedroht,
„Auf immer zu entgehn,
„Von deines Vaters Hand, den Tod
„Als Wohlthat zu erflehn? -
„Wohlan! so tausche sonder Scheu,
„Sein Reich um einen Thron,
„Auch dort erwartet deine Treu
„Vielleicht der schönste Lohn. 

„Zwar ist vor meinem blöden Blick
„Der Ausgang noch versteckt,
„Doch manches Mittel hat das Glück
„Der Zufall schon entdeckt.
„So sey Geliebte unverzagt,
„Die Freiheit winkt am Ziel,
„Und wer um sie das Leben wagt,
„Der waget nicht zu viel.“ – 

Balsora nimmt den Schlummertrank,
Den jetzt der Greis ihr reicht,
„Dank! Flüstert sie, o Vater Dank!
„Du machst die Wahl mir leicht!
Leis den Geliebten nennend, trinkt
Sie sanft berauscht von Lust
Und liebend noch im Schlummer, sinkt
Sie an des Weisen Brust.

Vierter Gesang. 

Mit dunklem Schleier deckte schon
Der Abend jeden Pfad
Als trauernd vor Alnarschins Thron
Der Greis Schel-Adar trat;
Es ward, da seine Redlichkeit,
Der Argwohn selbst erkennt,
Des Schlosses Zutritt jede Zeit
Des Tages ihm vergönnt. 

„O König!“ ruft er: „das Geschick
„Bald grausam, bald gerecht,
„Trift oft im gleichen Augenblick
„Den Fürsten mit dem Knecht! –
„So beugt es heute Herr mit dir
„Zugleich mein graues Haupt,
„Da es die theure Tochter mir,
„Dir die Geliebte raubt. 

„Die zarte Blume, die dein Aug’
„Im Morgenschein entzückt,
„Liegt jetzt o Herr vom rauhen Hauch
„Des Abends schon geknickt.
„Sie, der du heut dein fürstlich Herz
„Beim ersten Blick geschenkt,
„Balsora ruht nach kurzem Schmerz
„In Todesschlaf versenkt. 

„Ein plözlich Weh es widerstand
„Der Heilungsmittel Kraft,
„Die meine Sorge angewandt)
„Hat schnell sie weggerafft.
„Verzeih, daß diese Zähre fließt,
„Ihr Quell ist dir bekannt
„Ach, mein erlöschend Auge schließt
„Bald eines Miethlings Hand! 

Noch athmete mit Schreck erfüllt
Und starr Alnarschin kaum,
Nun rollt den dunkeln Blick er wild
Und rufet: „Ist’s ein Traum,
„Der frech mich äffet, ein Gesicht
„Im Schoos der Nacht erzeugt,
„Das vor des Tages heiterm Licht
„Zurück zur Hölle fleucht? 

„Dies Mädchen, dessen Reize heut
„In aller Füll’ und Pracht,
„Die Jugend und Gesundheit beut,
„So lockend mir gelacht,
„Sey todt? – Nein, Graukopf, glaube mir
„Leichtgläubig war ich nie,
„Betrogst du mich, dann wehe dir
„Und weh’ auch über sie!“ – 

Hier ruft er seiner Sclaven zwei:
„Eilt, spricht er, und enthüllt
„Die fein erdachte Mummerey
„Entlarvt das Truggebild! –
„Wo sorglos jetzt das Mädchen träumt,
„Dringt mit Gewalt zu ihr,
„Und bringt die Falsche ungesäumt
„Gefesselt dann zu mir. 

„Du, schlauer Alter, bleibst zurück
„Schwer büße dein Vergehn! –
„Die Tochter soll dein lezter Blick
„In meinen Armen sehn,
„Die du umsonst mit frechem Muth
„Mir listig noch entziehst,
„Eh’ dein verrätherisches Blut
„Zu meinen Füssen fließt.“ 

Mit kluger Vorsicht hatte zwar
Schel-Adar, wohl bekannt
Mit der ihm dräuenden Gefahr,
Sie sorgsam abgewandt,
Doch bebt er, wie im Strauch versteckt
Die scheue Lerche bebt,
Wenn um die Brut, die sie bedeckt,
Des Geiers Fittich schwebt. 

