Friedrich SchillerFriedrich Schiller

Die Horen 11/1797

 

III. 

Die Feste der Arramanden. 

Denique quid verbis opus est, spectemur agendo. 
Ovid. Metamor. Lib. XIII. 

Prinz Albion und sein Kanzler, ein Gespräch, statt der Vorrede. 

Prinz.
Willkommen ehrwürdiger Kanzler! Es ist lange her, daß wir uns nicht gesehen haben. 

Kanzler.
Seit zwei ganzen Jahren vermißte ich eure Gegenwart, und das Glük eure Befehle zu vernehmen. 

Prinz.
Ihr könnt mich zu gut, um einen Argwohn daraus zu schöpfen, daß ich meine Abwesenheit für euch verborgen hielt; ich schäze euch darum nicht minder, und ihr seyd der Erste, dem ich nun wieder erscheine. 

Kanzler.
Laßt dies Glük jedem Redlichen zu Theil werden, beruhigt die bekümmerten Gemüther, und gebt mir hierin keinen Vorzug. 

Prinz.
Euch bin ich mehr als andern schuldig; und ehe ich mich öffentlich zeige, muß ich meine Entfernung bei euch gerechtfertiget haben. 

Kanzler.
Diese schmeichelhafte Wendung soll mir die Verlegenheit eines neugierigen Forschers ersparen; und ihr beschämt mich dadurch auf eine doppelte Weise.

Prinz.
Ich habe für euch keine Geheimnisse. Wißt also, daß ich die Zeit her auf Reisen war, und daß ich mich meinen Pflichten bloß darum so lange entzog, um thätiger und belehrter zu denselben zurükzukehren. Das schöne Abenteuer des Vollkommenen aufzusuchen, war der Zwek meiner Reise und ich hoffe denselben nicht ganz verfehlt zu haben. Laßt mich indeß, ehe ich eure Neugier befriedige, die Wirkung meines plözlichen Verschwindens erfahren. Wie nahm man diese Grille auf, was sagten meine Hofleute dazu? 

Kanzler.
Das Volk denkt und sagt wenig. Ihm war euer Schatten genug; und es schien euch um so mehr zu verehren, da es euch nicht sah. 

Prinz.
Eine Gleichgültigkeit, die mir eben nicht schmeichelhaft dünkt! 

Kanzler.
Dem gemeinen Haufen war das Geheime stets das Grössere; und sein dunkeler Sinn huldigt am liebsten einem unbekannten Gözen. 

Prinz.
Und die vornehmere Klasse, wie benahm sich die? 

Kanzler.
Die Unbedeutenden murrten, die Feinen spöttelten, und Einige bedachten ihren Vortheil, und brüsteten sich in dem angemaßten Glanze ihres verdämmerten Planeten. 

Prinz.
Die übermüthigen, undankbaren Satelliten! 

Kanzler.
Wenn diese zufällige Entdekung euch gegen sie misstrauischer macht, so kan ich euch darum nicht tadeln; doch euren Haß verdienen sie nicht. Die verdienstlose Eitelkeit murrte und spöttelte mit Recht, denn ihr raubtet ihr einen wohlgefälligen Schimmer, den sie eurer Gegenwart entlieh; und den gewandteren Ehrgeiz loktet ihr selbst auf die ihm preisgegebene Bühne. 

Prinz.
Ihr seyd, wie ich es stets an euch bemerkte, auch hier der milde, zum Vertrag mit jedem Irrweg leicht bestochene Richter. 

Kanzler.
Ich glaube bloß gerecht zu seyn; indem ich den Schuldigen neben die Schuld stelle, und das Maß seines Unrechts darnach messe. 

Prinz.
Euer Scharfsinn ist der Pflegesohn eures Herzens, und ich liebe euch darum. Was ich aber am meisten an euch hochschäze, ist dies: daß eure Vorstellungskraft euer Alter bemeistert, und daß ihr kein Sclave des Gewohnten seyd. 

Kanzler.
Ich mühte mich von jeher der Zeit die mich umgab, einige Schritte im voraus abzugewinnen; und so führt manches Neue mir bloß die Wirklichkeit eines schönen Traumes einer früheren Jugend herbei. 

Prinz.
Desto besser! Ich werde euch, durch den Bericht von meiner Reise, recht oft in jene Zeiten versezen, wo die Fantasie sich über das Gewöhnliche erhebt, und keinen Lieblingswunsch für unmöglich achtet. Mancher andere als ihr, würde die Erzählung von dem unbekannten Lande, wohin ich euch zu führen gedenke, vielleicht für ein bloßes Mährchen halten. 

Kanzler.
Die Grenzen der wirklichen Welt und der idealistischen bezeichnete jedes Jahrhundert nach dem Maß seiner Kräfte, und niemand vermag es, sie der Zukunft zu bestimmen. 

Prinz.
So denk ich auch – Doch zur Sache. Sezt euch, und leiht mir ein geneigtes, und wo ich es bedarf, ein geduldiges Ohr. 

Die Feste der Arramanden. 

Ich reiste ohnlängst, von einem zahlreichen Gefolge, lieblicher Bilder, Träume, und Erwartungen begleitet, in das Reich der Arramanden; welches das Thal Arr, oder das Thal der Glüklichen genannt wird.

Einige Erdbeschreiber wollen das wirkliche Daseyn dieses Landes in Zweifel ziehen, andere sind über die Lage desselben in Streit. 

Beide durch einen kleinen Fingerzeig zu berichtigen, wäre mir ein leichtes; allein zum Besten seiner Bewohner, mag der Schleier der Verborgenheit unberührt über diesem Thale ruhn. 

Ich hatte zu dem Wohnsize der Arramanden eine mir selbst unerklärbare Vorliebe, die meinem Ausfluge dahin die erste Richtung gab. Mein Entdekungsplan hub jedoch mit einer Reise um die Grenzen dieses Reichs an. Ich hielt eine Vorbereitung dieser Art für unterhaltend, und glaubte sie meinem Vorhaben nicht ohne Nuzen voraus gehen zu lassen. Der Ruf im Auslande, sagte ich mir, wird zwar manches, das dem Nachbar rühmlich wäre, verschweigen, dagegen aber seine gebrechliche Seite mir desto sorgfältiger aufzudeken suchen, und da die Wahrheit überall in der Mitte liegt, so komm ich ihr um so viel sicherer auf die Spur. In dieser Absicht umkreuzte ich eine grosse Fläche Landes, die sich, von Morgen nach Abend, zu einer Länge von mehreren Graden ausdehnte. Nicht gering war meine Verwunderung, da ich, der öftern überall angestellten Nachforschungen ohngeachtet, von dem Thale Arr und seinen Bewohnern nirgends eine befriedigende Nachricht erlangen konnte. 

Dies Incognito eines ganzen Reichs, sprach nicht zu seinem Vortheil, doch blieb ich dem Vorsaz es genauer kennen zu lernen getreu; da meine Neugier, durch allerlei fabelhafte Berichte von diesem Lande, immer mehr aufgereizt wurde. 

Ich will, nach dem Beispiele gründlicher Geschichtschreiber, die ihre Gemälde aus dem Hintergrund einer dunkeln Vorzeit hervortreten lassen, jene abenteuerlichen Sagen und Gerüchte meiner Erzählung einleitungsweise vorausschiken. 

Der Ruf von den Arramanden lautete bei der Nachbarschaft sehr verschieden und widersprechend. An einigen Orten hielt man sie für ein mächtiges, an andern Orten für ein unbedeutendes Volk; und eben so waren auch die Begriffe von ihrem Zustand getheilt; den man mir, in beiden Extremen, bald als roh, bald als gebildet schilderte. Doch stimmten diese entgegengesezten Meinungen darin mit einander überein: daß die Arramanden, seit Jahrhunderten her, ein abgesondertes Leben führten, und alle Verhältnisse zu andern Nazionen sorgfältig zu vermeiden suchten. 

Die, welche von diesem Volk eine vortheilhafte Meinung hegten, maßen die Schuld einer so starrsinnigen Selbstgenügsamkeit, den Regenten dieses Landes bei, welche den Arramanden glauben gemacht hätten, das Thal Arr sey vormals der Wohnsiz der Götter gewesen, und der Stamm ihrer Beherrscher habe sich daher einer überirrdischen Abkunft zu rühmen. 

Die grössere Menge hingegen, welche diese Thalbewohner herunter zu sezen suchte, behauptete, daß der Menschenscheue Karakter desselben von dem Bewußtseyn eines armseligen Zustandes herrühre, den es, aus eitler Schüchternheit, durch eine gänzliche Trennung von seinen Nachbarn zu verbergen trachte. In einigen Gegenden gab man die Arramanden für ein Geschlecht von Zwergen aus; in andern Gegenden legte man ihnen eine Riesenförmige Gestalt bei.

Nach den Begriffen der benachbarten Priester war das Thal Arr der Aufenthalt der Verdammten, die, in mißgeschaffene Körper eingekerkert, den heissen Sand einer unwirthbaren Einöde durchwaten müßten; und das gemeine Volk wußte allerlei schauderliche Mährchen von dieser zweideutigen Nachbarschaft zu erzählen. 

Was mir indeß, troz aller Verkleinerung bei Arramanden, von günstiger Vorbedeutung zu seyn schien, und was der Beharrlichkeit auf meinem Reiseplan am meisten zu statten kam, war dies: daß fast alle Frauen diesem unbekannten Gefilde mit einer besondern Vorliebe zugethan waren, und das Schiksal seiner Bewohner, als ein beneidenswerthes Loos anzuerkennen schienen.

Ich hielt mich an diese vortheilhafte Meinung, ohne die Ursache damals ergründen zu können, warum sie sich bloß unter dem weiblichen Geschlecht, gleichsam als Tradizion, erhalten hatte. 

Zu der Zeit da ich die Grenzen dieses Reichs umreiste, nahm man es für eine ausgemachte Unmöglichkeit an, die Arramanden in ihrem von hohen Gebirgen umgebenen Gebiete aufsuchen zu können, und es fiel niemand ein, die Bekanntschaft dieser Sonderlinge, durch eine beschwerliche und vielleicht gefahrvolle Unternehmung erstreben zu wollen. 

Ein Reisender meiner Art überspringt dergleichen Hindernisse nicht ohne Mühe; ich versezte mich daher, der zweklosen Nachforschungen müde, in die Mitte dieses Reichs, und zwar in die Hauptstadt desselben. 

Mein Erscheinen zu Ballpa, so heißt diese Stadt, machte weit weniger Aufsehen, als ich es erwartete. Die Einwohner derselben waren zu sehr an ihre häuslichen Verrichtungen geheftet, um müssige Beschauer der Gassen und Marktpläze abzugeben; und die wenigen Personen, welche mir begegneten, schienen den Anblik eines Fremden, zwar für etwas ungewöhnliches, aber nicht für etwas merkwürdiges zu halten. 

Die Hauptstadt war zugleich die Residenz des Fürsten. Ich hielt es für das beste denselben aufzusuchen, und, in Ermangelung einer bekannten Mittelsperson, mich ihm selbst darzustellen. 

Ich bat einen vorübergehenden Bürger, mir den Pallast des Regenten zu zeigen; er führte mich an das Thor eines geräumigen Hauses, welches sich durch eine edle Baukunst vor den übrigen Gebäuden auszeichnete. 

Mein Begleiter hieß mich hineingehen, und den Ollos, oder den Versorger – denn so nennt man den Beherrscher der Arramanden – darin aufsuchen. 

Gleich beim Eintritt in den Vorplaz, begegnete mir ein Mann, dessen Anstand und Kleidung mich vermuthen ließ, daß es der Ollos selbst seyn müste, und meine Vermuthung fand sich bei der ersten Bewillkommung bestätigt. 

Ich bat den Fürsten der Arramanden um die Erlaubniß in seinem Reich eine Zeitland verweilen zu dürfen, und machte kein Geheimniß daraus, daß ich selbst auch eine Art von Ollos sey; und daß ich wünsche ein Zeuge und Bewunderer seiner weisen Regierung zu werden. 

Der Ollos beantwortete meine Äusserung mit der edlen Freimüthigkeit eines Mannes, der sich seiner Verdienste bewußt ist, ohne diese Selbstgefühl auf eine dünkelhafte Weise herauszuheben. Er billigte meine Neugier, und kam der Befriedigung derselben mit offenherziger Gefälligkeit entgegen. 

