Friedrich SchillerFriedrich Schiller

Die Horen 12/1797

 

III. 

Die Feste der Arramanden. 

(Beschluß.) 

Das Fest der Veredelung, oder der Triumpf der Frauen. 

Dies Fest, welches erst am nächsten Abend seinen Anfang nahm, kündigte sich durch eine feierliche Stille an, die den Tag über in der Stadt Ballpa herrschte. 

Eine prächtige Erleuchtung, welche, als die Sonne untergegangen war, den Plaz vor dem Pallast des Ollos, die Hauptstraßen, und die Kuppel eines nahe gelegenen Tempels, mit Zauberartiger Geschwindigkeit, erhellte; machte mir den Einbruch der Nacht kaum bemerkbar, und dies reizende Schauspiel war die erste Vorbereitung zu der nahen Festlichkeit. 

Es erschien hierauf ein Chor von zwölf Frauen, die in der rechten Hand eine goldene Schale, und in der linken eine Fakel trugen; sie näherten sich dem Pallast, um den Fürsten der Arramanden, von da aus, nach dem Tempel zu begleiten. Die obern Staatsbeamte folgten demselben, und ich durfte auch hier den ersten Plaz in seinem Gefolge einnehmen. 

Der Fürst der Arramanden erschien bei diesem Fest in einem ausgezeichneten Schmuk: er trug ein Gewand von Silberstof, über welches ein himmelblauer reichgestikter Talar herabwallte, den ein mit Edelsteinen besezter Gürtel umfieng, und auf seinem Haupt ruhte ein glänzendes Diadem, in Gestalt eines strahlenden Sonnenbildes. Die Staatsbeamten in seinem Gefolge, waren ebenfalls prächtiger als in den vorigen Tagen angethan: sie hatten nemlich, ausser der Kleidung die ihrem Stamme zukam, purpurne Mäntel, die, durch zierliche Spangen auf den Schultern bevestiget, in einem Saum von goldenen Franzen endeten. 

Der Tempel wohin sich der Ollos nebst den übrigen begab, bestand aus einer grosen kühngewölbten Kuppel, die auf zwei Reihen marmorner Säulen ruhte. Dies Hauptgebäude wurde von vier ähnlichen, von minderer Gröse, umgeben, welche die Vorhallen des Innern darstellten, und zugleich vier Eingänge dahin eröfneten. 

Diese kleineren Tempel waren den Abgeordneten aus den vier Stämmen der Arramanden zum Aufenthalt angewiesen, welche sich daselbst versammelt hatten; in dem mittleren Hauptgebäude aber befand sich die Oberpriesterin des Reichs, nebst zwölf andern Priesterinnen, welche den Ollos und seine Begleiter an dieser geweihten Stätte erwarteten. 

Ich erfuhr bei dieser Gelegenheit, was ich schon früher ahnete, daß das Priesterthum in diesem Lande dem weiblichen Geschlecht übertragen worden sey, seitdem der weise Mamru die Männer von diesem Beruf ausgeschlossen, und denselben die Verwaltung weltlicher Geschäfte dagegen anvertraut hatte. 

Die Frauen welche den Ollos in den Tempel einführten, waren, wie ich hörte, zum Priesterstand ausgewählt, und hatten ihre Prüfungszeit rühmlich bestanden, um zu dieser Würde nun feierlich erhoben und eingeweiht zu werden. Jede derselben empfieng, beim Eintritt in das innere Heiligthum, eine Schleier, sie bedekten sich damit, dann schlosen sie um die Anwesenden einen Kreis, und stimmten eine Hymne an, welche die Priesterinnen in abwechselnden Chören, und, wie mir dünkte, in erhabneren ausdrukvolleren Harmonien beantworteten. Der Ollos und sein Gefolge wohnte dieser andächtigen Zeremonie in einiger Entfernung kniend bei. 

Als der Lobgesang geendet war, so trat die Oberpriesterinn zu dem Fürsten der Arramanden, und redete ihn in folgenden Worten an: 

„Der Schatten deines edlen Vorfahren, des weisen Mamru, segnet dich in dieser heiligen Halle, und Orlida die Erste und Obere unseres ehrwürdigen Bundes, deren vollendeter Geist bei den Unsterblichen wohnt, heißt dich durch meinen Mund willkommen! Ich habe dich und diese Edlen hieher beschieden, damit ich gleich der Anherrin, unter deren Schuz ich den Göttern und diesem Reiche diene, mein Amt in eurer Gegenwart verwalte.“ 

Die Oberpriesterin näherte sich hierauf dem Altar, der in der Mitte des Tempels stand, und es stieg, als sie den Rand des Altars berührte, aus der Mitte desselben ein goldenes Gefäß hervor. 