Die beiden Sclaven hatten bald
Des Arztes Haus erreicht,
Und rau bestürmen mit Gewalt
Die Pforte, sie, die leicht
Und schnell sich öffnet, staunend größt
Sie eine Jungfrau hier:
„Wißt, spricht sie, nur die Schuld verschließt
„Mit banger Furcht die Thür. 

Sie schwebt mit stillem Schritt voran
Und wendet stumm den Blick,
Da sie der innern Halle nah’n;
Ein Vorhang wallt zurück
Und von dem nächtlich matten Licht
Der Lamp’ erhellet, zeigt
Sich beiden Männern ein Gesicht,
Das ihre Wange bleicht. 

Hier ruht Balsora hingestreckt,
Weiß, wie ein Marmorbild,
Mit Blumenkränzen rings bedeckt,
In Schleier halb verhüllt,
Mit denen noch ein Frauenpaar
Den schlanken Leib umschlingt,
Und bleich mit aufgelöstem Haar
Die Hände schluchzend ringt. 

Von Todesschauern leis gefaßt
Wagt’s keiner ihr zu nahn,
Und bald erschallt in dem Pallast
Was beide Sklaven sah’n.
Nun zweifelt an der Wirklichkeit
Des Todes der Tyrann
Nicht länger, und sein Wink befreit
Den grauen Biedermann. 

Doch heischt sein Stolz, da er schon laut
Zur Gattin sie erklärt,
Daß man die königliche Braut
In der Erblichnen ehrt,
Und wo des weiten Grabes Nacht
Der Ahnherrn Reich umfängt,
Hinab mit traurig stolzer Pracht
Balsora’s Leichnam senkt. 

Dem schon gezückten Dolch entflohn
Eilt Schel-Adar zurück;
Ein Stern der Rettung hellet schon
Die Nacht um seinen Blick,
Und laut erinnert ihn sein Herz
Jetzt an den jungen Freund
Der noch mit hoffnungslosem Schmerz
Um die Verlorne weint. 

Doch trifft er in der Hall ihn nicht,
Sein Lager steht verwaist,
Um das der Lampe sterbend Licht
Den bleichen Schimmer geußt.
Hinab zum Garten eilt der Greis
Im schnell besorgten Lauf
Und sucht mit zärtlich bangem Fleiß
Den theuern Jüngling auf. 

Im dämmernden Platanen-Hayn,
Den Nacht und Schweigen deckt,
Liegt, nur mit seinem Schmerz allein,
Abdallah hingestreckt:
Starr ist sein Blick, in Thränen schwimmt
Sein bleiches Angesicht;
Schel-Adars nahen Schritt vernimmt
Noch der Betäubte nicht. 

Er fasst ihn liebend in den Arm,
Und sagt mit sanftem Ton:
„O mäßige den bangen Harm,
„Ermanne dich mein Sohn! –
„Den Thron, den dir das Glück verheißt
„Die Grösse, die dir winkt,
„Entehrest du, wenn jetzt dein Geist
„Im feigen Gram versinkt.“ – 

Wie, klagt der Jüngling, und erlaubt
Der Hoheit strenge Pflicht,
Wenn sie das schönste Glück uns raubt,
Die stumme Zähre nicht?
Kann ich den Schmerzzerstörten Sinn
Noch eitlem Ehrgeiz weihn,
Weil eines Thrones Erb’ ich bin
Kein fühlend Wesen seyn? 

