Friedrich SchillerFriedrich Schiller

Die Horen 12/1797

 

VIII. 

Die Gaben der Götter. 

Glücklich ihr, Die Cythere mit Reizen schmückte, und denen
Here die große, des Glücks schimmernde Gaben verlieh;
Denen der Donnerer Zeus mit Ehre die Schultern umkleidet,
Denen den glänzenden Kranz Ares der schreckliche wand;
Aber glücklicher der, dem in die fühlende Seele
Letos herrlicher Sohn Muth und Begeisterung goß!
Ihn erheben die Musen hoch über die Leiden der Erde,
Sein ist die schöne Natur, sein der Unendlichkeit Reich.
Warst du nicht glücklich, o du Ioniens göttlicher Sänger,
War gleich dein Auge des Tags lieblicher Klarheit beraubt,
Zwar der Reiz der Erde verschwand dir, doch schufen die hohen
Musen ein schöneres Land, lichtere Thäler um dich.
Oft verirrtest du dich in Zaubergefilden der Töne
Und vergaßest die Welt, welche dich nimmer vergißt.
Glücklich warst du, o Sapho, obgleich unglückliche Liebe
Dich in den Wogen begrub lebte dein Name nach dir.
Eure Gaben verschwinden, Kronion und Here, dein Lorbeer,
Waffenumleuchteter Gott, hat sich in Blute gefärbt.
Wenn die Rosen der Jugend verwelken, dann flieht auch der Schönheit
Sonnenschimmer, und nichts liebt den Verblühten zurück.
Auch vermag uns nicht Glück, nicht Anmuth vom Tode zu retten.
Alle Sterbliche gehen nieder zur stygischen Flut.
Nur die Geliebten der Musen betreten Aidoneus Gefilde
Nie, ihr unsterblicher Geist fliegt zu den Göttern empor.

 

<   >