Friedrich SchillerFriedrich Schiller

Die Horen 12/1797

 

I. 

Die Kapelle im Walde. 

Idylle 

Schon erhebt sich die Sonne, und röthet die Wipfel der Tanne
Auf dem einsamen Fels, der tiefe Klüfte beschattet.
Tief zerfliesset im Thal der Nebel in leichten Gestalten,
Schleicht an der Felswand hin, und entflieht der nahenden Sonne.
An dem Fuße des Bergs im fernen Kloster ertönet
Früh der Mette Gesang, der frommen heiligen Brüder,
Die den Tag mit Gebet in geistiger Ruhe beginnen.
An der halb ofnen Thür der schön geschmükten Kapelle
Knieet lauschend der Hirt und horcht dem hohen Gesange,
Seine Schaafe suchen indeß die bethaueten Halme
Hohen Grases, das nicht geschäftige Tritte zerstöret.
Leiser lispelt die Luft in der hohen Linde beim Eingang,
Die der frühere Strahl der Sonne prächtig vergoldet. 

Noch im Schlummer, doch halb die blauen Augen geöfnet
Höret auch Anna den Ton der fernen Gloke verhallen,
Die zum frühen Gebet die frommen Seelen erweket.
Eilend raft sie sich auf vom reichen zierlichen Lager,
Öfnet leise den Laden des kleinen kühlen Gemaches,
Suchend spähet der Blik in die breite geebnete Straße
Ob von ferne sie nicht die Gestalt des Geliebten erblike:
Denn ihr hatte versprochen der Jüngling frühe zu kommen
Arm in Arm mit ihr zu wandeln zum Bilde der Jungfrau,
Das im schattigen Wald sich schön vom Hügel erhebet.
Nah am Eingang des Hauses da pflegte zu warten der Jüngling.
Denn noch öfnet sich nicht für ihn die Thür der Geliebten,
Fremd noch ist er der Mutter und seines Herzens Gesinnung. 

Ängstlich suchet der Blik des Mädchens, das leiseste Rauschen
Täuscht das liebende Herz, bald wehet der Wind in den Pappeln,
die an der Pforte des Thors hoch stehen in Reihen geordnet,
Oder die Tropfen des Thaus entfallen dem üppigen Weinlaub,
Das ihr Fenster umkränzt; o warum weilst du Geliebter!
Nun in banger Erwartung beginnt sie den einfachen Anpuz.
Ordnet die glänzenden Loken mit farbigen Bändern durchflochten,
Lange Flechten verbinden die Haare, und lieblich geschlungen
Fallen sie um den Naken, der weiß und glänzend erscheinet.
Um sich hüllt sie ein leichtes Gewand mit Blumen durchwebet,
Nicht vergißt sie, nachdem der einfache Puz nun vollendet,
Einen Blik in den Spiegel, sich über sich selber erfreuend.
An der Mutter Gemach schleicht leise die Tochter vorüber,
Fürchtend sie zu erweken, und öfnet leise die Thüre,
Schleicht hinab in den räumigen Hof, und harret am Eingang.
Schmeichelnd nahet sich ihr der treue wachsame Hofhund
Doch sie bedräuet ihn, da kriecht er winselnd zurüke.
Endlich erblikt sie von fern die Gestalt des nahenden Jünglings.
Eilend kommt er zu ihr, es wallen die bräunlichen Loken
Von dem Hauche des Morgens durchwehet um Naken und Schultern.
Blumen reicht er, vom Thau erfrischte, dem lieblichen Mädchen,
Immer pflegen sie beide die Blumenkrüge zu füllen
Die auf den kleinen Altar in der Waldkapelle gestellt sind. 