Sohn! spricht der Greis, dich täuscht der Schmerz,
Der deine Brust bewegt;
Schön ist es, wenn ein fühlend Herz
Auch unterm Purpur schlägt,
Wenn wechselnd Traurigkeit und Lust
Des Herrschers Busen hebt,
Und in der menschlich weichen Brust
Die Mitempfindung lebt. 

Gros gab das Schicksal dir zurück;
Was jetzt dein Herz verlor,
Auf! hebe den bethränten Blick
Zum höhern Ziel empor!
Vergiß sie, die du jetzt beweinst,
Vergiß im schöne Glück
Dankbarer Millionen einst
Dein eigen Missgeschick! – 

„Mein Vater, ruft Abdallah, nein
Du täuschest dich in mir! –
Ich lebte nur für sie allein,
Ich lebte nur in ihr.
Dein hoffnungsloser Sohn verkennt
Die Wonne, die du preis’st,
Der Macht, die unsre Herzen trennt,
Erlieget auch mein Geist. 

„Schon reicht, von meinem Schmerz gerührt
Mir sanft die bleiche Hand
Des Schlafes Bruder, und entführt
Mich leicht in jenes Land,
Wo leise jedes Ach verhallt,
Wo die Geliebte weilt
Und in verklärter Lichtgestalt
Mir schon entgegen eilt.“ 

„Halt! ruft der Greis, es ist genug,
Das Schicksal ist versöhnt,
Und die beglückte Stunde schlug,
Die deine Treue krönt
Des Glückes Verbot ist der Schmerz,
Balsora ruft dich, Sohn! -
Dir wog die Krone nicht ihr Herz
So sey dies Herz dein Thron. 

Sanft zieht er jetzt den Jüngling fort,
Der stumm und zaudernd geht,
Und noch das deutungsvolle Wort
Des Freundes nicht versteht,
Des Sinn sich dämmernd ihm enthüllt,
Da sie die Hall’ erreicht,
Und schweigend ihm der Greis gefüllt
Den goldnen Becher reicht. 

Abdallah leert ihn froh (sein Geist
Ist jedes Zweifels frey)
Da Wiedersehen er verheißt
Ists gleich ihm wo es sey;
Und selig preist er sein Geschick
Wenn in der andern Welt
Erwachend nur sein erster Blick
Auf die Geliebte fällt.

Fünfter Gesang. 

In trauernder Cypressen Kranz,
Wo nie der junge Tag
Mit hold erneutem Rosenglanz
Die Dämmerung durchbrach,
Erhebt, in melanchol’scher Pracht
Erbauet, rings umfaßt
Mit ewig tiefer Still’ und Nacht,
Sich dunkel ein Pallast. 

Vier Marmorwände tragen stolz
Die hohe Zinn’ empor,
Und jede schmückt von Ebenholz
Ein zweigeflügelt Thor.
Mit goldnem Riegel; immerdar
Wird gleich bei Tag und Nacht
Der Pforten jede durch die Schaar
Von Hunderten bewacht. 

Im innern des Pallastes schlingt
Der Säulen Doppel-Reihn
Sich dreifach um die Hall’, – es dringt
Der Lampen goldner Schein
Aus hohen Wölbungen, umweht
Von kalter Grabes Luft.
Ihr immer zitternd Licht erhöht
Die Schauer dieser Gruft. 

Drei Tausend ew’ge Leuchten nährt
Hier der Califen Pracht,
Ein zärtlich duftend Öhl verzehrt
Sich in dem Schoos der Nacht;
In magischer Beleuchtung fällt
Vereint ihr Licht herab,
Doch ach! der heitre Strahl erhellt
Ein traurig weites Grab. 

In jedem Säulengang erblickt
Man Sarg an Sarg gelehnt,
Hier schlummern die, so hochbeglückt
Der Blöde einst gewähnt,
Sie die um einer Krone Last
Der Menschheit Glück entbehrt,
Und denen oft ersehnte Rast
Nur diese Gruft gewährt. 