„Wenn die Verfassung dieses Reichs, sprach er, der günstigen Erwartung, die ihr davon zu haben scheint, entspricht; so darf ich nicht verhehlen, daß sie das Werk eines weisen menschenfreundlichen Vorfahren ist, der das Thal Arr vor ohngefähr zwei Jahrhunderten beherrschte, und den Titel eines Königs zuerst gegen den vertrauten Nahmen eines Ollos, oder Versorgers, vertauschte. 

Die Arramanden, fuhr er fort, waren vordem, wie vielleicht mancher andere Staat, dem Ehrgeize ihrer Beherrscher, den Leidenschaften zahlloser Mitregenten, den Anmaßungen einer ausgearteten Priesterschaft, der Habsucht schlauer Nachbarn, und den Beunruhigungen innerer Kabale preisgegeben. Was ein Regent baute, das ließ sein Nachfolger, aus Unverstand oder Trägheit, in Trümmer zerfallen, und nicht selten zerstörte der Neid die mühsamen Werke des Vorfahren, um den Ruhm des Urhebers mit ihnen zu vertilgen. Die Hauptstadt schwelgte auf Unkosten der Provinzen, und verarmte mit ihnen. Die wohlthätige Macht der Justiz war durch die erkünstelte Form ihrer Verwaltung, und die schwankende Leitung weitläuftiger Gesezbücher, zu einem willkürlichen Spiele schlauer Begünstigungen geworden. 

Ich füge zu der Schilderung jener Zeiten noch dies hinzu, daß man die besten und nüzlichsten Kräfte des Volks in Unthätigkeit versezte, und aus der Blüthe unsrer Jünglinge und Männer einen abgesonderten Stand bildete, der, bei der Dunkelheit über die Grenzen seines Berufes, nur allzu oft zu willkürlichen Zweken, auf eine dem Vaterland gefährliche Weise, gemißbraucht wurde. 

Der Ollos Mamru, so hieß der weise Regent, dessen ich vorhin erwähnte, besaß alle Eigenschaften eines glüklichen Reformators: sein Scharsinn lehrte ihn die Gebrechen und Missverhältnisse unserer Staatsverfassung in ihren ersten Quellen erkennen; er besaß Muth und Beharrlichkeit, um wirksame Mittel dagegen gelten zu machen; und sein durchdringender weitumfassender Geist bewirkte überall mit Sicherheit, was ein enthusiastisches Streben verfehlt haben würde. Die thätige Sorgfalt dieses Regenten beschränkte sich nicht bloß auf den Zeitraum, wo er dem Staate durch seine unmittelbare Leitung vorstand, er suchte sein Plane und Verbesserungen, durch sichere Bande, auch mit der Zukunft zu verweben, und seinem Volk eine dauernde unverrükte Wohlfarth dadurch zuzusichern. 

Der weise Mamru war der Schöpfer von drei Grundgesezen, welche ich die Pfeiler unserer Staatsverfassung, und die Bürgschaft unserer Glükseligkeit nennen darf. Ihr könnt, fügte der Ollos hinzu, ein Augenzeuge der feierlichen Form seyn, unter welcher, nach Mamrus Befehl, diese drei Grundgeseze in Ausübung gebracht werden: morgen feiern wir das erste dieser Feste, nemlich das Fest der Wahl; gleich darauf folgt das Fest der Schäzung; und der dritte Tag ist einer gottesdienstlichen Handlung gewidmet, welche die Veredlung, oder der Triumf der Frauen genennt wird. 

Eine Beschreibung dieser ehrwürdigen Gebräuche würde euch das Interesse der Neuheit rauben; doch wünsche ich mich über diese Gegenstände mit euch zu unterhalten, und euer Besuch wird mir an jedem Abend ein willkommenes Geschenk seyn. 

Der Fürst der Arramanden verließ mich hierauf, ohne meine Danksagung für diese zuvorkommende Güte abzuwarten, und nach wenig Minuten erschien ein Bedienter, der mich ersuchte, die in dem Pallast für mich bereiteten Zimmer in Besiz zu nehmen. 

Das Fest der Wahl. 

Mit Ungeduld erwartete ich den Morgen des nächsten Tages, um dem angekündigten Feste beizuwohnen. Der erste Sonnenblik war das Signal der beginnenden Feyerlichkeit. Die Einwohner der Hauptstadt Ballpa strömten aus allen Strassen herbey, um sich vor der Wohnung des Ollos zu versammeln; und ich wurde von der rauschenden Musik, die diese Aufzüge begleitete, aus dem Schlaf erwekt. 

Ich begab mich auf einen Balkon, der an mein Zimmer anstieß, und von welchem ich einen grossen freyen Plaz, und die Hauptstrassen der Stadt übersehen konnte. 

Es währte nicht lange, so trat ein Mann herzu, den mir der Ollos zum Gesellschafter bestimmt hatte. Der Plaz, wo ich mich befand, war gerade der, den er mir anweisen wollte; er stellte sich an meine Seite, und gab mir von den einzelnen Gegenständen des Festes, im voraus, einen so vollständigen Begrif, daß ich seiner Belehrung in der Folge nur selten bedurfte. 

Die Versammlung, welche in gemischten Zügen herbey geeilt war, nahm bald darauf eine bestimmtere Ordnung an. Ich bemerkte, daß der Unterschied der Kleidung, welcher, wie ich schon erfahren hatte, die Verschiedenheit der Stände bezeichnete, dabey durchaus in keinen Anschlag kam; und daß die Versammlung, bloß dem Alter nach, vier Hauptmassen bildete: wodurch die Knaben, die Jünglinge, die Männer, und die betagten Männer und Greise, auf verschiedene Pläze, truppweise zusammengestellt wurden. 

Ich wollte eben meinen Gesellschafter fragen, ob denn bey den Arramanden kein anderer Rang, als der einer früheren oder späteren Geburt statt habe? als die Ankunft des Ollos meine Aufmerksamkeit auf andere Gegenstände leitete. 

Ein lautes Freudengeschrey, und wiederholte Wünsche für ein langes Leben, empfingen den in die Versammlung tretenden Fürsten. Das Gefolg desselben bestand aus den vornehmsten Beamten des Staats, und der älteste davon, welcher dem Ollos zur Seite gieng, trug eine mit vielen Siegeln verschlossene Urne. 

Ehe der Fürst der Arramanden sich auf den für ihn bereiteten Thron niederließ, überreichte man ihm die versiegelte Urne; er hob dieselbe mit einer feyerlichen Geberde gen Himmel empor, und ein ernsthafter Chorgesang von Frauenstimmen begleitete diese andächtige Zeremonie. Ich sahe, daß aus jeder Klasse der Versammlung fünf Personen hervor traten, welche sich als Abgeordnete näher nach dem Throne begaben. 

Der Ollos schikte sich hierauf an, die Wahl zu vollziehen; er befahl zu dem Ende, daß das Grundgesez des weisen Mamru, welches ihm die Macht ertheilte, sich selbst bey Lebzeiten einen Nachfolger zu ernennen, vorgelesen würde. 

Die drey ältesten Staatsbeamten vollzogen abwechselnd den erhaltenen Auftrag; so daß ein jeder einige Säze dieses Gesezes der Versammlung kund machte. Der wörtliche Inhalt davon war ungefähr folgender: 

„Heil und Friede den Arramanden! Glüklich sind eure Thäler, wenn eine weise Leitung und ein folgsamer Wille sich wechselseitig unter euch einander begegnen. – Das Haupt ist die Seele des Körpers, und die Glieder dienen dem Haupte. – Der Weiseste sey euer Oberhaupt; darum sey es der, der reich ist an Erfahrung. – Die Macht eures Regenten ist dem schaffenden Sinne eines Künstlers gleich, der seine Glieder durch Gewohnheit zu einem geschikten Gebrauch bildet. – Ihr seyd die Glieder des Staats; laßt eurem Haupte die Macht des Gedankens, und in euch wohne der Wille, ihn zu vollbringen. – Es ist meine ernstliche Sorge, daß eine feste unverrükte Gewohnheit euch den Gebrauch williger Kräfte erleichtere: und darum sann ich darauf, wie jene Macht, die über euch schweben, für euch denken, und auf euch wirken soll, zu einem vertrauten Genius unvergänglicher Art werden möchte. Ich gebiete daher einem jeden Beherrscher der Arramanden, daß er, meinem Beyspiele gemäß, sich selbst seinen Nachfolger ernenne. Und damit der Geist unserer Regierungsform sich über das Loos sterblicher Natur erhebe; so soll der Mann, den er erwählt, ihm selbst an Denkungsart gleichen, und dereinst das Nachbild seines eigenen Wollens und Wirkens seyn. Das Fest der Wahl wird in jedem Jahre einmal erneuert, und der Ollos hat die Macht, die von ihm getroffene Wahl zu bestätigen oder seine Stimme einem Andern zu geben; wenn der gewählte Gegenstand durch einen würdigern verdrängt werden sollte. Ich will und gebiete endlich, daß der Nachfolger, sobald er zur Regierung gelangt, seinen Namen ablege, und sich, ohne irgend ein bezeichnendes Beywort, bloß den Ollos der Arramanden nenne; damit er auch hierin nichts eigenthümliches habe, was ihn von dem vorgeschriebenen Ziele seines Wirkungskreises entfernen, und eine Veranlassung selbstischer Anmassungen abgeben könne.“ – 

Bey dem Feste der Wahl, welchem ich beywohnte, war der Fall eingetreten, daß er der ernannte Nachfolger einige Wochen vorher verstorben war. 

Der Ollos machte diesen Vorfall der Versammlung bekannt; der Name des Verstorbenen blieb jedoch ein Geheimniß. 

Dem Herkommen gemäs hatte der Ollos bereits einen andern Nachfolger ernannt, damit der Thron der Arramanden auch auf seinen Sterbefall vor dem Feste, bedacht sey; und eine Schrift, welche von ihm und den drey ältesten Staatsbeamten einstweilen versiegelt worden war, enthielt den Namen desjenigen, welchem er, dieser Vorsicht halber, seine Stimme gegeben hatte.

Der Zeremonie der Wahl bestand dießmal blos darin, daß die Urne, welche den Namen des verstorbenen Nachfolgers verschloß, in Gegenwart der von den vier Klassen herbey getretenen Zeugen, eröfnet wurde; worauf der Ollos die aufbewahrte Schrift herausnahm, und über der Urne zu Asche verbrannte.

Die Abgeordneten aus der Versammlung umgaben den Thron, und der Ollos legte in ihre Hand einen feyerlichen Eid ab, daß die von ihm vollzogene Wahl, der Absicht des weisen Mamrus, und seiner Uiberzeugung den Arramanden einen würdigen Regenten zu geben, gemäß sey. 

Der Nahme des gewählten Nachfolgers wurde sodann, unter den Augen der Anwesenden, in die Urne gelegt; und selbige von den abgeordneten Zeugen, von den drey ältesten Staatsbeamten, und von dem Ollos selbst wieder versiegelt. 

Der Chorgesang von Frauenstimmen ertönte abermahls, jedoch in fröhlicheren Melodien als vorhin; der Ollos begab sich hierauf nebst seinem Gefolge nach dem Pallast; die Versammlung ging auseinander, und verlor sich nach und nach aus meinen Augen. 

Ich entließ meinen Gesellschafter, und sparte meine Bemerkungen über diese Feyerlichkeit, auf das Gespräch mit dem Ollos auf, welchem ich, seiner Einladung gemäß, am Abend entgegen sahe. 

Der Fürst der Arramanden ließ mich früher zu sich berufen, als ich es erwartete – und ich begab mich nach seinem Zimmer. 

„Ich beschleunigte meine Geschäfte, sprach der Ollos, um eure Unterhaltung nicht zu lange zu entbehren, und ihr werdet die Neugier entschuldigen, mit welcher ich das Urtheil eines Fremden über unsre Gebräuche zu vernehmen wünsche. 

Um mich im voraus eurer Offenherzigkeit zu versichern, so nehme ich für bekannt an, daß euch manches in unserer Verfassung auffallen und befremden muß, ihr könnt daher, ohne eine Mißdeutung zu befürchten, mir eure Gedanken ungescheut eröfnen.“ 

Ich hielt mich, durch diese vertrauliche Anrede, zu einer unbedingten Freymüthigkeit aufgefordert. Ich äusserte zuerst meine Verwunderung über den Widerspruch, den ich bemerkt hatte, daß die Arramanden dem Stande nach durch die Kleidung unterschieden würden, und dennoch eine, bloß an das Alter geheftete Rangordnung anzuerkennen schienen. 