Nicht mehr weilten sie nun, und giengen eilig die Straße,
Fürchtend es könnte von fern sie ein Bekannter erbliken.
Aber als nun die Buchen sich über sie freier schon wölben,
Und der Hügel sie birgt, beginnen vertraut die Gespräche.
Warum zögertest du, dein harrt ich voll bänglicher Sorge?
Eben du hieltest mich fest, du lieblich freundliches Mädchen,
Ach ein glüklicher Traum von dir, du Geliebte er hielt mich,
Hielt die Sinne gewaltig, ich fürchtete zu erwachen.
Möchte deuten auf Glük des Traumes liebliche Täuschung!
Ja so seid ihr, ihr Männer, ihr lebt nur dem flüchtigen Eindruk,
Sey es Traum, oder wahr, wenns nur die Seele beweget.
Für ein luftiges Bild kannst du die Wirklichkeit opfern,
Denn wohl weißt du es, Lieber, daß mir kostbar die Zeit ist.
Fürchten muß ich ja immer, daß früh die Mutter erwache,
Fürchten wenn sie mich sieht, sie wolle selbst mich begleiten.
Zwar ich ordne ihr klug am Abend die Arbeit des Morgens,
Daß die Sorge fürs Haus zu frühe nicht sie erweket.
Oft schon bat ich sie: Mutter, o laß mir doch die Geschäfte,
Du ermüdest dich sehr, ich habe ja Kraft und den Willen,
Freue der Ruhe dich auch am Morgen und stärke die Glieder.
Gerne will ich ja sorgen und klug die Geschäfte vertheilen,
Daß ein jegliches weiß womit man beginne das Tagwerk.
Aber traurig und klagend erwiedert immer die Mutter,
Glaubst du Anna, daß nur die Sorge so frühe mich weke,
Oder es treibe mich nur, dieß Tagesgeschäft zu beginnen?
Ließ mich ruhen mein Herz, und die alles verzehrende Sehnsucht
Nach dem Gatten, der ach so viele Jahre schon fern ist!
Den ein heiliger Wahn so lang von der Heimath entfernte,
Ablaß wollt er sich hohlen vom Stuhle des heiligen Vaters,
Seine Schuld zu versöhnen, ach niemals hat er gesündigt!
Edel und fromm ist sein Sinn, und wollte immer das Beste.
Fühlt’ er quälend wie ich, die Schmerzen der nagenden Sehnsucht,
Stacheln würd ihn sein Herz, zu den seinen wiederzukehren.
Du auch Anna vermehrest mir peinlich die Wunde des Herzens,
Da sich mit jeglichem Tag die reifende Bildung entfaltet.
Früh fühlt Liebe das Mädchen, und schwer ist's dem Herzen gebieten.
Bald wirst du finden den Jüngling, der deine Treue verdiene.
Doch ich fürchte zu wählen für dich den künftigen Gatten,
Ohne den Willen des Vaters, wie könnt ich Segen ertheilen?
Bebend horch ich ihr zu, und fürchte stets zu verrathen,
Was das Herz mir bewegt, und daß ich längst schon gewählet,
Käme der Vater zurük, wie glüklich wären wir alle!
Heimlich dürft ich nicht mehr mit dir im Walde hier wandeln,
Und dann giengen wir beide zum Bilde der heiligen Jungfrau,
Dürfte dem Vater dich zeigen, der froh getrösteten Mutter.
Tadeln könnten sie nicht, daß dich die Tochter gewählet. 

Aber erschroken blikt sie umher. Ich höre dort rauschen,
Dort im Haselgesträuch, was ist es, sage mirs Lieber!
Täusche nicht Liebste dein Ohr, es war das Flattern des Vogels,
Aufgeschreket von uns fährt scheu er aus dem Gebüsche.
Bleibet ruhig ihr kleinen, ihr schön gefiederten Sänger,
Feindlich kommen wir nicht, wir suchen nur Frieden und Stille.
Immer noch rauscht’ es fort, und Anna schaute voll Angst um.
Sage mir Lieber was ists, mich schreket jedes Getöse.
Ach wenn sie käme die Mutter, und fände dich mich begleitend,
Zürnen würde sie bitter, doch schmerzlich würd es sie kränken.
Ich vernehme kein Rauschen, als dort im trokenen Laube,
Das den Buchen entfiel, als der Herbst die Blätter entfärbte.
Furchtsam seid ihr, ihr Frauen, so möcht ich nun mich beklagen,
Uns liegt Muth in der Seele, wenn auch wir die Kräfte nicht üben.
Ängstlich würd ich erbliken von fern die kommende Mutter,
Aber wäre sie nah, ich würd’ ihr herzhaft begegnen.
Sprechen würd ich, o Mutter verzeih und Liebenden willig,
Möchtest du auch der Tochter ein hartes Schiksal bereiten?
Soll sie frühe schon lernen, zu fühlen die Sehnsucht der Liebe,
Die dein Leben dir nun so trüb und freudlos verdunkelt.
Trenn uns Liebende nicht, und segne des Herzens Verbindung.
Siehe so würd ich sprechen, wie mir mein Herz es gebietet,
Denn ich lernete nicht, die Worte künstlich zu fügen,
Wenig kenn ich die Kunst der Schmeicheley und der Rede,
Im Gedränge der Welt hat nie mein Fuß sich verirret,
Frühe ward ich belehrt zu handeln mehr als zu sprechen,
Oftmahls sagte mein Bruder, den ich als Vater verehrte,
Der die Tage der Kindheit mich sorgsam und zärtlich geleitet.
Manches hat er erfahren, und viel im Leben erduldet,
Darum floh er die Welt und barg sich ins friedliche Kloster.
Als der Vater nun starb ward er mein treuer Beschüzer
Und ich lebte bei ihm die Tage der fröhlichen Kindheit.
O dann sagte er mir oft: dich bild ich nicht für die Welt aus,
Unbefangen und rein geh durch dein künftiges Leben.
Nicht die verwikelten Händel der Welt und ihre Geschäfte
Sollst du kennen, du sollst sie aus weiter Ferne nur schauen.
Aber damit dir nicht fremd der Menschen Thun und Beginnen,
Lern aus Thaten sie kennen und ihrer frühen Geschichte,
Immer gleich ist der Mensch, und sein Beginnen sich ähnlich.
Folgt er dem grösseren Zwek, so dünkt uns, er selber sey Ursach,
Ihn beherrsche der eigene Geist, doch es ist nur der Zufall,
Nimmer weiß er, warum durch ihn das Grosse geschehen,
Oder das Kleine, er folgt dem Augenblik und der Neigung. 