Und unter starren Todten ruht
Balsora unbewusst,
Des leisen Lebens stille Gluth
Erwärmet ihre Brust,
Aus der geschloßnen Lippe bebt
Ein Seufzer schon hervor,
Die Wange röthet sich, es hebt
Das Auge sich empor. 

Und als die Holde nun erwacht,
Sucht froh ihr erster Blick
Das heitre Licht, er kehrt in Nacht
Gehüllet, scheu zurück.
Sie wähnet, den betäubten Sinn,
Umneble noch ein Traum,
Und immer schaut sie wieder hin
Im düster weiten Raum. 

Sie wanket auf, bang’ schweift ihr Schritt
Durch dunkler Särge Reih’n,
Es leuchtet matt dem irren Tritt
Der Lampen bleicher Schein.
Von Schreck durchbebet, kalt gefaßt
Von des Entsetzens Hand,
Sinkt sie, zum Marmorbild erblasst,
Auf eines Sarges Rand. 

Und – ists ein Traum, der sie betrügt? –
Ists Fantasie? Umwallt
Den Sinn vom langen Schlaf besiegt
Der Täuschung Glanzgestalt? –
Nein! – freundlich schöne Wirklichkeit
Krönt sie mit selger Lust;
Sie sinkt in süsser Trunkenheit
An des Geliebten Brust. 

Noch schläft er tief und ahnet nicht
Der liebevollen Braut
Entzücken, die auf sein Gesicht
Der Wonne Zähren thaut,
Bald, jetzt ihn an den Busen schließt,
Von Freude süß berauscht,
Bald zweifelnd über ihn sich gießt,
Und seinen Puls belauscht. 

„Er lebt, ruft jubelnd sie, – er lebt! –
An meiner Wange schlägt
Sein Herz, und ach! sein Busen sterbt
Vom warmen Hauch bewegt,
Voll Liebe schon entgegen mir! –
Bald glänzet mir sein Blick! –
Und unter Todten finden wir
Des Lebens schönstes Glück. 

„Ihr Lampen, deren goldnes Licht
Den Liebling hold bescheint,
Ihr sahet noch die Zähre nicht
Die das Entzücken weint.
Stets senkte traurig euer Strahl
Sich in ein weites Grab,
Und leuchtet jetzt zum erstenmal
Auf Glückliche herab! 

So spricht die Liebende, und kniet
Still, wo Abdallah liegt,
Des Grabes banger Schauer flieht
Durch Liebe schön besiegt,
Ihr glänzt nur eine Lichtgestalt
Verklärt aus dieser Nacht
Und schweigend harrt sie, ob er bald
In ihrem Arm erwacht. 

Als nun des wärmern Lebens Hauch
Des Jünglings Busen schwellt
Und kaum geöffnet nun sein Aug’
Auf die Geliebte fällt,
Glaubt er, den Geistern zugesellt,
Von Geistern sich begrüßt,
Und wähnet, daß die stille Welt
Der Schatten ihn umschließt. 

„Hold schwebst du liebliche Gestalt
„Verklärt entgegen mir,
„Die du mir treu voran gewallt,
„– ich folgte liebend dir! –
So spricht er, der zu gros sein Glück
Für diese Erde glaubt,
Und hebt mit dankbar frohem Blick
Sein schlummertrunknes Haupt. 

Doch bald fühlt er so liebewarm
Und traulich sich umfaßt,
Er ruht in der Geliebten Arm
Nein! sie ist nicht erblasst!
Balsora, die dein Wahn dir fern
In andern Sphären wies,
Es findet schon auf diesem Stern
Die Lieb’ ihr Paradies. 

Schön ists, wenn lang der Winde Spiel
Dem Schiff ein Port sich zeigt,
Doch schöner noch, wenn es sein Ziel
Auf heitrer Farth erreicht.
Gros ist’s, daß der Vergeltung Glück
In höhern Welten thront,
Doch Dank dem günstigen Geschick
Das hier die Treue lohnt. 