„Wir lassen bey dem heutigen Feste, erwiederte Ollos, dieser natürlichen am meisten in die Sinne fallenden Abtheilung der Menschen, ihr Recht behaupten; und betrachten den Wahltag eines Regenten gleichsam als eine neue Schöpfung des Staates; wo ein jeder Mensch dem andern ursprünglich gleich war. Daß wir übrigens weit entfernt sind, jenen unkultivirten vereinzelten Zustand der Menschen, mit den ausgebildeten geselligen Verhältnissen eines Staats zu vermengen; und daß der Unterschied der Stände bey uns auf keine Weise als ein Vorurtheil betrachtet wird, davon kan das morgende Fest euch sattsam belehren.“ 

Ich erwartete diese Belehrung, und unser Gespräch lenkte sich auf den Gegenstand des Festes, dem ich beygewohnt hatte. Ich gab dem Geseze, das dem lebenden Regenten die Macht ertheilte, sich selbst einen Nachfolger zu erwählen, meinen ganzen Beyfall; doch konnte ich nicht umhin, gegen die Sicherheit der Maßregeln, worauf der weise Mamru so sehr zu bauen schien, einige Zweifel zu äussern. 

Es dünkt mir unmöglich, sprach ich, daß ein Regent die Thätigkeit seiner Nachfolger gleichsam allein erschöpft haben könne; und daß der von dem Stifter eurer Regierungsform vorgezeichnete Wirkungskreis, von keinem Beherrscher der Arramanden je sollte erweitert, verengt, oder verfehlt worden seyn. Die Form eines Staates nimmt unvermerkt das veränderliche Gepräge der Menschheit an; sie unterliegt dem Einflusse der Zeit, und den wechselnden Ereignissen derselben. Der Ollos Mamru glaubt seine Schöpfung zwar dadurch zu befestigen, daß er sie gleichsam als ein unverlezliches Pfand den Händen seiner Nachfolger anvertraut, und durch einen unverrükten Gemeingeist eurer Beherrscher – welchen er voraussezt – dieselbe aufrecht zu erhalten sucht; doch diese Zuversicht scheint mir auf einem nicht minder unsicheren Grunde zu beruhen. Die geringste Verschiedenheit von Denkart, Fähigkeit, und persönlicher Eigenthümlichkeit, muß in einer Reihe von Jahren, und bey dem Wechsel mehrerer Regenten, auffallende Abweichungen von der vorgezeichneten Norm hervorbringen, und den Gemeingeist, welchen die Stifter eures Staats auf seine Nachfolger fortzupflanzen hoft, wo nicht auflösen, doch demselben, auf eine unwillkürliche Weise, bald diese bald jene Richtung geben. 

„Ich könnte euren Einwürfen die Erfahrung zweier Jahrhunderte entgegen stellen, antwortete der Ollos, denn unsere Geschichtsbücher überzeugen uns, daß kein Fürst dieses Landes seine Macht je gemißbraucht hat. Doch dies wäre noch kein Beweis für die ununterbrochene Folge guter Regierungen; denn der Fall des Missbrauchs einer verliehenen Macht, ist weit seltener als der, wo Sorglosigkeit, Bequemlichkeit, Unverstand, und Schwäche, dies anvertraute Übergewicht zu einem wirkungslosen leeren Attribute werden lassen. 

Wir müssen indeß, ehe ich weiter gehe, vor allem über die Pflichten eines Regenten mit einander einverstanden seyn. Der Ollos Mamru deutet den Inbegrif derselben unter dem Bilde eines Körpers an: er vergleicht den Regenten, dem Haupte, und das Volk, den Gliedern desselben; er fordert zur Wohlfarth des Staats, ein durch Weisheit und Erfahrung geordnetes Oberhaupt, und einen vertraulichen folgsamen Willen der Untergebenen. Die Thätigkeit eines Beherrschers der Arramanden beschränkt sich, seiner Anordnung gemäß, mehr darauf, daß er die Form unserer Verfassung aufrecht erhalte, als daß er daran meistere – und dieses minder schaffenden, als befördernden Berufs halber, nannte der weise Mamru sich zuerst einen Ollos oder Versorger des Reichs. Der Geist unserer Regierungsform ist einfach, offen, und selbstständig; er hat sich der Vorstellungsart der Arramanden dadurch so sehr genähert, und ist durch Erziehung, Gewohnheit und Erfahrung, so tief in dieselbe eingedrungen, daß er zu einem Gemeingeist des Volks geworden ist. 

Unsere Verfassung, und die Ansprüche auf dieselbe, verhalten sich nunmehr wie Ursach und Wirkung gegen einander, und es bleibt einem Regenten dieses Staats nichts weiter übrig, als die Resultate der vorgezeichneten Norm zu leiten. – Dies ist der Spielraum seiner Geschäftigkeit, und der Gegenstand seines über andere erhabenen Berufs. Die Arramanden haben von der Übermacht ihrer Beherrscher nichts zu befürchten: denn es finden sich in der Klasse, woraus sie gewählt worden, keine unruhigen ungeordneten Köpfe, die sich ermächtigen könnten, durch neue Schöpfungen, in das Gebiete der Ursachen einzudringen, und ihr Daseyn und die Macht ihres Daseyns, durch namhafte Thaten bezeichnen zu wollen. – Wir unterdrüken jede Anmaßung, welche es der Natur erscheint vor dem menschlichen Sinn, nie als eine neue sondern bloß als eine fortgesezte Schöpfung, welche, der mannigfaltigen Entwikelung ihrer Kräfte ohngeachtet, immer gleichförmige Erscheinungen bildet. Die Sicherheit, mit welcher diese Erscheinungen hervortreten, beruht bloß darauf, daß sie an das unveränderliche Gesez einer ersten Ursache gefesselt sind, welchem die Natur, in Ansehung ihrer allgemeinen Zweke, so sehr vertraut, daß sie die Folgen der successiven Entwikelung jener Urkräfte, sogar dem Zufall überlässt. Der Ollos Mamru hatte ohne Zweifel diesen aus der Natur entlehnten Gesichtspunkt vor Augen, als er unserer Verfassung einen ähnlichen selbstständigen Karakter beizulegen sucht, und den Wirkungskreis seiner Nachfolger, auf eine so bestimmte Weise, beschränkte. 

Die Regentschaft oder die Regierungskunst, besteht also nach unsern Begriffen darin: daß die ursprüngliche Form Unserer Staatsverfassung – als die erste Ursache aller das Wohl des Ganzen befördernden Resultate – anerkannt und aufrecht erhalten werde; und daß der Regent jeder eigenmächtigen Umbildung derselben sich thätig entgegen stelle. 

Es ist zu dem Ende nöthig, daß er seinen eigenen Willen, so wie den seiner Untergebenen, lenke, ordne, und beherrsche; denn die freie ungebundene Äusserung des einen wie des andern, würde, durch Bestrebung einzelner momentaner willkürlicher Zweke, mancherlei Abweichungen herbeiführen; die als Missverhältnisse, und als Resultate einer untergeschobenen Ursache, dem Wohl des Ganzen verderblich seyn würden. 

Ich konnte nicht umhin, die umwandelbare Form einer Staatsverfassung, welche der Gesezgeber Mamru voraus zu sehen schien, noch einmal zu bezweifeln. 

„Euer Einwurf, versezte der Ollos, trägt das Gepräge einer fremden Vorstellungsart. Ich hoffe, daß das morgende Fest euch mit unserer Denkart vertrauter, und auf unserem Boden gleichsam einheimisch machen soll; denn ohne diese Vorbereitung, würde ich euren Zweifeln bloß Behauptungen, aber keine faßlichen Gründe entgegen stellen. Erlaubt mir indeß, euch durch einen Blik in die frühern Zeiten unserer Geschichte, auf die Festlichkeiten der nächsten Tage in etwas vorzubereiten. 

Urrha, der lezte Fürst der Arramanden, der den Titel eines Königs führte, bahnte dem Ollos Mamru den Weg, um seinem Reich die glükliche Verfassung zu geben, deren wir uns noch jezt erfreuen; obwohl jener, in Allem, das Gegentheil seines würdigen Nachfolgers war. König Urrha gehörte zu der Klasse der entschiedenen Despoten: eine rohe Lüsternheit, eine ausschweifende Fantasie, und ein kurzsichtiger Eigenwille, bildete die Hauptzüge seines Karakters. Er war hart und gebieterisch gegen Andere; sich selbst aber behandelte er mit einer Schonung und Weichlichkeit, die wenig ihres gleichen hatte, und er machte es zu einem unverbrüchlichen Gesez, daß Niemand gegen ihn einen Willen haben dürfe. Vermöge dieser Denkungsart, achtete er kein Verdienst, keine Wahrheit, und keine Bande irgend eines fremden Verhältnisses; doch jede seiner Grillen war ihm wichtig, und die Illusionen eines unbegränzten Eigendünkels, waren die unzertrennlichen Gespielinnen seines unbeschäftigten Daseyns. Da die sorgsame Pflege dieses selbstgefälligen Taumels den einzigen Gegenstand seiner Thätigkeit ausmachte; so forderte er von Andern, daß sie diese Sorge nicht nur mit ihm theilen, sondern ihr auch durch ein immerwährendes Bestreben, in Allem zuvorkommen sollten. König Urrha brachte seine Zeit bei Tafel, auf dem Sofa, unter seinen Sclavinnen, und im Tempel zu; denn der Dienst der Götter lag ihm, nächst seiner eigenen Huldigung, gar sehr am Herzen. Er hielt sich für den sichtbaren Repräsentanten der Überirdischen, und für die Mittelsperson ihrer Verehrung; und glaubte daher, daß er jedes ihrer Opfer sich wenigstens zur Hälfte zueignen dürfe. Mitten in dem Genuß des wohlbehaglichsten Daseyns, wurde König Urrha von einer heftigen Krankheit angefallen. Der Gedanke des Todes, so wenig er sich auch damit zu beschäftigen pflegte, rief demnach in seinem Gedächtniß die Rükerinnerung einer alten Weissagung hervor, die ein berüchtigter Magus einst über ihn ausgesprochen hatte, und vermöge welcher er ein ungewöhnlich hohes Alter erreichen sollte, wenn er in seinem Leben nie durch Widerspruch erzürnt werden würde. 

König Urrha hatte sich zwar, ohne dieser warnenden Weissagung eben eingedenk zu seyn, mit den ihn umgebenden Personen auf den Fuß gesezt, daß der Fall eines Verdrusses dieser Art sich nicht leicht ereignen konnte; allein auf dem Krankenbette fiel ihm jedoch die Möglichkeit ein, daß irgend jemand es gewagt haben könnte, jener wohlthätigen Weissagung zu nahe zu treten. Da er sich auf seine, durch die Krankheit geschwächten Besinnungskräfte nicht recht zu verlassen glaubte, so gieng er mit einigen vertrauten Lieblingen, wegen dieser wichtigen Besorgniß, zu Rathe; und diese ergriffen die argwöhnische Stimmung des Königs, als eine erwünschte Gelegenheit, um sich an ihren Feinden zu rächen, und die, welche ihren ehrgeizigen Absichten im Wege standen, auf eine bequeme Weise auf die Seite zu schaffen. Fast alle Minister, und die Vornehmsten des Hofs, wurden in den Verdacht gesezt, das Daseyn des Königs, durch unbedachtsame Zweifel, Einwürfe, oder zweideutige Mienen, untergraben zu haben; und Urrha schwur, daß keiner dieser Frevler den Tag seines Todes überleben solle. 