„In dem Raum dieser Flasche: fuhr sie fort: ruht der mächtige Zauber, den Mamru und Orlida uns anzuvertrauen würdigte: die Wirkung dieses Zaubers, ist streng und schreklich in deiner Hand; aber sanft und belohnend in der meinigen. Erniedrigung und Dunkelheit folgen diesem Wundertrank, wenn du ihn reichst; doch fülle ich die Schale, so senken die Götter seegenvolle Kräfte auf die herab, welche sie leeren, und veredeln sie zu einer nähern Vereinigung mit ihrem unsterblichen Daseyn“ 

Die zwölf Priesterinnen vertauschten, auf den Wink der Oberpriesterin, ihre Pläze mit den zwölf Frauen welche sie umgaben, und diese traten, nachdem sie ihre Schleier wieder abgelegt hatten, sodann paarweis näher zu dem Altar. 

„An euch ihr Auserwählten,“ so redete die Oberpriesterin sie an, „welche Orlida durch die einmüthige Stimme unseres Ordens zu der Weihe dieses Festes berief, bewähre sich der Einfluß himmlischer Mächte, durch diesen Zaubertrank! Er ist der Lohn und das Zeugniß eures reinen Wandels, er vollendet, was ihr rühmlich begonnen habt; aus Neigung erwählt ihr von nun an, mit geläutertem Sinne, was euer Beruf von euch fodert; und ich begrüsse euch bald, in einem veredelten Daseyn, als Gefährtinnen des erhabenen Dienstes unserer grossen unsichtbaren Meisterin.“ 

Die zwölf Frauen setzen hierauf nach einer ehrerbietigen Verbeugung, die Schalen welche sie trugen, auf den Altar, und die Oberpriesterin füllte dieselben mit dem Trank, den das goldene Gefäß aufbewahrte. Ein allgemeiner Lobgesang, an welchem, ausser dem Ollos und seinem Gefolg, auch die Versammlungen in den vier Vorhallen des Tempels Theil nahmen, ertönte während dieser Vorbereitung; so bald aber die Schalen, auf das Geheiß der Oberpriesterin, von den zwölf Frauen geleert wurden, so erfolgte eine feierliche Stille, und man erharrte, in stummer Verehrung, die Wirkung des veredelnden Zaubers. 

Jene hohe Begeisterung, welche mir der Ollos bei der Erzählung von Orlidas Geschichte geschildert hatte, bemächtigte sich auch hier dieser neuen Priesterinnen, sobald sie diesen magischen Trank zu sich genommen hatten. Es mahlte sich die Veredelung, zu der eine überirrdische Macht ihr ganzes Wesen erhob, auf jedem ihrer Züge, und stellte die reinste Harmonie geistiger und körperlicher Vollkommenheiten, an diesen Eingeweihten, in dem erhabensten Ausdruk einer vollendeten Vereinigung dar. 

Die Oberpriesterin umarmte die Gefärtinnen welche ihr die Götter auf diese wundervolle weise geschenkt hatten, und es folgte eine Hymne, die in abwechselnden Chören gesungen wurde. 

Die geweihten Priesterinnen empfiengen hierauf den Glükwunsch des Ollos und der übrigen Anwesenden. Dann wurden die Abgeordneten der vier Stämme, welche während der vorigen Feierlichkeit in den Vorhallen verweilten, in das innere Heiligthum berufen. 

Die Oberpriesterin bestieg einen durch etliche Stufen erhöhten Plaz; der Fürst der Arramanden trat nebst seinem Gefolg ihr zur Seite, und die Priesterinnen schlossen sich an die beiden Enden dieser Versammlung an.

Nachdem sich alles geordnet hatte, so überreichte man der Oberpriesterin ein goldnes Kästchen, in welchem das Vermächtniß des Ollos Mamru und der Oberpriesterin Orlida aufbewahrt wurde. Dies Vermächtniß nannte man das Buch der Pflichten; es enthielt die Geseze der vier Stämme der Arramanden und der Priesterinnen. 

Die Oberpriesterin belehrte ihre Untergebenen von den Pflichten welche dies Vermächtniß ihnen auferlegte, und ich merkte mir folgendes als den wesentlichsten Innhalt davon: 

Die Erkenntniß eures Berufs, ihr Gefärtinnen unseres heiligen Bundes, ist die erste eurer Pflichten. Ihr seyd die Lehrerinnen des irrenden Menschen-Geschlechts das neben euch wandelt; ihr beherrscht den Quell seines Willens, und darum steht eure Macht über der Macht des Fürsten. Ich fodere viel von euch, denn euch ist viel verliehen. Vertheilet mit Weisheit was ihr empfangen habt, und euer Ruhm sey der Seegen den ihr über Andere verbreitet. 

Ergründet den Menschen, den ihr bilden sollt, in dem Innersten seines Herzens. 