Dies Dunkel, von dem heitern Licht
Des Tages nie besiegt,
Das ewig grauenvoll und dicht
Auf stummen Gräbern liegt,
Der schaurig düstre Säulengang
Der Marmorsärge Reihn;
Die Lampen, die den Dom entlang
Den bleichen Schimmer streu’n! 

Und diese immer stille Luft,
Von keinem Hauch bewegt,
Die nie des Lenzes Blüthenduft
Auf leichter Schwinge trägt,
Ist diesen allen nicht, soweit
Dein scheues Auge blickt,
Der Stempel der Vergänglichkeit
Bedeutend aufgedrückt? – 

Nur unsrer Liebe Wonne blüht
Schön wie die Purpurros’
Im Lenz auf Grabes Hügeln glüht,
Aus der Vernichtung Schoos;
Hier, wo der stolze Purpur sinkt,
Der mächt’ge Szepter bricht,
Hier ist’s, wo Rettung hold uns winkt
Und Lieb’ uns Kränze flicht. 

Und wie sie, ihres Glücks gewiss,
Still sich umschlingend stehn,
Besieget jedes Hinderniß
Zu ihren Füssen sehn,
Betritt den traurigen Pallast
Der weise Schel-Adar,
Er nahet schweigend, und umfaßt
Das froh berauschte Paar. 

Ihm war der Königlichen Gruft
Bewahrung lang vertraut,
In die sein Amt ihn täglich ruft.
Auf diesen Grund erbaut’
Er schnell der Rettung holden Plan,
Den froh sein Herz ergreift,
Und den des Aberglaubens Wahn
Durch günst’gen Zufall reift. 

„Beglückte Beide“! ruft der Greis,
Auf immer nun getrennt,
Von dem verrätherischen Kreis,
Der sich gesellig nennt,
Schon jetzt durch einen günst’gen Stern
Mit Lastern unbekannt,
Von Thorheit und Verbrechen fern,
Zum Schoos der Ruh verbannt. 

O mög’ ein Gott, dem seltnen Glück
Auch seltne Dauer leih’n,
Und ewig dieser Augenblick
Euch süß und heilig seyn!
Wenn die Erinnerung euch umschwebt,
Wie einst des Freundes Hand
Von Wonneschauern sanft durchbebt,
Euch segnend hier verband. 

Schon glänzt in monderhellter Nacht
Der Freiheit holde Spur,
Betretet furchtlos sie, es wacht
Der Aberglaube nur.
Die dunkle Geisterhülle deckt
Euch vor der Neugier Blick,
Und unbekanntes Grauen schreckt
Ihn scheu vor euch zurück. 

Des Volkes alte Sage heißt,
Daß in des Vollmonds Glanz
Der jüngst Erblichnen sel’ger Geist
Im reinen Lilienkranz
Verklärt im Rosenduft dem Thor
Im Osten leis’ entschwebt,
Und zu der Sterne Kreis’ empor
Sich strahlend dann erhebt. 

Nehmt dieses schimmernde Gewand
In köstlich Oehl getaucht,
Die Kränze nehmet, die ich wand
Von Lilienduft umhaucht,
Und glänzend in des Vollmonds Schein
Mit geistergleicher Ruh,
Wallt furchtlos, durch der Wachen Reih’n
Der Freiheit Wohnplaz zu! 

Als sie bekränzt nun, und geschmückt,
Umfangen sie den Freund,
Der segnend an die Brust sie drückt,
Und leise Thränen weint;
Doch der Entscheidung Stunde ruft:
Er reißt sich schweigend los,
Und leitet still sie aus der Gruft
Verhängnißvollem Schoos. 

Und wie vom heitern Abendlicht
Umleuchtet, beide gehen
Strahlt glänzender ihr Angesicht,
Und Blüthendüft’ entweh’n
Dem ätherfarbenen Gewand,
Das rauschend sie umfließt,
Und das ein flatternd Silberband
Um ihre Hüften schließt. 