Dieser drohende Ausspruch stimmte die Gleichgültigkeit gegen die Genesung des Königs zu einer allgemeinen Theilnahme um; fast alle Grosse des Reichs waren in dem Fall, für ihr Leben besorgt zu seyn, wenn Urrha an seinem Aufkommen verzweifeln sollte; man beeiferte sich daher von allen Seiten dem kranken Monarchen neue Aussichten zu seiner Genesung zu eröffnen, und ein berühmter Arzt und Wunderthäter, Nahmens Astur, wurde zu diesem Ende aus einem benachbarten Reiche eilends herbeigerufen. Astur fand bei seiner Ankunft den kranken König schon auf dem Wege der Besserung, und die Wirksamkeit seiner Mittel stellte die Gesundheit desselben vollkommen wieder her. König Urrha gab zwar, da ihn die Furcht zu sterben verließ, sein rachsüchtiges Vorhaben gegen die ihm verdächtig gewordenen Personen auf; allein der Gedanke, daß irgend ein Widerspruch ihm künftig gefährlich werden könnte, und daß die Erfüllung jener Weissagung, bei aller Vorsicht und Strenge, doch immer von der Willkür eines Unbesonnenen oder Übelgesinnten abhange, quälte ihn insgeheim durch allerlei schauderliche Ahndungen, und raubte ihm den Genuß der wieder erlangten Lebenskräfte. Seine Vertrauten bemerkten zum öftern eine Art Schwermuth und Schichternheit an ihm, sie glaubten eine Folge der Krankheit daraus abzunehmen, und gaben dem Wunderthäter Astur auf, diese ungewöhnliche Gemüthsverfassung des Königs und den Grund derselben auszuforschen. Urrha hatte zu diesem Arzt ein so grosses Vertrauen gefaßt, daß es demselben nicht schwer fiel die Ursache dieser Veränderung zu ergründen. Der König entdekte ihm die Ursach seiner Bekümmerniß; er begehrte Asturs Rath, und versprach ihm eine reiche Belohnung, wenn er ein Mittel ausfindig machen würde, wie er, für jeden feindseligen Widerspruch gesichert, sich des verheissenen hohen Alters getroster erfreuen könne. Die erste Antwort des Arztes war schnell; aber sie fand keinen Beifall. Sein Rath bestand darin; der König solle von nun an niemand sehen und sprechen, keinen Minister, keinen Höfling, und keinen seiner Vertrauten vor sich lassen; sondern eingeschlossen in seinem Pallast, ein völlig einsames abgesondertes Leben führen. Da Urrha diesen Vorschlag mit Unwillen verwarf, so bat sich Astur drei Tage Bedenkzeit aus, um ein anderes vielleicht wohlgefälligeres Mittel ausfindig zu machen. Nach Verlauf dieser Frist erschien er wieder, und that einen Vorschlag, der den argwöhnischen König über jede Besorgniß vollkommen beruhigen sollte. 

Der Vorschlag dieses Wundermannes bestand eigentlich in einer Art von Giftmischerei, welche allen Personen der ersten Klasse zugedacht war, die mit dem König in irgend ein Verhältniß kommen könnten. Astur hatte nemlich eine magische Essenz bereitet, welche die Kraft besaß, alle Personen männlichen Geschlechts, welche nur einige Tropfen davon kosten würden, in einen besinnungslosen passiven Zustand zu versezen, und gleichsam in blosse Maschinen zu verwandeln. Er rieth dem König, einem jeden, der den Zutritt zu seiner geheiligten Person habe, von dieser Essenz zu trinken zu geben, ehe er ihn einer Anrede, oder eines Befehls würdige; und versicherte, daß jeder dann, weit entfernt einen Widerspruch oder Zweifel zu äussern, bloß das Echo seines Willens seyn werde. Er rieth ihm dabey, von diesem Mittel in seinem Serail keinen Gebrauch zu machen, weil die Wirkung davon, ihm vielleicht mißfallen könne. König Urrha herrschte in diesem Gebiet so despotisch, daß er daselbst keinen Widerspruch zu fürchten hatte, und er dachte nie daran diese Wundertropfen, auch nur aus Neugier, an seinen Sclavinnen zu versuchen. Um indeß die angerühmte Kraft derselben, an dem ihm gefährlicheren männlichen Geschlecht, zu erproben; so ließ er zwei seiner Hofleute herein rufen, welche diesen Zaubertrank sogleich versuchen mußten. Er befahl hierauf dem Einen, sich aus dem Pallast in den daran vorbeifliessenden Fluß hinab zu stürzen; und den Andern hieß er die Hand auf ein Beken mit glühenden Kohlen legen: beide gehorchten auf eine sclavische Weise, ohne nur im mindesten einen Schein von Furcht oder Widersezlichkeit zu verrathen. Der König fand das Mittel hinlänglich bewährt, und die angestellte Probe beruhigte ihn über alle mögliche Ereigniß. Er hielt es jedoch für bequemer, und seiner Sicherheit am angemessensten, wenn er sämtliche Personen, die ihn zu umgeben pflegten, und mit denen er in einen Wortwechsel gerathen könnte, durch diese magischen Tropfen, mit einmal in den folgsamen willenlosen Zustand versezte, welchen er ihnen zeither bloß durch Furcht angezwungen hatte. Er gab zu diesem Ende ein grosses Banquet, wozu seine Minister, der ganze Hof, und die Vornehmsten des Reichs, unter dem Vorwand seine Genesung zu feiern, eingeladen wurden. Der Wein, welchen man zur Bewirthung dieser zahlreichen Gäste auftrug, war durch Asturs Vorsorge zubereitet; man trank, und berauschte sich, zum grossen Wohlgefallen des Königs, in diesem Wundermittel. Die Wirkung desselben äusserte sich auf der Stelle: und durch dies einzige Gastgelag wurden die Personen der obern Klasse der Arramanden, welche die ansehnlichsten Ämter am Hof und im Staat begleiteten, zu unbedeutenden Wesen, ohne Kraft und Willen; die dem argwöhnischen Urrha nie wieder gefährlich werden konnten. 

Für izt, sprach der Ollos, indem er das Gespräch abbrach, sey die Erzählung dieses merkwürdigen Ereignisses euch genug. Die Festlichkeiten der beiden nächsten Tage, werden die Vortheile, die man daraus zog, und die weisen Einrichtungen des Ollos Mamru euch näher enthüllen. Ich behalte mir vor, mich darüber umständlicher zu erklären, und hoffe, daß ihr mir das Vergnügen eurer Gesellschaft auch für den morgenden Abend gönnen werdet. 

Ich verließ den Fürsten der Arramanden, und begab mich nach einer kurzen Danksagung wieder auf mein Zimmer. 

Das Fest der Schäzung. 

Das Fest der Schäzung begann ebenfalls mit Sonnenaufgang; jedoch versammelte man sich dazu, nicht vor dem Pallast des Fürsten, sondern auf freyem Felde nahe bey der Stadt. Der Ollos beschikte mich sehr früh, um sich meiner Gegenwart bey dieser Feyerlichkeit zu versichern; ich folgte dem an mich abgesendeten Staatsbeamten, und nahm, auf sein Geheiß, den ersten Plaz in dem Gefolge des Ollos ein. 

Nach Verlauf einer halben Stunde, denn so lange dauerte der Zug durch die Stadt, nahten wir einer zahlreichen Versammlung, die gleich einem Kriegsheer in Reihen geordnet, die weite Fläche bedekte. Ich wurde beym ersten Anblik gewahr, daß der Unterschied der Kleidungen diesmal sichtbar in Anschlag kam, und daß die Form und Farbe derselben, die Versammlung in vier verschiedene Hauptmassen trennte. 

Die minder zahlreiche, aber meiner Vermuthung nach, vornehmste Klasse, trug lange weisse Gewänder mit breiten goldenen Binden, die zweyte, welche größtentheils aus Jünglingen bestand, war eben so gekleidet, jedoch blos mit silbernen Schnüren umgürtet; die von der dritten Klasse, deren Ende ich kaum übersehen konnte, unterschieden sich durch ein sehr einfaches Äussere: ihre Kleider waren kurz, von ungefärbter bräunlicher Wolle; und die lezte, minder zahlreiche Klasse, war von der vorigen bloß dadurch ausgezeichnet, daß ein feineres Zeug von himmelblauer Farbe sie bekleidete. Der Ollos, der mich von Zeit zu Zeit unterhielt, sagte mir, als ich diese Versammlung mit neugierigen Bliken musterte, daß ich die bey den Arramanden gewöhnlichen Stände, die man die vier Stämme zu nennen pflegte, hier vor mir sehe; jene ehrwürdigen Männer in weissen Gewändern mit goldenen Binden, sprach er, machen den Stamm der Obern aus; gleich neben diesen seht ihr den Stamm der Nahen; die zahlreiche Menge, die so einfach gekleidet erscheint, ist der Stamm der Nährenden; er wird bey uns hochgeschäzt, und nimmt darum seinen Plaz vor der vierten Reihe weiter unten, welche wir den Stamm der Schaffenden nennen.“ 

Der Fürst der Arramanden glaubte mich durch diesen Bericht von den Verhältnissen seines Volks hinlänglich unterrichtet zu haben; ich fand denselben indeß nicht befriedigend genug, und um ihm nicht durch Fragen lästig zu fallen, so verließ ich meinen Plaz, und näherte mich den Anführern dieser verschiedenen Klassen, vor welchen man eine Art Sinnbilder als Fahnen vorhertrug; um durch Betrachtung dieser vier Stämme besser kennen zu lernen. 

An der Spize des ersten Stammes sahe ich das Bild der Sonne, von drey weiblichen Figuren umgeben, welche die Weisheit, die Mässigung und Stärke darstellten; und diese Anspielungen auf die Macht und die Tugenden eines Regenten, liessen mir keinen Zweifel übrig, daß die weiß gekleideten Männer mit goldenen Binden, die Ersten und Obern des Reichs seyn müßten. 

Das Sinnbild der zweyten Klasse, welche der Ollos den Stamm der Nahen nannte, glich dem vorigen; jedoch umschwebte ein leichtes Gewölk das Strahlenhaupt der Sonne, und die vorhin durch drey weibliche Figuren dargestellten Tugenden, sahe ich hier als drey kleine Genien dargestellt; welchen ein Spiegel, ein Zaum, und ein Löwe als Attribute beygelegt war. Ich konnte daraus leicht abnehmen, daß die Jünglinge dieser Klasse auf den Stamm der Obern Ansprüche hätten, und in denselben, zum Dienst des Staats, dereinst übergehen sollten. 

Vor dem Stamm der Nährenden trug man ein Schildförmiges Panier, worauf die Geräthschaften der Landarbeit, der Gärtnerey, und des Weinbaues abgebildet waren, welche ein Kranz ineinandergeschlungener Füllhörner umgab. Es bedurfte auch hier keines Nachforschens weiter, um den Beruf dieser grösseren Volksmassen daraus deutlich zu erkennen. 

Die Anführer des lezten Stammes, nemlich der Schaffenden, hatten mehrere Fahnen, auf deren jeder ein allegorisches Gemälde einer besondern Handthierung befindlich war, welches eine Kette von ineinandergreifenden Händen einfasste, über welcher die Worte Bedürfniß und Behülflichkeit, in goldenen Buchstaben, zu lesen waren. 

Der Fürst der Arramanden hatte, während der Zeit, daß ich diese Belehrungen einsammelte, den für ihn errichteten Thron bestiegen, und ich eilte in sein Gefolg zurück, um den eigentlichen Gegenstand des Festes, und die Verrichtungen des Ollos, in dessen Nähe, besser beobachten zu können. 

Auf einer Tafel, die vor dem Throne stand, sah ich vier grosse Bücher aufgeschlagen, worin die Namen der anwesenden Personen, nach den vier Klassen ihrer Stämme, aufgezeichnet waren. 

Einige Staatsbeamte theilten mit dem Ollos das Geschäft allerley Abänderungen in diesen Verzeichnissen vorzunehmen, welche darin bestanden: daß die Namen derjenigen, die aus einem Stamm in einen andern übergingen, in die vier verschiedenen Bücher eingetragen wurden. Ich bemerkte, daß diese Versezungen jedesmahl durch ein von vier Personen ausgestelltes Zeugniß veranlaßt wurden; wovon die eine Hälfte, aus dem Stamm des Abgehenden, dessen Beruf für eine andere Klasse bestätigte; die zwei andern aber, aus dem Stamm, wohin die Versezung geschehen sollte, ihre Zufriedenheit darüber an den Tag legten. Das Fest der Schäzung hatte also, wie ich anfangs irrigerweise vermuthete, nicht die Erhebung der Staatsbedürfnisse, sondern die Anordnung der bürgerlichen Verhältnisse, nach dem Werth und Beruf der Individuen, zum Gegenstand. 

Während diesem Geschäft verstrich der Morgen, und der größte Theil des Vormittags; es endete indeß immer früher, als ich vermuthen konnte. Bey dem Stamm der Obern ging anfangs keine Veränderung weiter vor, als daß einige ihre Ämter unter einander vertauschten, und daß verschiedene Jünglinge, aus dem Stamm der Nahen, in die erste Klasse aufgenommen wurden; wozu, wie ich bemerken konnte, eine verdoppelte Anzahl von Zeugnissen erforderlich war. Die häufigsten Abänderungen hatten bey den Stämmen der Nährenden und Schaffenden statt; auch wurden aus diesen beyden Klassen einige Jünglinge würdig geschäzt, in den Stamm der Nahen überzugehen. 

