Friedrich SchillerFriedrich Schiller

Die Horen 12/1797

 

IV. 

Die Nonne. 

Romanze. 

„So willst du meiner Bitte taub
   Verbergen stets den Schmerz,
Und bitterer Verzweiflung Raub
   Verschliessen mir dein Herz?“
So sprach, daß er sein Herz entlaste,
Alfons zu seinem trauten Gaste. 

„Zur Freude bin ich nicht mehr da,
   Mir finster ist die Welt,
Und wem ich auch mich liebend nah,
   Dem wird sein Loos vergällt.
Brichst du gewaltsam denn mein Schweigen,
So sei’s, mein Innres will ich zeigen.“ 

„Als Muthvoll in der Jugendzeit,
   Mit Rosen mild umglänzt,
Dem leichten Schritt so groß und weit
   Die Welt schien unbegränzt.
Strebt auch mit kühnem Selbstvertrauen
Ich um die Gunst der schönen Frauen.“ 

„Selbst in des Klosters Zelle drang
   Mein kühner Fuß hinein,
Ich achtet nicht den heilgen Zwang
   Und nicht den frommen Schein.
Da glükt es mir ein Herz zu rauben,
Ich raubt’ der Unschuld Ruh und Glauben.“ 

„Hättst du die liebliche Gestalt,
   Mit einem Blik erspäht,
Du fühltest stets noch die Gewalt
   Der niemand widersteht.
Wie kann ich dir noch menschlich scheinen?
Ich liebte sie – und lies sie weinen.“ 

„Ich eilte Ruhm zu suchen fort,
   und folgt des Krieges Glük,
Verließ der Liebe stillen Ort,
   Und kam nicht mehr zurük.
Bald dacht ich nicht mehr jener Stunden
Der Liebe, die so schnell verschwunden.“ 

„Einst bei der Lampe stillem Schein
   Saß ich im Lager wach,
Da tritts mit leisem Tritt herein
   Und seufzet dreimal, Ach!
Ich blike auf und seh mit Beben
Die Nonne stehn, sie schien zu leben.“ 

„Ach meine Leiden wurden wach!
   Tief fühlt ich mein Vergehn,
Zu spät nur folgte Reue nach,
   Es war um sie geschehn.
Stets bei der Gloke zwölftem Schlagen
Kommt wieder sie, mich anzuklagen.“ 

„Sie sieht mit Ernst auf mich herab
   Doch zürnet nicht der Blik,
Sie schweigt mir wie das düstre Grab,
   Kein Laut kehrt mehr zurük.
Könnt’ noch die Stimme mir ertönen!
Mit meinem Herzen mich versöhnen!“ 

Alfons hört zärtlich an den Freund,
   Mit Wehmuth schließt er ihn
Ans treue Herz. Doch bald erscheint
   Der Hofnung Strahl dem Sinn.
Er will durch trügliche Gestalten
Die Wahrheit seinem Sinn entfalten. 

Und seiner Schwester schnell er naht,
   Fleht sie um Beistand an.
„Versuchst du die gewagte That?
   Willst heilen du den Mann?
Als Nonne nahst du unserm Kreise
Doch menschlich nicht, nach Geisterweise.“ 

„Wenn Nachts wir uns beim frohen Mahl
   Erfreuen, und beim Wein
Ergözen uns in diesen Saal,
   Dann tritt zu uns herein.
Vergebung tön’ aus deinem Munde,
So heilt des armen Freundes Wunde.“ 

„Die Wanduhr sey ein Zeichen dir
   Verändert ist ihr Schlag,
Schlägt zwölfe sie, so tritt herfür
   Und seufze traurig Ach!
Auch selbst die Gloke soll ihn lehren
Daß seine Sinne ihn bethören.“ 

Die Schwester flieht, es hört ihr Ohr
   Der Gäste nahen Tritt
Sie kommen schon im frohen Chor
   Auch Roland nahet mit.
Doch mit des Kummers trüben Bliken
Ihn kann nichts irrdisches mehr entzüken. 

Im traulichen Gespräches Lauf
   Von leichtem Muth erhellt,
Erstehn viel lichte Bilder auf,
   Der fern und nahen Welt.
Aus wohl gefülleten Pokalen
Scheint Lust und Freude neu zu strahlen. 

Es schlägt der Wanduhr heller Schlag,
   Es öfnet sich die Thür,
Da schweigt das laute Lustgelag,
   Es tritt der Geist herfür,
Und wie aus einer Nebelhülle
Naht die Gestalt in tiefer Stille. 

Schwach flimmert noch der Kerzen Strahl,
   Verfinstert schein die Luft,
Ein kalter Hauch durchweht den Saal
   Als wie aus Todtengruft.
Es naht mit wildem Sturmesrauschen,
Erwartend alle Gäste lauschen. 

„Ich bebte nicht im Schlachtgefild,
   Nicht für des Feindes Schwerdt,
Doch schreket mich dies Geisterbild,“
   Spricht leis Graf Dagobert.
Sein Nachbar hört dies an, „Ich staune!
Kannst fürchten noch der Geister Laune?“ 

„Komm nur du liebliches Gesicht
   Aus einer andern Welt,
Komm näher nur, dich fürcht ich nicht
   Wenn dirs bei uns gefällt.
Laß wissen mich, was dein Begehren
Was kann dir deine Ruhe stören?“ 

„Dir nah ich, spricht die Nonne, nicht,
   Und tritt zu Roland hin.
Zu diesem treibet mich die Pflicht
   Zu diesem strebt mein Sinn.
Versöhnung will ich ihm verkünden,
Vergeben sind ihm seine Sünden.“ 

Voll Zuversicht naht Roland sich:
   „Du bist mir längst vertraut,
Mein Herz empfängt mit Wonne dich
   Und hört den Friedenslaut“
Doch kaum geendet sind die Worte
So rauscht es leise an der Pforte. 

Und von des Thurmes Gloke klingt
   Der lezte zwölfte Schlag
Der vorgeschobne Riegel springt,
   Es rauscht in dem Gemach,
Und staunend alle Gäste sehen
Zwei Nonnen bei einander stehen. 

Die falsche Nonne zittert, liegt
   An ihres Bruders Brust,
Des Schrekens Macht hat sie besiegt,
   Sie ist sich nicht bewußt.
Mit leisem feierlichen Schritte
Naht sich der Geist der Freunde Mitte. 

Aus seinem Mund erschallt kein Laut,
   Er hebet nicht die Hand,
Zu Roland schwebt er, der vertraut
   Sich naht und wohlbekannt.
Die andern Gäste fliehn betroffen,
Hier können sie nicht Lust mehr hoffen.

 

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