Der Liebe reinste Seligkeit
Umströmet und durchdringt
Die Glücklichen, der Sterblichkeit
Umwölkte Hülle sinkt.
Sie wähnen sich der Fessel frei
Die Psyche’s Fittich hält,
Und schweben schon, geliebt und treu
In eine beßre Welt. 

Balsora glaubt das Angesicht
Die blühende Gestalt
Des Jünglings mit dem Zauberlicht
Der Seligen umwallt,
Abdallah sieht kein irdisch Weib
An seiner Seite stehn,
Zart scheint ihr schön verklärter Leib
Auf Blumen leicht zu weh’n. 

Die schreckbetäubten Wachen flieh’n
Und bergen ihr Gesicht,
Indeß sie fern voll Ehrfurcht knie’n
Vor der Erscheinung Licht
Bis zweifelnd schon der Ferne Duft
Das holde Paar umüllt,
Und nur die heitre Abendluft
Ein Lilienhauch erfüllt.

Sechster Gesang. 

Fern von des Königs Wohnsiz blühe
Ein paradiesisch Thal
In Persien, gemäßigt glüht
Hier stets der Sonne Strahl,
Durch nie erstiegner Berge Reih’n
Bewahret die Natur
Ihr schönstes Heiligthum, allein
Für ihre Kinder nur. 

Kein schimmernder Pallast erglänzt
Im heitern Morgenschein,
Die weite Aussicht nur bekränzt
Ein dunkler Cedernhayn,
Auf dessen Vorgrund bunt zerstreut
In hoher Palmen Wehn,
In ruhiger Geselligkeit
Umblühte Hütten stehn. 

Und aus der Wälder Schatten, dringt
Mit zart gekrümmten Lauf
Ein Strom. Die Flur, die er umschlingt
Nimmt bräutlich schön ihn auf.
Hier wehret ein Platanen-Hayn
Der Mittagssonne Glut
Und stolze Palmen spiegeln rein
Sich in der klaren Fluth. 

Und wo aus lichter Wolken Kranz
Des Morgens erstes Licht,
Und schön Aurorens Purpurglanz
Mit goldnem Schimmer bricht,
Erhebt in grüne Dämmerung
Vertraulich rings gehüllt,
Ein Hügel sich mit sanftem Schwung,
Des Friedens lächelnd Bild. 

Durch kühle Schatten führt ein Weg,
Der zögernd sich erhebt,
Indeß den sanft gewundnen Steg
Jasmin und Ros’ umwebt
In Myrthensträuchen rufet laut
Mit sehnsuchtsvollem Ton
Der Sänger Lieblichster die Braut,
Die schüchtern ihm entflohn. 

Aus Felsenrissen dringt ein Quell
Mit brausendem Getos’
Und fliehet flüstern, silberhell
Auf grün entblühtem Moos,
Schnell strömet er am steilen Rand
Des Pfades dann herab,
Und stürzt von hoher Felsenwand
Sich in ein schäumend Grab. 

Und wo der dicht-umwachsne Steig
Am Ziele jetzt sich senkt,
Winkt aus dem schattenden Gesträuch
Mit Eppich zart umhängt;
Ein niedres Dach, durch eitle Zier
Des Reichthums unentstellt
Mit sanftem Odem wehet hier,
Der Hauch der Unschuldswelt. 

Des Weines schlanke Reb’ umkriecht
Der kleinen Fenster Rand,
Die volle Purpurtraube wiegt
Sich schwer an weisser Wand,
Hier glüht mit Weinlaub rings umhüllt
Die Ros’, ihr süsser Duft
Durchweht die Wohnung, und erfüllt
Mit Balsamhauch die Luft. 

Und diese holde Wildniß war
Der Ort, wo das Geschick
Das treue strenggeprüfte Paar
Zum nie gestörtem Glück
Genügsam – reiner Liebe weiht,
Wo, freundlich ihm versöhnt,
Mit dauernder Zufriedenheit,
Es die Beglükten krönt. 