Drey betagte Männer aus der Klasse der Obern erklärten hierauf, daß sie das Gelübde gethan, in die beyden untern Stände bis zur Wiederkehr dieses Festes zurükzutreten, und baten ihre Namen daselbst aufzuzeichnen; der Ollos gewährte ihnen diese bescheidene Bitte unter vielen Lobsprüchen, und die Stämme der Nährenden und Schaffenden, welchen sie sich einverleiben liessen, bezeugten durch ein lautes Freudengeschrey ihr Wohlgefallen darüber. 

Das Chor von Frauenstimmen, welches am vorigen Tag bey dem Feste der Wahl ertönte, begleitete auch hier jede einzelne Handlung dieser Feyerlichkeit in angenehmen heiteren Melodien; mit einemmahl aber nahm der Ausdruk dieser Gesänge einen entgegengesezten Karakter an; und ich ahnete, nicht ohne Grund, daß ein unglükliches Ereigniß dadurch vorbereitet werden solle.

Es war das Schiksal einiger Verbrecher, deren Verurtheilung bey den Arramanden als ein Gegenstand der allgemeinen Trauer, auf diese Weise angekündigt wurde. Ein Staatsbeamter überreichte dem Ollos das Verzeichniß der strafbar befundenen Personen; es waren deren neune; davon drey dem Stamm der Obern angehörten, die übrigen aber befanden sich unter dem Stamm der Schaffenden. 

Als die Namen der Schuldigen abgelesen wurden, so verhüllte man ihre Gesichter, und stellte sie, von den übrigen getrennt, auf einen erhöhten Plaz. Jeder Stamm richtete die Verbrecher, die ihm angehörten, und die Mehrheit der aufgehobenen Hände entschied, ob sie der gesezlichen Strafe schuldig befunden wurden. Dies Zeichen der Verurtheilung war bey den angeklagten neun Personen so allgemein, daß es des Zählens der einzelnen Stimmen nicht bedurfte. Der Fürst der Arramanden bestätigte das von den richtenden Stämmen ausgesprochene Urtheil dadurch, daß er die Namen der Verurtheilten aus den Verzeichnissen auszulöschen befahl, und sie dem verborgenen Stamm der Ungenannten zugesellte. 

Während dem, daß das Trauerchor von Frauenstimmen wiederhohlt ertönte, reichte man dem Ollos neun Schalen mit Wein gefüllt dar, worein er aus einer Flasche, die er unter seinem Gewand aufbewahrte, einige Tropfen fallen ließ. Man reichte diesen Trank denen, durch das Urtheil ihrer Stämme, geächteten und ausgestossenen Personen; sie leerten die Schaalen, und begaben sich, nachdem man ihre Kleider gegen eine schwarze Hülle vertauscht hatte, hinweg. 

Ich würde diesen Trank, den man den Verurtheilten als Strafe reichte, für eine Hinrichtung durch Gift gehalten haben, wenn mir nicht die Wunderessenz des Arztes Astur, die ich aus der Erzählung des Ollos kannte, sogleich eingefallen wäre. Ich überzeugte mich daher, daß es hier nicht auf die Vertilgung der Verbrecher, sondern bloß darauf abgesehen sey, diese unwürdig geschäzten Glieder des Staats, durch Abstumpfung ihrer Gemüthskräfte, in einen unschädlichen Zustand zu versezen; und daß der Stamm der Ungenannten, wohin die Geächteten verwiesen wurden, aus dergleichen Maschinenartigen Geschöpfen bestehen müsse. 

Das Fest der Schäzung war nunmehr geendigt, und ich folgte dem Ollos, der sich nebst seinem Gefolg wieder zurük in die Stadt begab. Seine Unterhaltung auf dem Weg belehrte mich von den Verbrechen, um welcher willen einige Arramanden dies erniedrigende Schiksal der Verbannung erduldet hatten. Ich erfuhr nemlich, daß die aus dem Stamm der Obern des Hochverraths schuldig wären: indem drey derselben das ihnen verliehene Ansehen aus eigennüzigen Absichten gemißbraucht hätten; und der dritte, durch Verbreitung nachtheiliger Verläumdungen gegen einen verdienstvollen Mann, dem Staate gefährliche gewesen sey. Was die übrigen aus dem Stamm der Schaffenden anlangte, so wären einige als Haus-Tirannen und Störer des ehelichen Friedens, die andern aber des Geizes, oder der Verschwendung halber, ausgestossen, und dem Stamme der Ungenannten übergeben worden. 

Ich wollte eben die Unbilligkeiten, so ungleiche Verbrechen mit einerlei Strafe zu belegen, dem Ollos zu Gemüthe führen; als eine Szene, die diesem Fest angehört, und die ich nicht unterbrechen mochte, meine Bemerkung darüber zurük hielt. 

Es war ein Aufzug von den Künstlern des Reichs, welcher dem Fürsten der Arramanden bei seiner Rükkehr nach der Stadt entgegen kam. Einige Abgeordnete aus dieser Versammlung empfingen denselben unter einer feierlichen Musik, und ersuchten ihn ihre Säle zu besuchen. Ich folgte dem Ollos dahin, und war ein Zeuge und Bewunderer der meisterhaften Vollendung, welche jedem Produkte der verschiedenen Künste, die sie ausübten, unverkennbar beiwohnte. 

Der Ollos erwies dieser Versammlung von Künstlern eine vorzügliche Achtung; er ließ eine Menge Geschenke unter sie vertheilen, und einigen, aus den Provinzen des Reichs, wurde das Bürgerrecht von Ballpa, als ein Beweis ihrer Verdienste, zugestanden. 

„Diese Männer, sprach der Ollos beim Weggehen zu mir, welche ihr Beruf, und die Gaben, die sie zur Ausübung desselben bedürfen, so sehr von Andern unterscheiden, machen eine eigene, unter sich bestehende Gesellschaft aus, die keinem der vier Stämme angehört, und wir nennen sie die Willkommenen. Der Genius, der auf ihnen ruht, bedarf eines freien, von den gewöhnlichen Verhältnissen des geselligen Lebens losgebundenen Spielraums; daher stehen die Künstler, bei uns, unter einer Art von Vormundschaft, die dem Fürsten und einigen Obern des Reichs anvertraut ist; und da kein Gesez sie richtet, so haben in Ansehung ihrer bloß Belohnungen statt. Wir ehren und befördern die Künste, und räumen der schöpferischen Klasse der Willkommenen mancherlei Vorzüge ein; weil ihre Werke das Gemüth des Menschen erheben und ergözen, und seine Sinne an Wahrheit, Schönheit und Grösse gewöhnen. Ihr werdet euch vielleicht wundern, fuhr der Ollos fort, daß diese Vorliebe zu der bildenden Kunst den Hang zu abstracten Speculationen, womit der müssige sinnreiche Mensch sich so gern beschäftigen mag, fast ganz unter uns verdrängt hat; und der Nahme eines Philosophen kann eigentlich keinem Arramanden zukommen; es sey denn, daß man den Dichtern unserer Nazion diesen Namen beilegen wollte.“ 

Während diesem Gespräch hatten wir uns dem Palast des Ollos genähert; und ich begab mich so lange auf mein Zimmer, bis der Abend herbei kam, wo ich die Erlaubniß hatte, meine Unterhaltung mit dem Fürsten der Arramanden erneuern zu dürfen. Ich erschien zur bestimmten Stunde, und der Ollos nahm, nach einigen Höflichkeits-Bezeugungen, sein Gespräch vom vorigen Tage wieder auf, und sucht mich in die Zeiten, wo der wiese Mamru den durch den Tod seines Vorgängers erledigten Thron bestieg, abermahls zurük zu versezen. 

„König Urrha, sprach der Ollos, dessen ihr euch aus meiner gestrigen Erzählung erinnern werdet, starb bald nach dem Banquet, welches durch seine Folgen so merkwürdig wurde, und zwar eines gewaltsamen Todes, denn er stürzte vom Pferd. Für seinen Nachfolger Mamru war es allerdings bequem, daß er, ohne Rüksicht auf den Einfluß und die Rechte einer mächtigen Klasse, freier und willkührlicher über die Verhältnisse in seinem Staat gebieten, und ohne sich eines empörenden Despotismus schuldig zu machen, manches nach seinem Sinne ordnen und umformen konnte; allein die Sorge der Regierung lag nunmehr, da die ersten Stellen im Staat durch den Wundertrank des Arztes Astur so gut als erledigt waren, ungetheilt, und um so schwerer auf den eigenen Schultern des neuen Regenten. Der weise Mamru hielt es nicht für rathsam, diese Lüken in der Staatsverwaltung, durch Männer aus den geringern Ständen auszufüllen, wenn er auch die würdigsten dazu auswählen würde: weil er nur allzuwohl wußte, wie unsicher ein verliehener Vorzug statt eines angebohrnen auf das Volk wirkt: und wie viel geneigter dasselbe ist, sein vertrauen und seine Folgsamkeit denjenigen zuzuwenden, welche es einer höheren Abkunft halber, als seine abgestammten Obern betrachtet. Er wünschte daher, mit Aufrechterhaltung dieser vorgefaßten Meinung, sich seinen Beruf durch einige Mitgehülfen zu erleichtern, die bei dem grossen Haufen in Ansehen stünden, und denen er einen Theil seiner Macht um so zuversichtlicher übertragen könne. 

Unter den Vornehmen des Reichs, welche bei dem Gastgebot des Königs Urrha gegenwärtig gewesen waren, befanden sich einige edle, vorzügliche, und fähige Männer, welche der Ollos Mamru von dem Schiksal der übrigen gern befreit gesehen hätte. Dieser Wunsch veranlaßte ihn, den Wunderthäter Astur zu ersuchen, daß er sich dieser Personen annehmen, und ihnen die geraubten Gemüthskräfte wieder verleihen möchte. Er fügte seiner Bitte das Versprechen einer ansehnlichen Belohnung bei, und diesem feilen Zauberer war es ein leichtes, den verübten Schaden durch wirksame Gegenmittel, welche ihm seine Kunst darbot, wieder gut zu machen. Die ersten Stellen im Staat wurden diesen ausgewählten Männern von dem neuen Regenten anvertraut. Da indeß noch manches wichtige Amt unbesezt blieb; so führte ihn diese Verlegenheit auf einen Ausweg, der seinem Scharfsinn Ehre machte, und der den ersten Grund zu einer für alle Stände vortheilhaften Veränderung abgab. Der Ollos Mamru war aus dem Geschlecht des lezten Königs, und hatte, während dessen Regierung, die Stelle eines Oberpriesters begleitet. Durch diese Würde, welche ihn verschiedene Jahre hindurch an die Spize der Priesterschaft stellte, war er in den Stand gesezt worden, den Geist, die Denkungsart, und die Plane dieser Klasse genau zu ergründen; und er wußte, was kein Regent vor ihm gewußt oder bemerkt hatte, daß das Reich der Priester im eigentlichen Sinne ein Reich dieser Welt sey. Er konnte sich, vermöge dieser Erkenntniß, und als ein Eingeweihter in die Mysterien dieses alten herrschsüchtigen Bundes, nicht verhehlen, daß der unbedingte Gehorsam seiner vormahligen Untergebenen, in Unmuth, Widersezlichkeit und Verfolgung ausarten würde, sobald er diesen Gehorsam, vom Throne aus, von ihnen zu fordern hätte. Seine Lage schien ihm mit Recht um so bedenklicher, da das Mißtrauen der Priester ihm dahin folgen, und jeden seiner Schritte mit Eifersucht belauern werde; und für einen Mann von Mamrus Denkungsart, wäre es ein unedles Auskunftsmittel gewesen, als Regent den Oberpriester fortzuspielen, und sich dadurch zu einer doppelten Heucheley zu erniedrigen. Er beschloß daher jenen mächtigen angesehenen Stand, der ihn vordem als ihr Oberhaupt erkannte, aus dem zweideutigen Verhältniß einer verborgenen Vereinigung zu sezen, und sich seiner Zuneigung und Anhänglichkeit auch als Fürst zu versichern, indem er der ehrgeizigen geheimen Thätigkeit der Priester, den Gegenstand, welchen sie seit Jahrhunderten zu usurpiren suchten, als Pflicht und Beruf nun öffentlich in die Hände legte. Die Priester vertauschten also den Dienst der Götter, gegen den Dienst des Staats, und alle erledigte Ämter wurden durch sie aufs neue wieder besezt. Diese Umwandlung hatte den gehoften glüklichen Erfolg: denn der Gemeingeist einer schlauen Herrschsucht, welcher diesem Stande beiwohnte, und der den einzelnen Mitgliedern desselben durch eine dahin abzwekende Erziehung eingeflößt worden war, nahm, sobald er sich freier äussern durfte, einen reinen, edleren und festeren Charakter an. Es verschwand zugleich mit der Maske eines vorgespielten Berufs – worüber sich der unbedeutendste Theil dieser Klasse kaum täuschen konnte – der nachtheilige Schatten, der über dem Priesterthum schwebte, und worein es sich, zur Entschädigung für einen ihm verschlossenen Wirkungskreis, absichtlich einhüllen mußte. Ich glaube, fuhr der Ollos fort, die Frage auf eurem Gesichte zu lesen, wem der weise Mamru das erledigte Geschäft der Priester, statt ihrer, zu verwalten gab? doch darüber soll euch das Fest des nächsten Tages belehren; und ihr werdet mir es zu gute halten, wenn ich eure Neugier bis dahin unbefriedigt lasse. Ihr wißt einstweilen, fuhr er fort, woher der Stamm der Obern, den ihr heut kennen lerntet, seinen Ursprung genommen hat. Der Stamm der Nahen, ist, wie ihr leicht ahnden könnt, gleichsam die Pflanzschule für jene erste, dem Dienst des Staats gewidmete Klasse; und in Ansehung der beiden übrigen habe ich nichts weiter hinzuzufügen, als daß ihr unter dem Stamme der Schaffenden einen Stand vermissen werdet, welcher euch dabei nothwendig einfallen muß: ich meine den Stand der Kaufleute, und ich darf nicht unbemerkt lassen, daß derselbe schon seit langer Zeit kaum noch den Namen nach unter uns bekannt ist. 