Solche Gesinnungen suchte mir früh der Bruder zu geben,
Anders wurden sie nicht, da ich das Kloster verlassen,
Da ich handeln nun mußte im regen geschäftigen Leben.
Einfach blieb zwar der Kreis der Dinge, die mich umgaben,
Aber das Herz macht sich groß und klein die Welt und die Dinge. 

Aber nun haben sie endlich den grünenden Hügel erstiegen,
Sind nun bei der Kapelle, die einsam im Wald sich erhebet.
Vor dem Eingang stehn vier Säulen in Reihen geordnet,
Und ein flacheres Dach, wie nicht gewöhnlich zu schauen,
Schliesset das Ganze, und frey erhebt sich die wölbende Deke.
Über dem kleinen Altar, in einer Blende gestellet
Schimmert in Stein gehauen, das Bild der heiligen Jungfrau,
An der Brust das Kind, und segnend blikt sie hernieder.
Staunend sehen die Beiden, als jetzt der Thüre sie nahen,
Halb sie geöfnet, es kniet ein Wandrer betend am Altar.
Und als Anna sich naht, die Blumenkrüge zu schmüken,
Sinkt ihr bebend die Hand: da prangen köstliche Blumen!
Eine Krone von Gold, erblikt sie am Haupte der Jungfrau.
An dem Fuß des Altars da knieen die Liebenden nieder. 

Jezt erhob sich der Pilger mit heiligem Ernst im Gesichte,
Hebt die gefalteten Händ’ und rufet laut und mit Inbrunst:
Diese Krone gelobt’ ich dir, du heilige Jungfrau,
Da ich sorgenvoll oft nach meiner Heimath mich sehnte,
Als in den Händen der Räuber ich landet’ an Afrikas Küste,
Die mich gewaltsam entführt von Napels freundlichem Ufer.
Aber dir ists bekannt, du warest mein Schuz auf dem Meere,
Zeigtest in Träumen mir oft die sehnlich erflehete Heimath,
Du versprachst dem Gefangnen die Freiheit und glükliche Rükkunft.
Siehe nun bin ich bey dir, mich fanden frühe die Strahlen
Der belebenden Sonn’ am Fusse des grünenden Hügels.
Eher kannt’ ich nicht Rast, bis ich fromm dir wieder genahet,
Meine Gelübd’ erfüllend. Nun sich zu den Horchenden wendend:
Du o freundliches Mädchen und wohlgebildeter Jüngling!
Ihr seid Zeugen, wie ich die himmlische Mutter verehre. 

Und sie horchten ihm zu mit stillem Antheil und Beifall.
Näher kam ihm der Jüngling und sagte die freundlichen Worte:
Nicht vergeß ich der Stunde, der Rührung des frommen Gemüthes
Deren ich Zeug jezt war, und wünsche dir glükliche Rükkehr
Zu den Deinen, die wohl mit Schmerz auf den Augenblik harren
Wo du wieder dich nahst, die Gattin, die zärtlichen Kinder.
Sey dir gesegnet die Rükkehr zu den dich liebenden Deinen,
Sagte das Mädchen, und Thränen entfielen den blühenden Wangen.
Wenn ich die Freuden mir denke, die deiner im Schooße der Heimath
Harren, so reget sich mir im Herzen schmerzliche Sehnsucht,
Denn auch ich entbehre schon viele Jahre den Vater.
Aber der Pilger beugt zur Erde sein glühendes Antliz
Sinkt noch einmal gerührt hin an die Stufen des Altars. 