Sein Wesen ist ein Widerspruch, sein Handeln eine schwankende Gewohnheit, und sein Daseyn der ahndungsvolle Traum einer helleren Zukunft. Ihr seyd der Enthüllung dieses Traums näher gerückt. Leiht euer Licht dem dunkelern Sinne; befestigt den Gang der Strauchelnden, und verhütet daß die sterbliche Natur kein verlohrnes Daseyn in den Kreis der wiederkehrenden Vergänglichkeit zurück führe. 

Eure Lehre ergreife das Gemüth, und euer Beispiel erspare den Menschen die schwere Wahl des Pfades, den er betreten soll, und den er, je mehr er sinnt, am leichtesten verfehlt. Legt in die frische Jugendkraft des Herzens den Keim des Guten, damit das Gute durch seine Wirkung zur Wahrheit werde. 

Sagt euren Schülern, daß der Tugenden höchste die Geselligkeit sey, und lehrt sie diese Tugend durch eine vertraute Gewohnheit erwerben. 

Laßt die Übung der mannigfaltigen Kräfte, die den Menschen treiben und regen, durch Milde und Billigkeit sich ordnen; denn ähnliche Empfindungsart und nahe verwandte Lebenszwecke gründen und befestigen das Ebenmaß des geselligen Bundes. 

Wiederhohlt es oft: daß Achtung und Liebe kein Tribut der Willkühr, sondern ein wechselseitiges Bedürfniß der Glückseligkeit sey.

Prägt es den Herzen eurer Lehrlinge ein: daß es keine Tugend ohne Aufopferung gibt, und daß den Ruhm des Menschen nur das Verdienst um Andere bestimmt. 

Das Amt dem ihr vorsteht, ihr Priesterinnen, umfaßt die Wohlfart einer sichtbaren Welt und die Hofnungen einer unbekannten unsichtbaren. Ihr seyd die Pflegerinnen einer einfachen Lebensblüte von kurzer Dauer, die hier entkeimt um vollendeter und glänzender sich wieder zu erneuern. Leiht dieser Blüthe keinen fremden Schimmer, der ihr nicht angehört; regt ihre Sprossen zu keinem verderblichen Wachsthum an; und wenn ihr das Endliche mit dem Unendlichen verwebt, und das Vergängliche an das Unvergängliche kettet, so heftet die Pflichten der Sterblichen stets an die Gegenwart, und ihre Hoffnungen nur, an die Zukunft. 

Enthüllet ihnen das Göttliche auf eine fruchtbare weise: stellt die Gottheit als den Urquell alles Guten, und den Inbegrif aller Grösse dar. Das faßliche dieses Bildes wird ihr Wohlwollen beleben, und das Unermeßliche desselben ihr Herzen zur Anbetung erheben. 

Dies sind die Pflichten, die den erhabenen Gegenstand eures Berufs bezeichnen. Doch dieser geistigen Pflege der Menschheit, die euch anvertraut ist, steht ein freundliches segenreiches Geschäft zur Seite, das eure Würde ziert und euren Beruf vollendet. Dies Geschäft ist die Sorge für die irdische Hülle, die des Menschen besseres Daseyn umfängt und darum seyd ihr als Priesterinnen, auch die Ärzte des Volks. 

Euer veredeltes Daseyn hat euch, nächst der Reinheit des Geistes, auch eine hellere Erkenntniß der Sinne verliehen; ihr durchschauet die Natur in ihren Gesezen, und ergründet die verborgenen Kräfte derselben. Braucht, was euch darüber offenbar ist, zur Labung der gebrechlichen Menschheit, spendet mit liebreicher Sorgfalt die Schäze eures Wissens aus, und seyd dem leidenden Kranken ein hülfreicher Genius, der mitleidig seine Klage vernimmt und unerfleht sie zu lindern erscheint.“ 

Dieser Aufforderung, die Heilkunde auszuüben, folgten einige Vorschriften, die mir wieder entfallen sind. Das übrige dieser Vorlesung betraf die heiligen Gebräuche des Priesterthums, und war mir, der mistischen Sprache halber, in welcher sie abgefasst waren, größtentheils unverständlich.

Das Geschäft, dessen sich die Oberpriesterin, in Ansehung ihrer Untergebenen, unterzogen hatte, und das nun geendigt war, sezte der Fürst der Arramanden fort; indem er dem Stamme der Obern das Vermächtniß des Ollos Mamru vortrug; und seinem Beispiele folgten drey Staatsbeamte, die den übrigen Stämmen ihre Pflichten, nach Anleitung dieses Gesezbuches ebenfalls kund machten. 

Doch davon, mein theurer Kanzler – so endigte Prinz Albion seine Erzählung – will ich euch zu einer andern Zeit unterhalten.

 

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