Ich fiel dem Ollos durch einen unwillkührlichen Ausbruch der Verwunderung hier in die Rede; denn es war mir auffallend ihn von dieser, in andern Reichen für unentbehrlich geachteten Klasse Menschen, so gleichgültig, und, wie es schien, mit einer Art von Geringschäzung reden zu hören. 

„Der Schuz, welchen man anderswo den Kaufleuten zugestehen mag, sprach der Ollos, und die Nothwendigkeit, zu der man sich verpflichtet glaubt, den sogenannten Handel in die Hände einiger einzelnen Unternehmer legen zu müssen, gründet sich auf zwei wesentliche Fehler in der innern Verfassung eines Staats, welche gewöhnlich beisammen stehen: und diese sind die Unthätigkeit, und der Mangel eines unbedingten öffentlichen Vertrauens. Unsere Handwerker, Fabrikanten, und Gewerbetreibende Personen, arbeiten eigentlich bloß für den Staat; obschon die Vortheile ihres Fleisses und ihrer Betriebsamkeit, auch ihnen selbst, auf eine verhältnißmäßige Weise, dabei zu gute kommen. Der zahlreiche Stamm der Schaffenden versieht uns mit allem, was Bedürfniß, Bequemlichkeit, und Wohlstand erfordert, und seine Abhängigkeit vom Staat gewährt ihm dagegen eigenen sorgenfreien gemächlichen Zustand; der ihm nicht zu Theil werden würde, wenn er der Habsucht einer despotischen Zunft fröhnen müßte, die, auf Unkosten der Kräfte, der Gesundheit, und des nothdürftigen Unterhalts dieser schaffenden Klasse, einen unmäßigen Wucher treibt, und die Übermacht ihrer Verhältnisse, zum Nachtheil des Ganzen, auf mehr als eine Weise zu misbrauchen pflegt. Der Handelsgeist steht mit dem Geist einer wohlgeordneten Regierungsform in einem auffallenden Widerspruch: jener ist einseitig, beschränkt, und bloß an individuelle Vortheile geheftet; da dieser hingegen grosse allgemeine Zweke verfolgt. Es kann daher der enge Gesichtspunkt des Kaufmannes sich nie zu dem Interesse erheben, welches den Regenten eines Staats beleben soll.“ 

Der Ollos verbreitete sich noch weitläufig über die nachtheiligen Folgen des Privat-Reichtums, über die Quellen und Grenzen des Luxus, und andere bekannte Gegenstände. Er berichtigte seine Behauptung von der Entbehrlichkeit der Kaufleute dadurch: daß er in Ansehung der kleineren Gewerbe, welche auch bei den Arramanden statt fänden, eine Ausnahme machte, und die Nothwendigkeit zugab, dem Stamme der Schaffenden einige Vortheile zuzugestehen, die der Besiz des Geldes mit sich führt, und die dem sinnreichen unternehmenden Theile dieser Klasse nicht füglich entzogen werden können. 

Ich ließ das Gespräch über diesen Gegenstand fallen, und bat den Ollos mich mit dem Fest der Schäzung, das eine sehr verkünstelte Einrichtung vorauszusezen schien, näher bekannt zu machen. 

„Die Feierlichkeit des heutigen Morgens, erwiederte der Ollos, erfordert allerdings mannigfaltige Vorbereitungen, die den verwikelten Gegenstand dieser festlichen Handlung erleichtern, und einleiten müssen, und die Möglichkeit, die einzelnen Individuen im Staat, ihren Fähigkeiten und ihrem Werthe nach, zu kennen und zu würdigen, beruht ganz allein auf der Anordnung dieser Vorbereitungen. Eine allgemeine Schäzung der Menschen ist, wie ihr mit Recht bemerket, grossen Schwierigkeiten unterworfen wir beschränken uns daher auch bloß darauf, daß die Vertheilung der bürgerlichen Verhältnisse, keine auffallende Willkühr, und vorzüglich keine empörende Parteilichkeit zu Schulden gebracht werde. Um dies zu vermeiden hat man einem jeden Mitgliede der beiden lezten Stämme sechs Aufseher zugeordnet; welche aus Personen der vier verschiedenen Stämme bestehen; und wovon drei ihm bekannt, und drei ihm unbekannt sind. In Ansehung der Nahen wird die Zahl dieser Aufseher auf gleiche Weise verdoppelt; und bei dem Stamm der Obern, ist ein jeder dieser Klasse, der bekannte Aufseher des Andern. Durch diese Einrichtung erlangen wir die Kenntnisse, welche bei den Verrichtungen des heutigen Festes zum Grund gelegt werden, und wenden sie zu dem euch bekannt gewordenen Gebrauche an. 

Was an diesem Morgen, fuhr der Olos fort, unter meiner Aufsicht in der Residenz und ihrer Provinz geschah, wird in jeder Hauptstadt der übrigen Provinzen, durch dahin abgeordnete Staatsbeamte verrichtet, und die Entscheidung zweifelhafter Fälle wird von mir in der Folge nachgehohlt; da ein Gesez des weisen Mamru jedem Ollos auferlegt, die Provinzen seines Reichs einmal im Jahr zu bereisen. Ihr seht daraus, daß dies an sich weitläuftige Geschäft, durch das mechanische der Form, nach welcher es behandelt wird, eine minder verwikelte Gestalt bekommt; und die Zahl der Individuen, deren Schäzung den Gegenstand dieses Festes ausmacht, kann dem Fürsten der Arramanden und seinen Beamten nicht unermeßlich dünken; da die Erforschung derselben unzählige Beobachter mit ihnen theilen. Ausser der Bequemlichkeit, welche diese mannigfaltig vereinzelte Aufsicht herbeiführt, wird auch zugleich die Möglichkeit, und sogar der Verdacht irgend einer Willkühr oder Parteilichkeit, von dem Regenten und den ihm zunächst stehenden Personen abgewendet: denn ihre Anordnungen und Aussprüche gründen sich blos auf empfangene Resultate, und sind eigentlich nicht weiter als Bestätigungen eines fremden Urtheils. Der Geist der Arramanden ist bloß dadurch bescheiden, lenksam und ruhig, weil die Regierungsform unseres Staats diesen Karakter gebildet und befestigt hat; denn durch die öffentliche Verhandlung der Geschäfte, welche jedem Mitglied des Staats einen schiklichen individuellen Antheil an der Erhaltung desselben zugestehet, wird die Thätigkeit der Arramanden geordnet, und ihr ein zwekmäßiger Gegenstand der Äusserung angewiesen. Jeder fühlt sich zur Mitwirkung für das allgemeine Beste verpflichtet; jeder weiß, wie eng und vielfach die Bande sind, die ihn und seinen Stamm mit dem Ganzen verweben; und dieser als ein Recht verliehene Einfluß, erzeugt eine gewisse Begnügsamkeit, welche sich keine Anmassungen auf geheimen Wegen erlaubt. Die Obern des Reichs sind im Besiz eines allgemeinen Vertrauens, und dies Vertrauen ist eine Folge des durch unsere Staatsverfassung befestigten Gemeingeistes. Dem weisen Mamru war es indeß nicht genug, dem herrschenden Stamme dies Vertrauen der utnergeordneten zuzusichern; er wünschte auch bei den übrigen Klassen eines guten Vernehmens der Mitglieder unter sich, versichert zu seyn; und da er mit Grund befürchten mußte, daß die wechselseitig übertragene Aufsicht des Einen auf den Andern, demselben nachtheilig seyn könne; so wird, seiner Verordnung gemäß, das Zeugnis der unbekannten Aufseher in keinem Falle kund, wo es sich bei dem Feste der Schäzung durch nachtheilige Folgen äussert. Bei dem Stamme der Obern, wo jeder den andern auf eine bekannte Weise umwacht, kann diese Vorsicht zwar nicht statt finden; allein der zuverlässige Karakter, der dieser Klasse beiwohnt, der nähere und grössere Einfluß des Regenten und der ersten Staatsbeamten auf die Mitglieder derselben, und die Strenge, mit welcher jedes unlautere Zeugniß geahndet wird, verbürgen, ohne jene Vorsicht, die Unparteilichkeit, die Eintracht, und die Reinheit ihrer geselligen Verhältnisse. Wobei ich nicht unberührt lassen darf, daß die Nachsicht, welche einem Mitglieder der untern Stämme zu gute kommen kann, bei dem Urtheil über das Betragen eines Obern nie statt finden darf: weil jede Gelindigkeit gegen einen einzelnen Mächtigen, eine empörende Ungerechtigkeit gegen Viele seyn würde.“ 

Da der Ollos den Gegenstand der Strafen berührte, so unterbrach ich ihn durch die aufgesparte Bemerkung: daß mich die Gleichförmigkeit derselben, ohne eine dem Verbrechen angemessene Abstufung, bei der Verurtheilung einiger Arramanden heut befremdet habe. 

„Jede gefährliche Verlezung der bürgerlichen Verhältnisse, sprach der Ollos, wird bei uns als ein Verbrechen gegen den Staat angesehen, und daher mit einerlei Strafe belegt. Wer in einem beschränkten, minder bedeutenden Verhältnisse, das wohl des Ganzen stört, der ist eben so strafbar als der, welcher auf einer höheren Stufe sich auffallender Verlezungen schuldig macht. Jeder kann in seinem Wirkungskreise dem Staat gefährlich werden; und die ohnmächtigere Folge des Verbrechens darf dem Verbrecher nie zu gute kommen. Wir betrachten den Staat als eine grosse Masse von Familien und Haushaltungen, und wir ziehen, bei unsern Strafgesezen, die Verlezung der vielen einzelnen Pflichten der Wichtigkeit ihrer Summe nach, in Betrachtung. Damit indeß dieser strenge Gesichtspunkt, keine ungerechten Aussprüche erzeugen möge, so lassen wir jeden Stamm den Ankläger und Richter seiner Verbrecher seyn, und nach der ihm eigenthümlichen Vorstellungsart das Maas des Unrechts, und die Gefahr des Verbrechens in Rüksicht seiner Verhältnisse beurtheilen. 

Ich nahm diese Erklärung für befriedigend an, um auf einen Gegenstand überzugehen, der mit dem Feste der Schäzung eigentlich nichts gemein hatte; und ersuchte den Ollos mich von dem wichtigen Gegenstand einer Staatsverfassung, nemlich von den Finanzverhältnissen seines Reichs zu unterrichten. 