Alnarschin, der Tyrann, empfand
Einst auch die Zaubermacht
Des günst’gern Himmels hier; an Rand
Des Grabes schon gebracht
Fühlt’ er sich schneller durch die Kunst
Schel-Adar’s hier geheilt;
Der Hügel ward durch seltne Gunst
Dem Arzt zum Lohn erthielt. 

Es hatt’ im sichern Schutz der Nacht
Der Maulthier’ ebner Schritt
Die Flüchtlinge hieher gebracht;
Ein Sclave folgte mit,
Der mit getreuem Herzen bald
Als Freund ihr Schicksal theilt,
Es sinkt des Vorurtheils Gewalt
Wo Glük und Liebe weilt. 

Auf immer nun sich selbst geschenkt,
In namenlose Lust
Verloren, in ihr Glück versenkt,
Steh’n beide – Brust an Brust
Im trunknem Schweigen hingebeugt
Mit leisrem Odemzug
Ein Seufzer, der gen Himmel steigt
Ist Wort und Dank genug. 

Doch bald weicht der Entzückung Rausch
Dem ruhigen Genuß,
Sie sechseln jetzt im süssen Tausch
Der frohen Liebe Kuß;
Von Wonnezähren sanft erhellt
Kehrt strahlender ihr Blick 
Aus den Gefilden jener Welt
In diese jetzt zurück. 

Sie schauen lächelnd, Hand in Hand,
Hinab ins weite Thal,
Und rufen froh: „dies schöne Land
Der kleinen Hütten Zahl,
Die rings zerstreut das Aug’ erblickt
Faßt nur Zufriedne hier,
Doch, ist wohl einer so beglückt
Und so geliebt als wir?“ 

Bald wird der Wildniß dichter Kreis,
Der ihre Hütt’ umschlingt
Ein Garten, der des Jünglings Fleiß
Die reichsten Früchte bringt,
Zum festlich schönen Tempel schmückt
Balsoras Hand das Haus
Mit Blumen, die sie täglich pflückt
In bunten Kränzen aus. 

Der Liebe Zauber schafft die Müh
Dem treuen Paar zur Lust,
Sanft schlummernd trifft Aurora früh
An der Geliebten Brust
Den Jüngling; jeder Abendschein
Tauscht zart in Rosenglut
Den blühenden Acacienhayn,
Wo sie im Arm ihm ruht. 

Bald schmecken sie das höchste Gut,
Das die Natur uns giebt,
Als Mutter sieht mit reinrer Glut
Balsora sich geliebt.
Ein Zauber, der noch unbekannt
Den Hochbeglückten war
Ein heiliger und fester Band
Verknüpft das holde Paar. 

Oft kommt der väterliche Greis,
Sich ihres Glücks zu freu’n,
Und in der muntern Enkel Kreis
Vergnügt und froh zu seyn:
Der Kinder bunte Schaar umschlingt
Schon die Geleibten zwei,
Genuß und süsse Sorge bringt
Schon manches Jahr herbei. 

Des Todes kalte Hand erreicht
Auf dem entweihten Thron
Auch den Tyrannen. Es besteigt
Ihn Ibrahim, sein Sohn,
Schel-Adars edler Zögling, mehr
Als durch Geburt gekrönt
Mit seltnen Tugenden, die er
Dem Purpur jezt versöhnt. 

Er wähnt – durch einer Natter Stich
Den Bruder sich geraubt,
Dies ists, was froh der Wütherich,
Und trauernd er geglaubt.
Geehrt, doch einsam fühlt er kaum
Des Thrones schimmernd Glück
Und wünscht der Jugend holden Traum
Und ach! den Freund zurück. 