Als die Liebenden noch sich Segen erflehten vom Himmel
That auch die Mutter ein gleiches, in stiller traulicher Kammer.
Aber ihr leuchtete nicht der Tag zu fröhlichen Stunden,
Weinend begrüßt sie die Sonn’, und die freundlich lachende Erde,
Traurigen Sinns, fühlt sich aufs neue verlassen und einsam
Denn lebendig erschien in ihrem Herzen die Stunde,
Eben war es der Tag, an dem der Gatte vor Jahren
Sie zum leztenmal umarmt, und von ihr geschieden,
Menschen konnten nicht heilen die nagenden Schmerzen der Sehnsucht,
Und ihr traurender Sinn sucht bey den Himmlischen Hülfe.
Dieses schien ihr das Beste. Zur heiligen Jungfrau im Walde
Will sie flüchten und beten und Thränen weinen dem Gatten,
Und sie eilet vorbey an der Tochter stillem Gemache,
Kurz nur weilet sie da, sie findet verschlossen die Thüre,
Und sie wähnet, daß noch im Schlummer liege das Mädchen.
Ruhe sanft noch Geliebte, du kannst noch sorgenlos ruhen,
Keine Schmerzen der Sehnsucht verhüllen die lieblichen Bilder
Rein und frey ist dein Herz, du kennst nicht die Sorgen der Liebe.
So spricht leise die Mutter, und wandelt mit hastigen Schritten
Aus der Wohnung, und irrt durch die liebliche Gegend mit Eile.
Nicht nach der lachenden Flur, nicht nach dem Dunkel des Waldes
Siehet ihr Auge. Sie wandelt im innersten Herzen beweget,
Senket den weinenden Blik. Bald ist sie an heiliger Stätte,
Neben dem Pilger kniet sie schnell auf die Stufen des Altars.
Höher klopft ihr die Brust als unwillkührlich das Auge
Nach dem Pilger sich dreht, ihr entfallen die traurigen Worte:
Ach was ists, ruft sie aus, so muß ich überall finden
Dieses Bild, das mit Schmerz die Seele mir immer erfüllet!
Stets nur lebt er in mir, ich seh ihn in allen Gestalten,
Und der traurende Sinn bereitet sich täuschende Hofnung.
Aber sie fühlt sich plözlich von festen Armen umschlungen,
Und es drükt sie ans schlagende Herz der Pilger mit Innbrunst.
Und mit stillem Gemüth lag die weinende Gattin am Herzen
Ihres Geliebten, nicht mehr entflossen, ihr Thränen des Kummers,
Finden konnte sie nicht die Worte, ihr Glük zu bezeichnen,
Aber es glänzte ihr Aug von himmlischem Glük und Gefühlen.
Sanfte Röthe ergoß sich auf die verbleichete Wange
Jede Erinnrung verschwand es lang genähreten Kummers.
Und der Gatte sieht ihr mit stiller Rührung ins Auge.
Wäre Anna auch hier! so ruft die glükliche Mutter. 

Ach, nun konnte nicht länger sie harren mehr in der Stille,
Und sie sank in den Arm der Mutter, und sagte: da ist sie!
Freudig umfaßte nun auch der Vater die liebliche Tochter,
Auch der Jüngling naht sich mit bebendem Herzen den Eltern.
Aber der Pilger sprach zum Jüngling die tröstenden Worte:
Komm und nahe getrost, du Sohn des redlichen Freundes!
Den ich lange geliebt, der treu mir im Leben gerathen.
Und zu der Mutter wandt er sich jezt, die, zweifelnden Blikes,
Stand im Herzen erwägend, ob sie der Tochter nicht zürne.
Hätte dein Herz es vernommen, wie treu die Tochter dich liebet,
Wie sie der Neigung Gewalt im kindlichen Herzen bekämpfte,
Zürnen würdest du nicht, und gern die Wünsche gewähren,
Die die Herzen der Beiden, die reinen Seelen bewegen.
Ich vernahm Euch Geliebte, im Schatten der dunkelen Buchen,
Hörte das traute Gespräch und vernahm die Stimme des Herzens.
O wie schlug mir das Herz, dem geliebten Kinde so nahe
Mich verbergen zu müssen, denn schweigend mußt ichs verschliessen,
Bis ich erfüllt die Gelübde, die meine Seele gelobet.
Als ich betend noch am Altare kniete, da kam mir
Der Gedank in die Seele, zu dir, o Gattin, zu eilen,
Alles dir zu entdeken, und dich um Schonung zu flehen.
Denn ihr traulich Gespräch enthüllte die heilige Unschuld
Ihrer Herzen, und gerne geb ich den Segen des Vaters.
Auch nach kurzem Besinnen naht sich die Mutter den Beiden,
Kommt und nahet euch frey, die glükliche mag euch nicht zürnen!
Schließt sie zärtlich aus Herz und flehet Segen vom Himmel
Auf der Liebenden Haupt und ihrer Herzen Verbindung.
Und getröstet nahen die Glüklichen jezt sich der Wohnung.
Fester fasset der Jüngling die Hand der zärtlich geliebten,
Fürchtend noch immer, es täusch’ ein schmeichelnder Traum ihm die Sinne,
Da er heimisch sich nun in diesen Wänden erblikte,
Die er lange von fern mit sehnenden Bliken begrüsset.

 

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