„Ihr werdet euch wundern, erwiederte der Ollos, daß ich eure Neugier über diesen Punkt durch keine bestimmte Antwort befriedigen kann: die Bedürfnisse unsers Staats, und die Quellen zur Bestreitung derselben, sind, im allgemeinen betrachtet, so ungleich und zum Theil so zufällig, daß es mir unmöglich ist euch darüber eine Übersicht durch Zahlen zu verschaffen. Was den Reichthum des Staats überhaupt betrift – worunter ich hier nicht bloß die Masse des baaren Geldes verstehe – so ruht derselbe größtentheils in den Händen der Obern des Reichs, oder er verbreitet sich vielmehr, durch ihre Hände, zum Besten des Allgemeinen. Der Stamm der Obern und Nahen wird auf Unkosten des Staats unterhalten, und die Mitglieder desselben dürfen, als ein persönliches Eigenthum, weder etwas besizen noch erwerben: jedoch ist ihnen so viel zugestanden, daß sie auf eine auslangende Weise das Ansehen ihrer Verhältnisse aufrecht erhalten können. Das Mittel, wodurch die Obern des Reichs vermöge ihres Amtes zum Besiz der Staats-Reichthümer gelangen, und in dieser Rüksicht einer freien Herrschaft darüber versichert werden, bietet die euch schon bekannte Einrichtung dar: mittelst welcher alle Vortheile des grössern Handels dem Staat allein zu gute kommen. Die Quelle der öffentlichen Einnahme kann indeß, wie ihr selbst ermessen werdet, nicht anders als von einer sehr ungleichen Ergiebigkeit seyn. Die Grundregel, nach welcher wir bei unserer Finanzverwaltung zu Werke gehen, ist daher diese: die nothwendigen Bedürfnisse des Staats müssen bestimmt, und den sichern Quellen der öffentlichen Einkünfte so genau angemessen seyn, daß diese zur Bestreitung der erstern jederzeit zureichend befunden werden; und damit die Vermehrung der Staats-Einkünfte, welche der Zufall herbeiführt, weder durch kärgliches Aufsparen, noch durch willkührliche Verschwendung, nachtheilige Misverhältnisse erzeugen möge; so erschaffen und ersinnen wir ausserordentliche allgemeine Bedürfnisse, welche diese zufälligen Zuflüsse, auf eine zwekmäßige Weise, vertheilen. Wir suchen der producirenden Klasse unserer Mitbürger eine ihnen nothwendige Beschäftigung zu geben, ohne sie dadurch geradezu bereichern zu wollen; obwohl wir den Individuen derselben, gern ein beträchtliches mehr als das blosse Bedürfniß gönnen und zufliessen lassen. In einem ähnlichen Sinne betrachten wir auch die Vortheile des Handels, in Rüksicht auf den Staat, indem wir den Überfluß unserer Produkte am besten zu benuzen glauben, wenn wir dafür einen Zuwachs reeller Lebensbequemlichkeiten und Wohlthaten, auf dem nächsten Wege, erlangen, ohne das Mittel, welches diesen Zuwachs mit grösserem Wucher verschaffen könne, nemlich den Besitz des Geldes bei diesem Verkehr vorzüglich vor Augen zu haben; und hierin ist der Geist unserer Finanzverwaltung von dem Geiste der Kaufmannschaft am meisten unterschieden; da dieser bloß den Erwerb dieses gefährlichen Mittels, als das Resultat seiner Betriebsamkeit, beabsichtiget.“ 

Ich konnte mir von den Handels-Verbindungen der Arramanden, welche der Ollos für bekannt annahm, keinen rechten Begrif machen. Ich glaubte irgend eine Gemeinschaft mit andern Staaten dabei voraussezen zu müssen; und ich wuste doch aus Erfahrung, wie wenig sich die nächsten Nachbarn um diese Thalbewohner bekümmerten, und mit welcher Gleichgültigkeit über ihr Daseyn, man mich mit blossen Mährchen von ihnen unterhalten hatte. Ich erwähnte dieser Unwissenheit der Nachbarn, und ihrer fabelhaften widersprechenden Erzählungen gegen den Ollos, und bot ihm dadurch eine Veranlassung dar, mir das Geheimniß der Arramandischen Handlungs-Verbindungen zu enthüllen. 

„Der weise Mamru, sprach der Ollos, hat die Arramanden von den benachbarten Nazionen völlig zu trennen gesucht, um sie desto enger unter sich zu vereinigen; und da es ein wesentlicher Gegenstand unserer Staats-Klugheit ist, über diese Absonderung sorgfältig zu wachen; so befremdets mich nicht, wenn die unbefriedigte Neugier der Ausländer unsere Verborgenheit in ein nachtheiliges Licht stellt, und wir haben gewiss sehr viel dabei gewonnen, daß man unsern Zustand, daselbst von je her, so wenig kannte, und keiner Nachforschung werth achtete. Ich brauche euch die, zu unserer Verborgenheit, so vortheilhafte Lage des Thales Arr, das von einer steilen Felsenwand rings umgeben wird, nicht zu beschreiben, weil ihr die Grenzen dieses Reichs selbst unzugänglich fandet, und da bloß ein Wunder euch hieher zu versezen im Stande war. 

Damit ihr indeß nicht glauben mögt, daß wir auf eine ähnliche, übernatürliche Weise, unsere Handlungsgeschäfte treiben (die ihr mit dem abgesonderten Zustand der Arramanden nicht vereinigen könnt) so will ich euch die Maßregeln bekannt machen, welche wir dabei anwenden, und eure Neugier hierüber zu befriedigen suchen. 

Auf der nördlichen Seite unsers Reichs hat die Natur den Fuß des Gebirges getheilt, und einen Ausgang eröffnet, der in eine steinigte unbewohnbare Wüste führet. Diese Einöde wird alle drei Jahr von den Kravanen ausländischer Kaufleute besucht, welche mit einer benachbarten reichen Nazion in Verbindung stehen, und auf ihrem Wege die Grenzen unsers Reichs in jener offenen Gegend berühren müssen. Diese Karavanen nun bieten uns die Gelegenheit dar, mit andern Staaten einen mittelbaren Handel zu treiben, und uns, durch die dritte Hand, von dem, was uns überflüssig geworden ist, zu entledigen, und allerlei andere Bedürfnisse dagegen einzutauschen. Keine dieser Kravanen darf, bei Verlust ihrer Güter und ihrer Freiheit, das Gebiet der Arramanden betreten, und die Handelsgeschäfte mit ihnen, werden in der Nähe des erwähnten Ausgangs in die Wüste, ausserhalb unserer Grenze abgemacht. Ein verabredetes Signal kündigt ihre Ankunft daselbst an, worauf die Wächter am Ausgang, von diesen Karavanen, jedesmal sechs Frauen als Geiseln empfangen, welche eine halbe Tagereise voraus gesendet werden müssen, um für die redliche Absicht des gegebenen Signals Bürgschaft zu stellen. 

Der Ollos und einige Obere des Reichs besorgen, mit den Karavanen, die gewöhnlichen Handelsgeschäfte, und die dabei vorkommenden Handleistungen verrichten, Leute aus dem Stamm der Ungenanten. Man bedient sich derselben, weil ihr dunkler Gemüthszustand uns vor der Gefahr sicher stellt, durch unbedachtsam Plaudereien gegen diese Fremdlinge, unsern Nachbarn genauer bekannt zu werden. 

Die abentheuerlichen, und zum Theil nachtheiligen Erzählungen, welche ihr auf eurer Reise von dem Thale Arr, und seinen Bewohnern vernommen habt, beruhen also auf dem sehr natürlichen Grunde, daß man nach diesem abgesonderten und gleichsam von uns ausgestossenen Stamme, welcher jenen Ausländern zu Gesicht kommt, die übrigen Arramanden beurtheilt, und manchem fabelhaften Zusaze um so leichter Glauben beimißt. 

Ich benuze diese Gelegenheit, fuhr der Ollos fort, um euch einen Vorfall zu berichten, der vielleicht die entgegengesezten günstigeren Schilderungen, die jene Gerüchte durchkreuzen, veranlaßt haben mag, und den ich euch vorzüglich darum mittheile, weil er seiner Folgen halber für uns merkwürdig geworden ist. So sehr der weise Mamru, glich beim Antritt seiner Regierung, auf die Absonderung des Arramandischen Reichs bedacht nahm; so war es ihm doch nicht möglich, dieselbe mit einemmahl zu bewerkstelligen, und da der seltsame Despotismus seines Vorfahren, des Königs Urrha, die Neugier der Nachbarn mehr als ehedem aufmerksam gemacht hatte; so konnte er nicht verhüten, daß das Gerücht, auch über ihn und seine Einrichtungen, manches gute und böse bei den angrenzenden Nationen verbreitete. Diese mannigfaltigen Sagen brachten die Königin eines nahe gelegenen Reichs auf den Gedanken, sich durch eine abentheuerliche Unternehmung in das schon damahls verschlossene Gebiet der Arramanden eine Weg zu bahnen, und die Wachsamkeit derselben durch eine List zu täuschen. Orlida, so hieß diese Königin, war von der Vorsicht, den ankommenden Karavanen sechs Frauen als Geiseln abzufordern, unterrichtet worden, und sie benutze diesen Gebrauch zur Ausführung ihres Vorhabens. Da sie dabei auf keine Eroberungen ausgieng, sondern bloß ihre Neugier befriedigen wollte, so bedurfte es keiner kriegerischen Zurüstungen dazu, und sie war dreist genug, sich nicht einmahl den Schuz irgend eines bewaffneten Hinterhalts dabei zu versichern. Ungefähr um die Zeit, wo man die Ankunft der reisenden Kaufleute erwarten konnte, erschien Orlida an einem Abend, nebst fünf andern Frauen, wozu sie die schönsten von ihrem Hof ausgewählt hatte, in der Kleidung jener Ausländer vor der Pforte des Ausganges, der in die nördliche Wüste führt, und überlieferte sich nebst ihren Begleiterinnen, den Wächtern am Thor, um für die nachfolgende Karavane die gewöhnliche Bürgschaft zu leisten. Man wollte dem Herkommen gemäß diese Geiseln in die Hauptstadt der nördlichen Provinz bringen, die von dem Paß, durch den sie eingelassen wurden, nicht weit entfernt war, und in welcher der Ollos nebst einigen Obern des Reichs sich bereits aufhielt, um die Handelsgeschäfte, welche in diesen Zeitpunkt fielen, ohne Verzug abmachen zu können. Die Königin ließ sich anfangs ganz bereitwillig finden, dieser Einrichtung ein Genüge zu leisten; da sie aber hörte daß die Reise mit verbundenen Augen und unter einer starken Aufsicht geschehen müsse, und daß ihr und ihren Gefährtinnen von dem Innern des Landes durchaus nichts bekannt werden dürfe; so schüzte sie eine plözliche Unpäßlichkeit vor, und bat den Obern der Wächter, daß er sie für ihre Person mit dieser Reise verschonen, und bloß die übrigen Frauen als Geiseln in die Hauptstadt der Provinz absenden möchte; Orlida fügte zu dieser Bitte das freiwillige Anerbieten hinzu, daß man sie bis zum nächsten Morgen, wo die Karavane eintreffen würde, als eine Gefangene behandeln, und auf das strengste bewahren solle. Sie ließ dabei nicht undeutlich merken, daß sie nichts dagegen haben würde, wenn dieser Offizier, zu seiner desto grösseren Sicherheit, die Aufsicht auf ihre Person selbst übernehmen wolle, indem sie sich berechtigt glaube, den Schein einer kleinen Unschiklichkeit, seiner Pflicht und der Pünktlichkeit des Gesezes halber, unter diesen Umständen auf sich laden zu dürfen. Der Obere der Wächter maß zwar der vorgespiegelten Krankheit der Königin wenig Glauben bei, allein die arglistige Orlida täuschte ihn auf eine andere Weise in den Erwartungen, die sein Leichtsinn aus ihrem etwas zweideutigen Anerbieten zu ahnen glaubte. Er gab der Bitte der Königin Gehör, und nahm die vorgeschüzte Krankheit zum Vorwand an, um ihr seine eigene Wohnung, wo sie alle Bequemlichkeiten haben könne, zum Aufenthalt anzubieten. Orlida folgte ihm, nach einem geringen Widerstand, dahin, und nachdem sie sich von einer scheinbaren Ohnmacht erholt hatte, wodurch sie, bei dem Zauber einer seltenen Schönheit, ihrem Wächter noch gefährlicher wurde; so begehrte sie zu ihrer Erholung eine Schale mit Wein von ihm, sie trank nur wenig davon, und ersuchte den Überbringer, diese Schale auf ihre Gesundheit vollends zu leeren. Der Obere der Wächter gehorchte ohne den mindesten Argwohn, er nahm diese Tändelei für das Zeichen einer ihm günstigen Vertraulichkeit an, und die schlaue Orlida suchte ihn in diesem Wahn durch allerley Gespräche noch mehr zu bestärken. 