Als jagend einst sein schnelles Roß,
Ihn dem Gefolg’ entführt,
Und sich der Diener langer Troß
Im dichten Wald verliert
Des lang verfolgten Wildes Spur
Ihn immer weiter zieht,
Und er auf unbekannter Flur
Sich plözlich einsam sieht. 

Schon färbt der Sonne lezter Strahl
Mit Purpurlicht die Au’,
Und in dem waldumgränzten Thal
Schwimmt feuchter Abendthau,
Als in der Dämmrung Zauberschein
Mit ungewissem Schritt
Sein Roß aus dunkelm Cedernhayn,
In licht’re Ebne tritt. 

Es stehet wiehernd jetzt, wo hell
Ein Bach vom Felsen schäumt,
Und staunend sieht er, daß den Quell
Ein Blumenbeet umsäumt,
Geordnet hier von Menschenhand
Was die Natur zerstreut,
Im bunten Kranz am Marmorrand
Des Beckens hingereih’t. 

Der König läßt das Roß zurück
Und folgt dem Felsenbach,
Bald winkt dem ungedult’gen Blick
Am Ziel ein freundlich Dach,
Das schön im Abendschimmer glüht,
Der noch die Höh bestreicht,
Mit Palm’ und Lorbeerbäum’ umblüht,
Aus den Gebüschen steigt. 

In stiller Laube ruht ein Paar
Hier von des Tages Glut,
Rings scherzt um sie der Kleinen Schaar
Mit kindisch frohem Muth.
Sie fliegen jezt im holden Streit,
Die Mutter ist ihr Ziel,
Ihr Kuß der Lohn der Schnelligkeit,
Und Zärtlichkeit ihr Spiel. 

Es nah’t der Fürst. Mit stillem Neid
Sieht er der süssen Ruh
Der unschuldsvollen Heiterkeit
Des kleinen Kreises zu;
Als plötzlich – (dem Erstarrten scheint
Ein Traum es, der ihn trügt)
Der lang beweinte theure Freund
In seinen Armen liegt. 

„Du bist’s Ibrahim! unserm Glück
Gebrachst nur Du allein!!“ -
Ruft jezt Abdallah. „Welch Geschick
Bringt dich in diesen Hayn? –“
Und stumm mit starrem Blicke lauscht
(Es scheint sein Geist entflohn)
Der frohe Bruder süß berauscht
Der theuern Stimme Ton. 

Vom Wonnetaumel nun erwacht,
Erzählet sanft gerührt
Abdallah, wie der Liebe Macht
Ihn einst hieher geführt,
Und Ibrahim beut freudig izt
Die Krone, die im Wahn
Von seinem Tod’ er nur besizt,
Dem ältern Bruder an. 

Doch still führt ihn Abdallah’s Hand,
Wo fruchtbar und entblüht
Er rings ein gartengleiches Land
Mit frohem Staunen sieht,
Wo lieblich von dem Balsamhauch
Der Lilien umweht,
Umsäuselt von der Myrthen Strauch,
Die kleine Wohnung steht. 

Er hält sein reizend Weib im Arm
Und sammelt um sein Knie
Der holden Kinder muntern Schwarm:
„Sieh!“ ruft er, Bruder, sieh!
Ob der, den die Natur so reich
Und mütterlich beschenkt,
Noch auf ein stolzes Königreich
Die frohen Blicke senkt. 

„Dies Haus ersezt mir kein Pallast,
Die heitre Stirne drückt
Des Diademes goldne Last
Das schön die deine schmückt.
Vermindre du der Völker Schmerz
Mit selbst vergeßnem Fleiß,
Beschränket ist mein enges Herz
Auf der Geliebten Kreis. 

„Dir gab der Perser gut Geschick
Den Szepter; unvermisst
Kehr nie ich in die Welt zurück,
Die leicht auch mich vergißt.
Erringe du Unsterblichkeit!
Sey edel, menschlich, gros!
Und gönne die Vergessenheit
Mir in der Ruhe Schoos“!

 

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