Die schöne Gefangene begehrte hierauf, zur Erholung von den Beschwerlichkeiten der Reise, einige Stunden ungestöhrt schlafen zu können. Dieser Wunsch war so natürlich, daß ihr Aufseher sich demselben nicht widersezen durfte; er weiß der Königin ein wohleingerichtetes Schlafzimmer an, und begab sich in das nächste Vorgemach, und harrte, in sorgloser Zuversicht, auf den Augenblik, wo das Bedürfniß der Ruhe ihrer Seits befriedigt seyn würde. Er selbst hatte keine Ahnung davon, daß eben dies Bedürfniß ihn selbst ganz unerwartet überraschen würde, und daß der Schlaf seiner Gefangenen, den er zu belauschen glaubte, gerade der Zeitpunkt sey, wo ihre List über seinen Leichtsinn und seine Leichtgläubigkeit den Meister spielen sollte. Der Wein, welchen Orlida ihrem Wächter dargereicht hatte, war mit einem Schlaftrunk gemischt, und sobald sie der Wirkung dieses zauberartigen Mittels versichert war, so schlich sie aus ihrem Zimmer heraus, beraubte den Obern der Wächter seiner Kleider und Waffen, und entfloh, mit dieser Beute beladen, zugleich seiner Aufsicht und seinen Nachstellungen. Die Nacht war der Flucht der Königin günstig, und mittelst der sich zugeeigneten Kleidung entgieng sie der Aufmerksamkeit der zahlreichen Wächter an verschiedenen Pässen so glüklich, daß sie sich vor Tages Anbruch in vollkommener Freiheit befand. Orlida hielt es nunmehr für rathsam, die entlehnte Tracht, gegen eine andere, minder auffallende, zu vertauschen, und der Zufall bot ihr dazu bald eine Gelegenheit dar. Zwey Männer aus dem Stamm der Ungenannten folgten einem Transport Waaren, die in die Hauptstadt der Provinz geschaft wurden; sie forderte einem derselben seine schwarze Hülle gegen eine reichliche Bezahlung ab, und erhielt sie ohne Weigerung. Die Königin kleidete sich darein, und glaubte sich unter dieser Mummerey so sicher, daß sie nun keine Seitenwege mehr einschlug, sondern auf offener Strasse der Hauptstadt des Reichs zueilte. Diese Wanderschaft gieng eine geraume Zeitlang nach Wunsch von statten, und das Gewand einer ausgestossenen Klasse, um die man sich wenig zu bekümmern pflegte, schüzte das Incognito der Königin. Ihre Ankunft in dem Reich der Arramanden, und die List, durch welche sie ihrem Aufseher entkommen war, hatte indeß nicht lange ein Geheimniß bleiben können; weil die als Geiseln festgehaltenen Frauen den Anschlag ihrer Gebieterin bekannten, und der Obere der Wächter, unter Erzählung des ganzen Vorfalls, sich selbst bereits als schuldig angeklagt hatte. Man wußte daher sehr bald, daß die Königin Orlida sich, unter irgend einer Gestalt, in dem Reiche der Arramanden aufhalten müsse, und bloß die Vermuthung, sie in der mit sich genommenen Kleidung ausfindig zu machen, konnte ihre wirkliche Entdeckung eine Zeitlang verzögern. Dieser Irrthum offenbarte sich indeß in wenigen Tagen: denn der Zufall führte einen der ausgeschikten Kundschafter gerade an den Ort, wo Orlida den Anzug und die Waffen ihres Wächters, bei dem Wechsel ihrer Kleider, verstekt hatte, und dieser eilte mit einer so bedeutenden Entdekung sogleich zu dem Ollos. Auf die Nachricht von diesem Fund veranstaltete man eine Nachforschung unter allen Stämmen; und Orlida wurde, so sehr sie sich zu entstellen versucht hatte, erkannt, und als eine Staatsverbrecherin in Verhaft genommen. Der Ollos ließ hierauf die Ersten des Reichs zu einer geheimen Berathschlagung zu sich berufen, welche über das Schiksal der Königin und ihrer Gefährtinnen entscheiden sollte. Was die letzern anlangte, so fielen die Stimmen des versammelten Rathes fast alle dahin aus, daß man diese fünf Frauen, welche, ohne sich einer gefährlichen Neugier schuldig zu machen, bloß ihrer Fürstin gefolgt wären, unter der, bei andern Geiseln üblichen Vorsicht, wieder aus dem Reich entfernen könne; allein in Ansehung der Königin hielt man eine ähnliche Gelindigkeit für bedenklich; man bezweifelte die Versicherung, daß ihre Reise keinen bedeutenden Endzwek gehabt habe, man erwog die Möglichkeit, daß sie einer beleidigten Eitelkeit halber einst Rache nehmen werde, und fürchtete mit Recht, daß Olida, auf ihrer Wanderschaft, von dem Zustand der Arramanden genauer unterrichtet worden sey, als es einem Fremden gezieme. Alle diese Besorgnisse wurden in Überlegung gezogen, und nachdem man die einzelnen Aussprüche, welche der Ollos schriftlich empfieng, eingesammelt hatte, so ergab sich daraus: daß ein einziger Richter die Königin Orlida zum Tod verurtheilte, die andern aber hielten diese Strafe für zu hart, und verlangten bloß, daß sie, zur Sicherheit der Arramanden, eine lebenslange Staatsgefangenschaft erdulden müsse. Keinem in dieser Versammlung war sein Amt dismal so schwer geworden, als dem Oberhaupte derselben, nemlich dem Ollos Mamru, denn er hielt es seiner Weisheit nicht unanständig, das Schiksal der schönen Orlida sehr nahe an seinem Herzen zu haben. So gern er sie ganz frei gesprochen hätte so gab er doch seiner Pflicht und der Sorge für den Staat ein überwiegendes Gehör, und konnte nicht umhin, den Ausspruch der meisten Stimmen, selbst für gerecht anzusehen, und denselben, dem Herkommen gemäß, durch seine Unterschrift zu bestätigen. 

Der Ollos Mamru war indeß nicht der einzige, welcher seine Theilnahme an der unglüklichen Orlida der allgemeinen Wohlfahrt aufopferte; noch mancher ihrer Richter nährten insgeheim dieselben Gefühle, und hatten sie mit gleicher Mühe bekämpfen müssen. Diese milde Stimmung der Gemüther erzeuget den allgemeinen Wunsch, das Loos, der Königin auf alle Weise zu erleichtern, und einige ihrer Richter verfielen daher auf den Gedanken, daß der Wundertrank des Arztes Astur ein bewährtes und wohlthätiges Mittel seyn würde, der gefangenen Königin den Verlust ihrer Freiheit für immer vergessen zu machen. Dieser Vorschlag fand anfangs wenig Beifall, und die meisten glaubten ihn darum verwerfen zu müssen, weil er, seiner gutgemeinten Absicht ohngeachtet, etwas erniedrigendes mit sich führe; allein dem Ollos Mamru schien er sehr willkommen zu seyn, und er erklärte sich so beredt und so entschieden dafür, daß man seiner Meinung beitrat, und die Anwendung des vorgeschlagenen Mittels genehmigte. Um der schönen Staatsgefangenen jeden widrigen Eindruk zu ersparen, wollte man ihr weder von dem gesprochenen Urtheil, noch von ihrem künftigen Zustande etwas ahnen lassen; und man bemühte sich daher, sie in den Wahn zu versezen, daß sie gleich ihren Gefährtinnen, die Freiheit wieder erlangen würde. Statt der Wache, welche ihre Person umgab, erschien ein anständiges Gefolg von Hofleuten, die ihr mit ausgezeichneter Ehrerbietung begegneten, und bald darauf begab sich der Ollos selbst zu ihr, um sie zu einer Festlichkeit in seinem Pallast einzuladen. Orlida fand diese plözliche Veränderung eben nicht auffallend, sie glaube, daß man ihrem Stand und ihrem Geschlecht eine solche Begegnung schuldig sey, und folgte der Einladung des Ollos, ohne sich im mindesten etwas arges dabei zu versehen. Die Ersten des Reichs, welche die Königin verurtheilt hatten, befanden sich zu ihrem Empfang in dem Pallast versammelt; man hatte für allerlei Ergözlichkeiten gesorgt, um das Zwangvolle eines solchen Besuchs zu erleichtern, und jeder Erklärung über das Vergangene auf eine geschickte Weise dadurch vorzubeugen. Orlida überließ sich den schmeichelnden Eindrüken des gegenwärtigen Augenblikes mit unbefangener Fröhlichkeit, und diese glükliche Stimmung machte es dem Ollos um so leichter, die Gesellschaft zu einer feierlichen Bewillkommung der Königin aufzumuntern; er trank, unter dem Schall rauschender Instrumente, auf ihre Gesundheit, und gebot den übrigen, seinem Beispiele zu folgen. Orlida glaubte sich verpflichtet, diese Höflichkeit ihrer Seits erwiedern zu müssen; sie forderte eine Schaale mit Wein, und man reichte ihr den Zaubertrank, in welchem sie sich, zur Vergessenheit ihrer selbst, berauschen sollte. 

Ehe ihre Lippen den Rand des gefüllten Gefässes berührten, gelobte sie dem Fürsten der Arramanden und seinem Volke, eine ewige Freundschaft, und betheuerte dabei, daß der Abschied aus diesem glüklcihen Thal der schmerzlichste Augenblik ihres Lebens sey. Hierauf leerte sie die Schaale, und sobald dies geschehen war, sank sie, wie von der Übermacht einer Begeisterung besiegt, in einen gedankenvollen Zustand, der sie eine Zeitlang sprachlos machte; doch ihr Auge, und jeder Zug ihres Gesichts verklärte sich dabei zu einem überirrdischen Ausdruk von Ruhe und Heiterkeit. Alle Anwesende, welche die vertraulichen Worte der Königin noch mit Rührung erfüllten, staunten diese unerwartete Erscheinung an, und überzeugten sich, da sie die Ohnmacht des Zaubertranks durch die ganz entgegengesezten Wirkungen kannten, daß Orlida keine gewöhnliche Sterbliche, sondern ein Wesen höherer Art seyn müsse. 

Der Ollos Mamru war der einzige in dieser Versammlung, welcher über diesen Vorfall ein sichtbares Erstaunen äusserte; er schien alles als ein vorhergesehenes Ereigniß aufzunehmen, und es ist nie offenbar geworden, ob der Wunderthater Astur ihn von der wohlthätigen Wirkung seines Mittels, im Fall eine Frau es versuchen würde, unterrichtet hatte, oder ob er dieselbe aus dem Verbot des Magus blos zu ahnen glaubte. Die Einflüsse des Zaubertranks, welche sich über Orlidas Seele während ihrer stillen Begeisterung verbreiteten, erhöheten auch ihre körperlichen Reize, und ertheilten denselben das Gepräge der reinsten erhabensten Vollendung. Man betrachtete ihre Schönheit mit Ehrfurcht, und dies Gefühl verscheuchte jede Regung, die ihr veredeltes Wesen entweihet hätte. Der Ollos Mamru war der erste, der sich ihr näherte, und sie anzureden wagte. Er machte sie ihrer wohlwollenden Äusserung gegen ihn und sein Volk wieder eingedenk; er bat sie, ihre segenvolle Gegenwart den Arramanden für immer zu schenken; und erbot sich, die Herrschaft seines Reichs in ihre Hände zu legen. Orlida nahm dieses Anerbieten nur zum Theil an: sie entsagte dem angetragenen Throne, so wie der Regierung ihrer eigenen Staaten, und wählte die Würde einer Oberpriesterin in dem Reich der Arramanden, wozu sie sich auf eine so übernatürliche Weise berufen fühlte. 

Der Ollos endigte hier seine Erzählung, und entließ mich bis auf den nächsten Tag, wo das Fest der Veredelung, oder der Triumpf der Frauen gefeiert wurde; welches mich mit den Folgen der mitgetheilten Geschichte bald genauer bekannt machte.

(Die Fortsezung folgt.)

 

<   >